In Windeseile hätte sich Anette Kramme einen Überblick verschaffen können. Bei ihrem Gemeindebesuch am Dienstag lud Bürgermeisterin Christiane Meyer (NLE) die Parlamentarische Staatssekretärin zu allererst auf den Flugplatz am Feuerstein ein. Geschäftsführer Michael Zistler hatte ein Flugzeug bereitgestellt und wollte Anette Kramme gerne die Welt in Ebermannstadt von oben zeigen. Doch die SPD-Abgeordnete blieb auf dem Boden: Im Wahlkampf wolle sie "eine öffentliche Diskussion darüber vermeiden, irgendetwas anzunehmen, was als Geldwerter Vorteil gelten" könne. Aber nach dem Wahlkampf werde sie wiederkommen und privat einen Rundflug buchen, versprach Kramme.

Doch auch ohne seine Flugkünste zu demonstrieren, gelang es Michael Zistler die Bundestagsabgeordnete mit der Geschichte der Fliegerschule am Feuerstein zu beeindrucken. In Spitzenzeiten habe es hier mal 60 000 Flugbewegungen pro Jahr gegeben; immerhin sei man aber noch die viertgrößte Schule in Deutschland, sagte Zistler. Beklagte aber auch die "entnervende bürokratische Überregulierung" im Fluggeschäft und die "absurden Auswüchse" des Flugrechtes.

Wer den Flugplatz heute nutze? Wer der typische Klienten-Kreis sei? Was man beim Kauf "einer kleinen Maschine" ausgeben müsse? Der Flughafen-Geschäftsführer klärte die Abgeordnete auf, dass es den "typischen Klienten" nicht gebe und dass ein günstiges Flugzeug schon für 40 000 Euro zu haben sei. Flugbegeisterung ergreife Steuerberater in gleicher Weise wie Schreiner oder Schüler, die Zeitungen austragen, um sich den Flugschein zu finanzieren.
"War richtig spannend", betonte die Abgeordnete, als sie sich für ein Erinnerungsfoto vor ein Flugzeug stellte. Und Zistler verabschiedete sie mit einem letzten Lockangebot: "Fliegen ist noch besser".

Anette Kramme setzte ihre Fahrt in Richtung Niedermirsberg fort. Bei den Beerenbauern in der Fabrik von Birgit und Tom Bertelshofer fand es die Abgeordnete nicht weniger "spannend". Das Paar erzählte die abenteuerliche Geschichte eines rasanten Wandels vom Beerenobstbetrieb zum Hersteller von Demeter Fruchtaufstrichen.
"Mutig, diesen Schritt zu wagen und aus den gelernten Berufen auszusteigen", zeigte sich Kramme beeindruckt.

Begleitet wird die Bundestags-Direktkandidatin des Wahlkreises Bayreuth/Forchheim an diesem Nachmittag von ihrem Bamberger Genossen MdB Andreas Schwarz. Die Art der beiden, Wahlkampf zu machen, ähnelt sich: Tageweise verbringen sie Zeit an der Basis, um die politische Wirklichkeit jenseits des Berliner Politbetriebs nicht aus den Augen zu verlieren.

Der Wahlkampftour von Anette Kramme ist an diesem Tag von einer kaum zu bewältigenden Fülle geprägt. Schon am Vormittag besucht sie Pegnitz und beteiligt sich dann an einer Podiumsdiskussion von TV Oberfranken. Das Mittagessen erledigt sich quasi im Vorübergehen an einer Dönerbude, um dann in Ebermannstadt fünf Themenblöcke zu bewältigen. Im Dreiviertelstunden-Takt wechselt sie die Besuchsorte und stellt sich auf Dutzende unterschiedlicher Gesprächspartner ein. Auf dem Feuerstein versucht Kramme die Winkelzüge des Flugrechts nachvollziehen; mit den Demeter-Produzenten in Niedermirsberg debattiert sie die Gratwanderung zwischen Hochwertigkeit und Bezahlbarkeit von Lebensmitteln; bei der Firma Vierling tauscht sie sich mit Markus Diehl (Prokurist und Mitglied der Geschäftsführung) über die Mühen und Erfolgserlebnisse eines Elektronik-Dienstleisters aus; im Seniorenheim animiert sie die Bewohner, über Verbesserungen in der Senioren-Politik nachzudenken und ihr Anregungen mit auf den Weg geben.

Beim Besuch im Café Bellini, wo Kramme das Gespräch mit Senioren-Vertretern der Stadt sucht, kommt die Staatssekretärin
(bei der Bundesministerin für Arbeit und Soziales) ihrem Metier spürbar am nächsten. Gerade das Thema "Schwerbehinderung" habe ja eine deutliche Berührung mit dem Pflegethema der Senioren, sagt sie und fragt die Zuhörer wiederholt: "Wie, meinen Sie, wollen die Senioren in der Zukunft leben? Was muss sich ändern?"
Ilse Foegelle, die Sprecherin der Senioren-Vertretung, hat viele Fragen notiert. Anette Kramme nimmt zu jeder Stellung.

Obwohl sie zu diesem Zeitpunkt schon acht Stunden reden und zuhören hinter sich hat, scheint Kramme noch einen Gang zulegen zu können. Die 49-Jährige tauscht sich mit den Senioren über die Last von Steuererklärungen aus; spricht über Rentenpunkte und Pflegestützpunkte; über die "brutale Diskrepanz in der Pflege zwischen den Interessen der Angehörigen und der Betroffenen"; oder auch über die Barrierefreiheit und die komplexen Anforderungen der UN-Behindertenrechtskonvention. Bei diesem Thema sei wohl nicht nur die Stadt Ebermannstadt vor beinahe uneinlösbare Forderungen gestellt, tröstet die SPD-Abgeordnete die NLE-Bürgermeisterin.

Es ist schon nach 18 Uhr, als Anette Kramme noch immer bei der Firma Vierling über den "leergeräumten Arbeitsmarkt" spricht und sich geduldig eine Produktionslinie in den Werkhallen an der Pretzfelder Straße erklären lässt. "Es gäbe noch viel Interessantes zu sehen", sagt Bürgermeisterin Christiane Meyer, doch Kramme bittet, den letzten Punkt vom Ablaufplan zu streichen. Denn um 19.30 wird sie sich an der Podiumsdiskussion des FT in der Grund- und Mittelschule beteiligen: "Eine halbe Stunde Pause bräuchte ich vorher schon noch."