Die Tagesangebote, so verkündet es die Tafel des Gasthofs "Zum Schwarzen Bären" direkt an der Ortsdurchfahrt von Beiersdorf, sind Rote Leberwurst, Schäufele und Lammhäxchen. Bernd Lucke entscheidet sich für Hawaii-Toast. Will er, der Bundesvorsitzender einer Partei ist, die von vielen als rechtspopulistisch kritisiert wird, damit bewusst ein Zeichen für Weltoffenheit setzen? Nein, seine Wahl hat eher damit zu tun, dass dieses Gericht sehr schnell geht. "Er isst jetzt, in sieben Minuten kann es dann losgehen", ruft André Wächter, der aus Coburg stammende Landesvorsitzende der "Alternative für Deutschland" (AfD).

Gut 50 Mitglieder und Sympathisanten der AfD sind am Freitagabend gekommen. Dass es gelungen ist, den Bundesvorsitzenden für eine Versammlung zu gewinnen, macht die Führungsriege des AfD-Kreisverbands Coburg/Kronach stolz. Selbst wenn Lucke natürlich nicht ganz uneigennützige Motive hat: In der AfD tobt schließlich ein Machtkampf, den er gewinnen möchte - und bis zum Parteitag in knapp vier Wochen möchte er möglichst viele Mitglieder auf seine Seite ziehen.

Kreisverband zählt 45 Mitglieder

"Wir haben zurzeit 45 Mitglieder", sagt der AfD-Kreisvorsitzende Stefan Zubcic, während seine Stellvertreterin Sandra Bischoff die eintrudelnden Gäste mit kleinen Aufmerksamkeiten begrüßt: Rosen für die Damen, Kekse mit AfD-Logo für die Herren - ja, und Seifenblasen stehen auch bereit. Für wen? Egal. Denn jetzt ist das Hawaii-Toast verspeist und Bernd Lucke beginnt seine Rede. Eineinhalb Stunden soll sie dauern. "Das ist bei Professoren eine Berufsgewohnheit", witzelt der Professor, weil eine Vorlesung eben auch 90 Minuten dauert.

Doch weil es nicht Luckes erste Vorlesung beziehungsweise Veranstaltung auf seiner parteiinternen Wahlkampftour ist, hat er schon dazu gelernt: "Ich werde nur eine Stunde reden - und dann können wir diskutieren."
Lucke spricht ausführlich über den Euro ("schädlich für Europa"), kritisiert "die Altparteien" und, dass Deutschland zu viele seiner "Hoheitsrechte" an Europa abgetreten habe. Da gibt es im bunt gemischten Publikum erstmals Beifall.

Bernd Lucke reißt die Leute aber trotzdem nicht gerade mit - er versucht sie eher zu beeindrucken. Er spricht leise, oft in mit Fachbegriffen überfrachteten Sätzen. Er kann aber auch deutlich: "Wir fühlen uns deutschen Interessen verpflichtet", sagt er etwa mit Blick auf das geplante und umstrittene Freihandelsabkommen mit den USA.

Wenig später, Lucke hat sich soeben über die seiner Meinung nach schlechte Asyl- und Zuwanderungspolitik ausgelassen, versucht er eine klare Abgrenzung zum rechten Rand.

"Wir schüren keine Ängste"

"Ja, es gibt Überfremdungsängste in Deutschland - aber wir schüren sie nicht und versuchen auch nicht, politisches Kapital daraus zu schlagen." Stattdessen wolle man "Lösungsansätze" präsentieren. Zum Beispiel: Asyl-Antragsstellen könnten in Nordafrika eingerichtet werden. Auf diese Weise würden nur diejenigen die Schiffsüberfahrt nach Europa auf sich nehmen, die auch tatsächlich als Asylanten anerkannt werden.

Nach einer Stunde ist dann wie geplant Schluss. Die erste Frage aus dem Publikum dreht sich um den besagten Bundesparteitag in vier Wochen: Die Einladungen seien zwar dieser Tage bei allen Mitgliedern eingetroffen, doch entspreche diese Ladungsfrist der Satzung? "Ja", sagt Lucke, während ein anderes Mitglied schimpft: "Das ist doch bezeichnend! Die allererste Frage, die hier gestellt wird, dreht sich nicht um ein Sachthema, sondern um die Satzung."

Dann geht erstmals auch Bernd Lucke auf die parteiinternen Querelen ein. Bei seinem Streit mit Frauke Petry gehe es gar nicht um Inhaltliches, betont er, sondern darum, wie die im April 2013 gegründete Partei "gefestigt werden muss". Der Bundesvorsitzende, der auch Mitglied des Europaparlaments ist, plädiert dafür, dass sich die AfD vom Image der "Protest- und Wutbürgerpartei" löst und künftig mehr als nur die Themen Euro und Zuwanderung besetzt. "Den Bereich Energie zum Beispiel haben wir völlig verwaisen lassen!" Sagt's, erntet erneut Beifall und steigt nach einem weiteren Plausch ins Auto - es hat direkt neben der Tafel geparkt, die heute Rote Leberwurst, Schäufele und Lammhäxchen anpreist.