Ottmar Hörl kommt sich vor wie auf seinem ganz privaten Ritt der Walküren. Ein solches weibliches Geisterwesen aus der nordischen Mythologie muss der Nürnberger Künstler im Bayreuther Rathaus vermuten - in Person von Oberbürgermeisterin Brigitte Merk-Erbe (Freie Wähler). Das Stadtoberhaupt hat ein Geschenk Hörls abgelehnt, das dieser der Stadt machen wollte. Es handelt sich um zehn Plastiken, in wetterfestem Aluminium gegossen, etwa 1,10 Meter hoch und in Gestalt des dirigierenden Genius Richard Wagner.

Kein Präzedenzfall

Seinen Antrag, die Figuren dauerhaft im Festspiel-Park aufzustellen, hatte der im unterfränkischen Wertheim tätige Hörl schon im Winter gestellt. "Als Antwort habe ich dann seitens der Stadtverwaltung einen ablehnenden Brief bekommen: Man wolle keinen Präzedenzfall schaffen - sprich: Jeder Künstler solle gleich behandelt werden", zitiert Hörl mit hörbarem Unverständnis in der Stimme.

Und nach kurzer Pause schiebt er nach: "Welcher Präzedenzfall? Mit Verlaub: Meine 500 Figuren aus Kunststoff, die im Wagner-Jubiläumsjahr 2013 am Hügel standen, haben Bayreuth ein Stadtmarketing beschert, das in alle Welt ausgestrahlt hat. Mehr als 100 .000 Menschen haben die Plastiken gesehen, sie waren sogar in der ,Tagesschau‘ im Bild. Und jetzt sind ich und mein Angebot nicht mal ein persönliches Wort wert. Ja, man gibt mir das Gefühl, mich sogar entschuldigen zu müssen. Aber wie oft kommt ein Künstler denn von sich aus und sagt, er bringt eine Idee mit und noch dazu das Geld dafür?"

Stadt pocht auf "Gleichbehandlung"

Bayreuths Pressesprecher Joachim Oppold bestätigt, dass die Stadt den Vorschlag Ottmar Hörls verwaltungsintern geprüft habe. "Unter dem Aspekt der Gleichbehandlung hat sie sich dazu entschlossen, von dem Angebot Abstand zu nehmen. Kunstwerke für den Festspielpark sind im Rahmen einer öffentlichen Ausschreibung auszuwählen." Oberbürgermeisterin Brigitte Merk-Erbe habe den Künstler bereits Anfang Januar darüber schriftlich informiert.

Der Brief war demnach verbunden mit der Anregung, Kontakt mit dem Verein "Skulpturenmeile" aufzunehmen, der sich in Kooperation mit der Stadt die "Kunst im öffentlichen Raum" zur Aufgabe gemacht hat und der gegebenenfalls für andere Standorte im Stadtgebiet ein geeigneter Ansprechpartner sein könnte.

Dass Hörls zehn Wagner-Silberlinge, die der Professor für Bildende Kunst der Akademie in Nürnberg angeboten hat, rechtzeitig den Weg zu den am Freitag beginnenden Festspielen in die Wagnerstadt finden, ist unrealistisch. Aber der Komponist in himbeerroter oder lilafarbener Plaste-Gestalt könnte dennoch pünktlich zur Eröffnung zurückkehren nach Bayreuth: Der Ältestenausschuss der Stadt hatte am Montag beschlossen, den so genannten "Walk of Wagner" aufzuwerten - übrigens auf Antrag der Bayreuth Tourismus- und Marketing GmbH.

"Es gab Gespräche", bestätigt Ottmar Hörl. An insgesamt 19 Standorten entlang des Weges von der Villa Wahnfried, Wagners Wohnhaus, bis zum Grünen Hügel sollen neue, 1,50 Meter hohe Betonkuben installiert werden, gekrönt von jeweils einer Wagner-Figur mit den erhobenen Armen. "Es wäre wünschenswert, wenn die Plastiken etwas besser befestigt würden", sagt der 64-Jährige scherzhaft und spielt damit an auf den unnatürlichen Schwund seiner Kunstwerke. "Mir sind 120 Figuren gestohlen worden - und das, obwohl ich extra einen Sicherheitsdienst beauftragt hatte. Auch das übrigens alles auf eigene Kosten."

Exemplare im Galerie-Verkauf

Geld verdient habe Hörl mit der Aktion keines. "Ich hätte auch keines mit den Aluminium-Versionen verdient: Wenn ich alles aufaddiere, komme ich auf mehr als 40 .000 Euro, die ich aus eigener Tasche beigesteuert hätte." Weil er viele Anfragen von Wagnerianern aus aller Welt erhalten habe, plant er nun einen Galerieverkauf in der Kanzlei straße. Dort gibt es zur Festspielzeit die Plastiken käuflich zu erwerben. Preis: um die 350 Euro pro Stück des dirigierenden Komponisten.

Der war übrigens fast auf den Tag genau vor einem Jahr bei Festspielleiterin Katharina Wagner keineswegs auf Gegenliebe gestoßen. Kurz vor der Premiere ließ Richard Wagners Urenkelin die 20 Figuren vor dem Portal des Festspielhauses entfernen. Zur Begründung hieß es: Der Mini-Wagner könnte die Sicherheit der Operngäste gefährden.

Zwerg mit Hitler-Gruß

Eine Gefährdung ganz anderer Art sah übrigens die Staatsanwaltschaft Nürnberg in einer Hörl'schen Plastik, die nicht zwei Arme in die Höhe reckt wie der Kunststoff-Wagner, sondern nur einen Arm ausstreckt in Andeutung eines Hitler-Grußes: Ein Zwerg war es, der dem Künstler ein kurzes juristisches Nachspiel eintrug. Die Anschuldigung lautete auf Verwendung verfassungsfeindlicher Kennzeichen. Hörl selbst wertete die Skulptur, von der es mehrere hundert Exemplare gibt, als eine "Persiflage auf das Herrenmenschentum der Nazis". Wäre angesichts der antisemitischen Tendenzen in Richard Wagners Leben der grüßende Zwerg am Grünen Hügel womöglich nicht völlig deplatziert? Diese Diskussion ist - genau: geschenkt.