Es gibt kein fließendes Wasser und keinen elektrischen Strom. Puppen und Teddybären, Bauklötze und und elektronische Spielgeräte sind nicht gern gesehen. Das würde dem pädagogischen Konzept eines Waldkindergartens widersprechen. Dafür ist das Gelände des Kindergartens des Bayerischen Roten Kreuzes Coburg riesig und hat schier unendlich viele Möglichkeiten zu spielen, Lager zu bauen und jeden Tag ein Abenteuer zu bestehen. Und es gibt ein schwarzes Kaninchen, das schon Tage vor der Eröffnung des Kindergartens in der Natur umherhoppelt.

Wald und Wiese sind es auch, die den Vormittag der Kinder bestimmen und prägen. "In der Regel verbringen die Kinder und Betreuerinnen den ganzen Vormittag draußen", sagt Franziska Schiller-Kempf, "bei nahezu jedem Wetter." Wenn es stürmt, schneit oder stark regnet, gibt es als Unterschlupf eine designte Schutzhütte mit überdachter Veranda und Holzofen.


Konzept aus Dänemark

Das pädagogische Konzept eines Waldkindergartens gibt es seit mehr als 60 Jahren. Die Kinderbetreuerin Ella Flatau ging 1950 in Dänemark zunächst mit ihren eigenen Kindern und dann mit Nachbarskindern häufig in den Wald. Im Lauf der Zeit interessierten sich immer mehr Eltern für diese Art der Betreuung und gründeten eine Initiative mit dem Ziel, den Waldkindergarten zu institutionalisieren. Das Konzept verbreitete sich im skandinavischen Raum. 1968 entstand der erste deutsche Waldkindergarten in Wiesbaden und bis heute sind es über 1000 Einrichtungen im Bundesgebiet.

Die Kinder fänden im Waldkindergarten wieder zu sich selbst, sind Franziska Schiller-Kemp und ihre Kollegin Vanessa Müller überzeugt. "Sie sollen sich auch wieder dreckig machen können, wobei Waldboden und Erde im eigentlichen Sinn kein Schmutz sind", so Vanessa Müller. Kinder heute seien schon in den ersten Lebensjahren vielen Einflüssen ausgesetzt, gleichzeitig entferne sich die Lebensweise immer mehr von der Natur und der Umgebung. Nicht zuletzt durch die rasant zunehmende Digitalisierung des Lebens und ein stetig wachsendes Medienangebot bewegten sich Kinder heute viel weniger als ihre Altersgenossen noch vor 30 Jahren.

Als geborene "Experten" erfinden Kinder aus den Dingen im Wald eigene Spielsachen oder Spielsituationen. Sie erforschen ihre Umgebung, verarbeiten diese Eindrücke und kommunizierten mit anderen hierüber. Auf diese Weise entwickeln sie sich sozial, emotional, motorisch, sprachlich und intellektuell. Das ist der pädagogische Ansatz der Waldkindergärten, die damit einen Gegenpol zu der reizüberfluteten übertechnisierten und wenig durchschaubaren Welt stellen sollen.


Spartanisch, aber ein Design-Gebäude

Daher ist die Einrichtung der Schutzhütte in Oberlauter sehr spartanisch: Tische, Stühle und ein Holzofen - mehr gibt es nicht in dem Raum mit den großen hohen Fenstern. "Das Essen haben die Kinder im Rucksack dabei, Tee kochen wir auf dem Ofen", beschreibt Franziska Schiller-Kempf die Situation. Das Wasser zum Händewaschen werden die Erzieherinnen in Kanistern mitbringen, als Toilette dient ein eigenes Häuschen im Wald. Nach den Worten von Franziska Schiller-Kemp wissen die Eltern um die besonderen Umstände, wenn sie ihr Kind in einem Waldkindergarten anmelden. "Sie werden öfters das Auto innen reinigen müssen", meint sie mit einem verschmitzten Grinsen und deutet auf den Matschbereich vor der Schutzhütte. Auch von der richtigen Kleidung während des ganzen Jahres hänge der Erfolg des Kindergartens unter Bäumen ab. Dafür aber gewännen die Kinder an körperlicher Widerstandsfähigkeit und Beweglichkeit, an Neugier und sozialen Kompetenzen sowie dem Verständnis für die Natur. "Bestimmt sind die Kinder durch den Aufenthalt im Freien nicht ständig krank, eher das Gegenteil wird der Fall sein", ist sich Franziska Schiller-Kempf sicher.

BRK-Waldkindergarten
Informationen und Anmeldung Jürgen Beninga, Sally-Ehrlich-Straße 16, 96450 Coburg, Telefon: 09561/80890; Fax: 09561 /808916, E-Mail: beninga@kvcoburg.brk.de

Ablauf Montags bis freitags erwarten die Erzieherinnen zwischen 7.30 und 7.45 Uhr die Kinder am Ende der Straße "Langer Berg" in Oberlauter. Von dort geht es zu Fuß einige Hundert Meter zur Schutzhütte und dem weitläufigen Gelände. Der Waldkindergarten des BRK hat von Montag bis Donnerstag in der Zeit von 7.30 bis 13.30 Uhr geöffnet, freitags bis 14 Uhr. Aufgenommen werden 15 Kinder im Alter zwischen drei und sechs Jahren.