"Populär", schrieb Hans von Bülow 1859 an Franz Brendel, den Musikkritiker und Redakteur der Neuen Zeitschrift für Musik, "kann ‚Tristan und Isolde' kaum werden, aber jeder einigermaßen poetisch begabte Laie wird gepackt werden müssen von der Erhabenheit und Gewalt des Genies, die sich in diesem Werk offenbaren. Abgesehen von allem Übrigen: Ich versichere Ihnen, die Oper ist der Gipfelpunkt bisheriger Tonkunst!"

Womit der Uraufführungsdirigent von Richard Wagners "Tristan und Isolde" Recht hatte und gewissermaßen prophetisch in die Zukunft schaute. Denn heutzutage besteht erstens das Festspielpublikum überwiegend aus mehr oder weniger poetisch begabten Laien. Und zweitens ist die aktuelle Bayreuther "Tristan"-Inszenierung von Christoph Marthaler, die mit zwei Pausen seit 2005 auf dem Spielplan steht, zwar nie populär geworden, hat aber immer noch ihre Meriten. Sogar überraschend viele.

Das Publikum hat sich verändert


Einige Kartenverkäufer standen vor der zweiten Festspielpremiere allerdings ratlos da, weil sie ihre Billets zum regulären Preis nicht loswurden. Das hat damit zu tun, dass die Festspiele längst nicht mehr so überbucht sind wie zu früheren Glanzzeiten, das Kartenbüro verkaufte Karten in der Regel nicht mehr zurücknimmt, selbst 150-prozentige Wagnerianer die eher ungeliebte Produktion offenbar oft genug erlebt haben und Kartensuchschilder am Grünen Hügel - außer bei Neuinszenierungen - jetzt die Ausnahme sind.

Im derzeit schweißtreibenden Festspielhaus sitzen immer noch viele echte Premieren-Habitués - wie Kanzlerin Angela Merkel und Joachim Sauer, Schriftstellerin Ulla Hahn und Klaus von Dohnanyi. Aber wie schon im Vorjahr hat man das Gefühl, dass sich das Publikum deutlich verändert hat. Es kommen mehr Leute zum Zug, die noch nie oder schon lange nicht mehr da waren.

Fehlanzeige bei den Übertiteln


Die Festspielleiterinnen Eva Wagner-Pasquier und Katharina Wagner haben darauf bisher leider nicht reagiert. Sie tun immer noch so, als kämen nur Kenner auf den Grünen Hügel, die Wagners Werke in- und auswendig kennen. Weit und breit gibt es außer den Festspielen kein Opernhaus, das so überheblich ist, im Programmheft keine Inhaltsangabe, sondern nur eine Zitatensammlung abzudrucken. Und selbst in kleinen Stadttheatern gibt es inzwischen hilfreiche Übertitel - in Bayreuth nicht.

Dabei wären sie am Donnerstag für nicht wenige im Publikum durchaus nötig gewesen. Denn die schwedische Sopranistin Iréne Theorin, die heuer zum vierten Mal die Isolde gibt, war noch nie eine wortverständlich singende Wagnerheroine. So bleibt wiederum zu beklagen, dass man an dem fast viereinhalbstündigen Abend von ihr maximal zwei Dutzend deutsch klingende Wörter hörte.

Überzeugende Solistenriege


Ansonsten war sie aber in Bestform: Beeindruckend ist vor allem ihr Stimmvolumen, das bei der Wiederaufnahmepremiere das Haus nicht nur ausfüllte, sondern förmlich erzittern ließ. Dass sie diesmal auch feinere dynamische Abstufungen schaffte und sauberer intonierte als in den letzten Jahren, machte ihre Leistung insgesamt beglückend. Darstellerisch lässt sie ohnehin kaum Wünsche offen.

Robert Dean Smith ist der einzige Hauptsolist dieser Inszenierung, der durchgängig von Anfang an mit dabei ist. Sein Tristan ist ein Glücksfall, denn der erfahrene amerikanische Tenor ist momentan wie seine Partnerin bestechend disponiert, bewältigt die immens anstrengende Partie scheinbar mühelos und singt auch noch im 3. Akt voll aus, wo andere nur noch deklamieren können. Bravourös!

Der Dritte im Bunde der festspielwürdigen Besetzung ist der aus Südkorea stammende Bassist Kwangchul Youn, dessen König Marke tief berührt, obwohl er in seinem grauen Mantel und der abweisenden Hornbrille wirkt wie eine Mischung aus Erich Honecker und Kim Jong Il. Auch Michelle Breedts Brangäne und der seine Rauheiten von Akt zu Akt mehr ablegende Jukka Rasilainen als Kurwenal waren sängerdarstellerisch eine Bank.

Leidenschaft im Todesverlangen


Sogar die Inszenierung hat mich erneut gefangen genommen, obwohl sie - was durchaus Geschmackssache ist - für mich leider weitaus weniger hermetisch wirkt als im ersten Jahr. Wie die Leuchtstoffröhren im 3. Akt flackert die extreme Fremdheit der Marthaler-Figuren nur noch selten auf. Anna-Sophie Mahler hat als szenische Leiterin der Wiederaufnahmen den Solisten im desillusionierenden und doch poetischen Dreischichtenschiffsraum von Ausstatterin Anna Viebrock mehr Freiheit und Normalität gegeben.

Das trifft sich gut mit der musikalischen Interpretation. Gegen die gerne romantisierenden Erwartungen dirigiert Peter Schneider einen sehr langsamen und doch ungemein dichten 2. Akt. Leidenschaft und Ekstase kommen immer nur auf, wenn es konkret um den Tod geht. Und das ist der Kern dieser unglückseligen Lovestory. Wie fein das Festspielorchester die Kunst der Übergänge ausmusiziert, machte diesen Abend perfekt. Das Publikum spürte das und feierte, frei nach Hans von Bülow, die Aufführung mit viel Jubel und Getrampel als den bisherigen Gipfelpunkt diesjähriger Festspielkunst.

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