Die ältesten Plakate aus dem Jahr 1953 haben es sogar ins Forchheimer Stadtarchiv geschafft. "Damals", so die Forchheimer Grafikerin Ute Heimüller, "haben die Parteien noch sehr viel mit dem Thema Angst gespielt. Selbst Bundeskanzler Adenauer blickt relativ finster drein. Die Sorge um die damals noch junge Republik ist ihm förmlich anzusehen." Verstärkt werde dieser Eindruck durch die Tatsache, dass damals Farbe noch recht teuer war, weshalb der Schwarz-Anteil auf den Werbeträgern deutlich höher ist als heutzutage.

Geradezu aggressiv wirke ein FDP Plakat mit einem (drohenden) Zeigefinger. "So etwas schreckt heutzutage eher ab", findet Heimüller. Die Fotografin Simone Betz bestätigt: "Waren damals dunkle Töne vorherrschend, wie schwarz und rot, die in der Stimmung eher düster und aggressiv wirken, sind die Wahlplakate heute hell und freundlich gestaltet. "

Nur ansatzweise wurde in den 50er Jahren versucht, eine "heile Welt Stimmung" zu vermitteln. "Lediglich FDP und die SPD (im Motiv "Deutschlands Zukunft") nutzen die Kraft emotionaler Bilder und warben so mit lachenden Kindergesichtern um Sympathie", stellt die Forchheimer Grafikerin Cornelia Schanda, Chefin der Agentur Anthrapink fest.

Bemerkenswert: Die verwendeten Schriftarten von damals zeigen sich im Vergleich zu heute durchgängig sehr schmal und mit einer relativ hohen Mittellänge. "Das erzeugt ein Bild von Beständigkeit und Halt, aber völlig ohne Dynamik", so Schanda. Hier und da werden Schreibschriften zur Auflockerung eingesetzt. Allerdings gezielt. So stehe der zittrige Schriftzug "Adenauer" für "überholt und antiquiert", findet Ute Heimüller. Für den Namen des Kanzlerkandidaten Ollenhauer dagegen verwendet die SPD eine moderne Schrift, die in sich schon Fortschritt ausstrahle und Zuversicht sowie Vertrauen schaffen soll.

Ebenfalls auffallend sind die Pastelltöne, wie sie damals die Bayernpartei verwendete. Angelehnt habe sich die Partei dabei an die damals gängige Werbung. So war selbst die Waschmittelreklame ähnlich blass. Nicht die Farbigkeit, sondern die vielen unterschiedlichen Schiften standen im Mittelpunkt.

Cornelia Schanda findet: "Was sich inhaltlich durchgängig um Einheit und Frieden dreht, hat gestalterisch durch den fehlenden Wiedererkennungswert wenig Differenzierungspotenzial." Besonders auffällig sei, dass früher relativ nüchtern kommuniziert wurde. Einfache, oft rein typographische Gestaltungen ließen beim Betrachter kaum Emotionen entstehen.
Heute verwende man innerhalb eines Werbemittels nicht mehr als zwei verschiedene Schriftarten. Damals seien innerhalb eines Plakates bei sehr wenig Textanteil sogar bis zu vier verschiedene Schriftarten zu finden. Dies sei ebenfalls dem Wiedererkennungswert kaum zuträglich.

Cornelia Schanda: "Insgesamt sind die Wahlplakate der damaligen Zeitzeugen dafür, dass ein einheitliches Erscheinungsbild für Unternehmen sich erst langsam durchgesetzt hat. Bei den mehreren Tausend Werbebotschaften, die jeder von uns heutzutage präsentiert bekommt, ist das Corporate Design nicht mehr wegzudenken. Nur so ist es erreichbar, dass man als Partei oder Unternehmen wiedererkannt wird und sich vom Wettbewerber abhebt."

Fotografin Simone Betz stellt beim Vergleich der Plakate von einst und jetzt fest: "Das klassische Brustportrait der Kandidaten ist immer noch nicht aus der Mode gekommen. Die abgebildete Person, leicht seitlich positioniert, ebenmäßig ausgeleuchtet und formatfüllend ist auch heute noch ein Klassiker."

Sie hat beim Vergleich der Plakate von einst und jetzt festgestellt, dass die FDP scheinbar schon damals versucht habe, diese klassische Darstellung zu durchbrechen und mit einem Gruppenbild eher inhaltliche Elemente zu transportieren versuchte. Das Plakat versuchte ein bestimmtes Bild in den Kopf des Wählers zu transportieren. Dies sei heute vermehrt in der Wahlwerbung zu beobachten. So würden häufiger Slogans, oder Stimmungsbilder eingesetzt, die eine bestimmte Emotion beim Betrachten auslösen sollen. So wage sich die FDP auch zur aktuellen Bundestagswahl an neue Gestaltungselemente.

Simone Betz erklärt: "Die Fotos sind in einem hellen schwarzweiß gehalten, aber keine klassischen Brustportraits. Der dynamische, klare Aufbau und die Posen wirken frisch, modern und sind völlig neu in der "Fotografie" der Wahlplakate."
Andere Parteien hingegen setzen auf Klassiker, unterstützt durch die deutschen Nationalfarben Schwarz, Rot, Gold wie etwa die CDU. Dies erinnere ein wenig an das Plakat Konrad Adenauers, das durch die Farbgebung und Darstellung sehr klassisch, fast schon wie ein monumentales Gemälde wirke. Die SPD setze heute sehr auf Bilder, die sich dynamisch und kontrastreich zeigen. "Wesentlich ästhetischer und harmonischer als in der Vergangenheit", so Betz.

Eine wichtige Rolle komme laut Ute Heimüller der Farbpsychologie zu. So sei blau die Farbe, die die höchste Sympathie genieße. Nicht von ungefähr habe die CDU viel blau in ihren Plakaten. Zusammen mit magenta und orange sollen die Plakate eine positive Grundstimmung erzeugen. Aber auch die AfD mache sich die Wirkung der Farbe Blau zunutze.

"Orange polarisiert", gibt Ute Heimüller zu bedenken, die diese Farbe auf den Werbeträgern als "zurückgenommenes, gefälliges Rot" interpretiert. Damit solle Sozialkompetenz, wie bei der SPD ausgedrückt werden.

"Grün verweiset auf Natur und Umwelt, die zentrales Anliegen dieser Partei sind und gelb wirkt strahlend und assoziiert eine positive Zukunft", erklärt die Grafikerin.

Ute Heimüller analysiert: "Eine dynamische Linie von links unten nach rechts oben erzeugt Dynamik und steht für eine Aufwärtsbewegung, eine Botschaft, die sich in der Bildsprache der Plakate der Freien Wähler ebenso findet, wie bei der AfD oder den Grünen. Auch durchsichtige Schriften wie sie die SPD verwendet verheißen eine positive Perspektive."