Kaum klingen die ersten Klaviertöne durch den Raum, wippen viele Füße im Takt der Musik. Gesichter entspannen sich und Körper wiegen leicht hin und her. Erst stimmen einzelne ein, dann immer mehr: "Freut euch des Lebens..." singen die Teilnehmer am Singkreis im Seniorenheim der Awo an der Sonneberger Straße.

Die Stimmung hat etwas von der "Lechtstumm" alter Zeiten. Ein gemütliches Miteinander, vereint im Singen von Liedern, die viele hier noch aus ihrer Schulzeit oder ihrer Kindheit kennen. Die Vertrautheit in diesem Kreis kommt nicht von ungefähr. "Wir feiern heute, dass dies bereits die 200. Singstunde ist!", verkündet die Leiterin der Einrichtung, Margit Welscher. Deswegen gibt es heute ein Gläschen Sekt zum Singen. Alkoholfrei, mit Orangensaft oder, wenn jemand möchte, auch "richtigen" Sekt. Rund 17 Jahre ist es her, dass sich eine Gruppe von Damen im Katholischen Deutschen Frauenbund Neustadt entschloss, diesen Singkreis im Seniorenheim anzubieten.

Es hatte damals eine Singgruppe gegeben, die eine Sozialpädagogin betreute. Als diese die Einrichtung verließ, drohte das Singen zu verstummen. Also sprangen die Damen aus der katholischen Gemeinde Verklärung Christi ein.

Sie tun es bis heute. Waltraut Wingchen, Erika Kossakowski, Irma Wilhelmi-Hofmann, Heidemarie Rung und Gisela Partes kommen mit Liederzetteln und Gedichtbänden einmal im Monat. "Jedes Mal ist der Raum hier voll", sagt Carmen Müller, die Leiterin des sozialen Dienstes im Awo-Heim.

"Wir passen das Programm immer der jeweiligen Zeit an", erzählt Waltraud Wingchen. Im Frühjahr gibt es Frühlingsgedichte und passende Lieder. So geht es im Sommer, Herbst, in der Adventszeit, oder zum Jahreswechsel. Und immer nehmen auch die Damen des Frauenbundes etwas für sich mit. "Wir fühlen uns hier schon wie zu Hause", sagt Wingchen. "Die Freude der Senioren ist für uns der schönste Lohn." Manchmal muss sie ein Gedicht nur anlesen, dann beginnt jemand aus dem Kreis es weiter aufzusagen. "Dann sind wir ganz still und hören zu", sagt sie, und die Freude an der Beschäftigung mit den Senioren ist ihr dabei anzumerken.

"Es ist wirklich eine der begehrtesten Gruppenstunden", bestätigt auch Margit Welscher. Ganz enttäuscht seien alle, wenn die Stunde einmal ausfallen muss. Doch das sei noch nicht oft passiert in den 17 Jahren, in denen die Damen des Frauenbundes jetzt kommen. Während Waltraud Wingchen ein Gedicht zum Jahresanfang liest, trudeln noch Nachzügler ein, die kaum noch in den Raum passen. Es ist das familiäre, ungezwungene, das den Senioren so gefällt an dieser Stunde, weiß Carmen Müller: "Man kann mitmachen, sich einbringen, oder einfach dabei sein und zuhören - ganz wie man mag. Für die Senioren ist es schön, sich an all die Lieder zu erinnern, die heute leider keiner mehr in der Schule lernt."

Inzwischen spielt Erika Kossakowski am Klavier das nächste Lied an. Und wieder singen viele aus dem Gedächtnis mit.