An diesem Abend geht einfach alles schief. Die Schauspieler vergessen ständig ihren Text, die Requisiten sind nie dort, wo sie eigentlich sein sollten. Und im falschen Moment öffnen sich todsicher die falschen Türen. Darsteller am Rande des Nervenzusammenbruchs und ein Regisseur, der sich für Gott hält, aber längst jeden Rest von Überblick verloren hat.


Theater auf dem Theater auf dem Theater


Gut, wenn man an einem solchen Abend nicht auf der Bühne steht, sondern im Zuschauerraum sitzt und sich darüber amüsieren kann, was alles schief geht. So funktioniert Michael Frayns Komödie "Der nackte Wahnsinn" - ein Stück, in dem das Theater selbst zum Thema wird. Mehr noch: Frayn zeigt Theater auf dem Theater auf dem Theater.


Kurzfristige Umbesetzung zwei Tage vor der Premiere


Ein Spiel mit doppeltem, gar mit dreifachem Boden. Doch nicht genug damit: Bei der Neuinszenierung am Landestheater Coburg greift die Wirklichkeit zwei Tage vor der Premiere gänzlich humorlos ein in die Probenarbeit. Für die erkrankte Darstellerin Sandrina Nitschke muss kurzfristig ihre Kollegin Anne Rieckhof einspringen.


Glück im Unglück: Rieckhof, in dieser Spielzeit aus Meiningen nach Coburg gekommen, kennt das Stück aus der Produktion am dortigen Staatstheater - war dort allerdings in einer anderen Rolle besetzt.

Blick in den Spiegel

Schwierige Voraussetzungen also für ein Stück, das seinen Witz gerade aus dem perfekten Timing, aus den präzis in Szene gesetzten typischen Theater-Pannen gewinnt. Das Resultat jedoch? Ein lautstarker Premierenerfolg für Regisseur Matthias Straub und sein neunköpfiges Ensemble.


Die Magie des Augenblicks


Theater verdankt seinen Reiz scheinbar gegensätzlichen Elementen - präziser, penibler Probenarbeit und der Magie des Augenblicks, des Unvorhergesehenen. Unerwartetes gibt es reichlich in dieser dreiaktigen Komödie, die ein fiktives Stück mit dem Titel "Nackte Tatsachen" gleich aus drei Perspektiven zeigt. Im ersten Akt erlebt der Zuschauer das Ensemble eines Tourneetheaters bei der Generalprobe. Im zweiten Akt tobt das Chaos hinter der Bühne - und im dritten Akt wird die letzte Aufführung der Tournee zum finalen Desaster.


Darsteller fallen die Treppe hinunter


Dann fallen die Darsteller erst aus der Rolle und schließlich noch die Treppe hinunter. Oder sie stolpern unweigerlich über allerlei quer durch den Raum gespannte Kabel.


Blick auf die Hinterbühne


Im Landestheater wird das Spiel mit dem Theater auf dem Theater für Akteure wie Zuschauer zum Blick in den Spiegel. Denn Bühnenbildner Till Kuhnert jongliert bei seinen Kulissen vergnüglich mit Anspielungen auf die Innenausstattung des Landestheaters. Und im zweiten Akt sieht der Zuschauer beim Blick von der Hinterbühne auf die wohlvertrauten Ränge des Coburger Musentempels.

Effektvoll in Szene gesetzt

Michael Frayns Komödie funktioniert wie ein gut geöltes Uhrwerk. Ein Rädchen greift ins andere - besonders dann, wenn sich eine der vielen Türen nur scheinbar im falschen Moment öffnet. Und genauso bringt Coburgs Schauspieldirektor Matthias Straub diese Farce auf die Drehbühne des Landestheaters - als theatralisches Uhrwerk, das trotz der kurzfristigen Umbesetzung präzis tickt.


Exaktes Timing


Straub weiß ganz genau, wie Pointen effektvoll in Szene zu setzen sind. Er hat Gespür für exaktes Timing und lässt sein Ensemble mit wohl dosierter Übertreibung agieren, ohne die Farce zur Klamotte zu machen. Welche (vermeintliche) Panne einstudiert und welche vielleicht doch der sehr kurzfristigen Umbesetzung geschuldet ist - für das Premierenpublikum ist das kaum zu unterscheiden.

Temporeicher Theaterspaß

Schließlich präsentiert sich das Ensemble in bester Komödienlaune. Von Niklaus Scheibli als Regisseur Lloyd Dallas bis Eva-Marianne Berger als Regie-Assistentin Poppy Norton-Taylor - sie alle brillieren mit Spielfreude und Lust an effektvoller Zuspitzung. Thorsten Köhler darf sich am Ende nicht nur Applaus als Darsteller abholen, sondern auch für seine Kostüm-Wahl, die treffsicher zur Charakterisierung der Figuren beiträgt.


Schein und Wirklichkeit


Michael Frayns "Der nackte Wahnsinn" - ein turbulenter, temporeicher Theaterspaß, der das Spiel mit Schein und Wirklichkeit genussvoll auf die Spitze treibt. Ein Theaterspaß mit eingebauter Erfolgsgarantie.



Sie bringen den "Nackten Wahnsinn" auf die Bühne des Landestheaters



Termine "Der nackte Wahnsinn" - 17., 18., 24., 29. April, 5., 6., 16. Mai, 19.30 Uhr, 25. Mai, 18 Uhr, 28. Mai, 19.30 Uhr, 7. Juni, 18 Uhr, 14. Juni, 15 Uhr, 25., 27. Juni, 19.30 Uhr, Landestheater Coburg

Die Rollen und ihre Darsteller Dotty Otley (Mrs. Clackett): Katja Teichmann
Garry Lejeune (Roger Tramplemain): Thorsten Köhler
Brooke Ashton (Vicki): Sandrina Nitschke/Anne Rieckhof
Frederick Fellowes (Philip Brent): Nils Liebscher
Belinda Blair (Flavia Brent): Kerstin Hänel
Selsdon Mowbray (Einbrecher): Thomas Straus
Lloyd Dallas, Regisseur: Niklaus Scheibli
Poppy Norton-Taylor: Eva Marianne Berger
Tim Allgood, Inspizient: Benjamin Hübner