Pünktlich vor Saisonschluss am Grünen Hügel kam - wie bestellt - noch eine positiv wirkende Meldung: Die beiden Leiterinnen der Bayreuther Festspiele, die Halbschwestern Eva Wagner-Pasquier (67) und Katharina Wagner (34) werden, neben sechs weiteren Preisträgern, mit dem Kulturpreis Bayern 2012 in der Kategorie Kunst ausgezeichnet. Die feierliche Verleihung wird am 8. November in der Erlanger Heinrich-Lades-Halle stattfinden.

Der Energiekonzern Eon Bayern vergibt den mit insgesamt 176 000 Euro dotierten Kulturpreis Bayern seit 2005 - in enger Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst. Die Hauptpreisträger sind Kunst- und Kulturschaffende aus den sieben bayerischen Regierungsbezirken; sie erhalten jeweils 10 000 Euro. Daneben gibt es weitere Geldpreise für den künstlerischen und wissenschaftlichen Nachwuchs sowie einen Sonderpreis des Ministeriums.

In der Eon-Pressemitteilung vom Freitag steht zu den Preisträgerinnen aus Oberfranken unter anderem: "Die Festspielleiterinnen (...) bewahren mit Akribie, Professionalität, dem Sinn für Historie und Tradition sowie dem Blick für das Moderne die besondere Rolle und Ausstrahlung Bayreuths im internationalen Festspielreigen. Bei aller Internationalität der Festspiele lassen sie die Regionalität nicht aus dem Auge, sondern tragen in hohem Maße dazu bei, dass die Festspiele Aushängeschild der Stadt, der Region und der bayerischen Kulturlandschaft bleiben."

Zwar wurden alle Preisträger 2012 - darunter auch die renommierte Fotografin Herlinde Koelbl - laut Auskunft der Eon-Pressestelle schon Ende März gekürt, aber es kann nicht schaden zu prüfen, ob diese Jury-Begründung auch der zu Ende gehenden Festspielsaison entspricht.

Stichwort Akribie

Von Genauigkeit und Sorgfalt konnte allerdings schon im Vorfeld nicht die Rede sein. Schließlich gab es zuletzt nicht nur Beanstandungen des Rechnungshofes zur Kartenvergabe. Wegen nicht abgeführter Sozialbeiträge konstatierte die Frankfurter Allgemeine Zeitung "eklatante betriebswirtschaftliche Verstöße", für die die Geschäftsführerinnen der Bayreuther Festspiele GmbH doch selbst dann verantwortlich sind, wenn sie sich im Nachhinein für alles Kaufmännische als nicht kompetent und zuständig erklären wollen.

Akribisch wird Katharina nur, wenn es um Machterhalt und Machtsicherung geht. In Interviews sagte sie vorsorglich, dass man erst ab der Saison 2016 beurteilen könne, was sie und ihre Schwester seit ihrer Intendantenkür am 1. September 2008 geleistet hätten. Alles andere sei weit im Voraus von ihrem Vater, wahlweise auch "von der vorherigen Festspielleitung" bestimmt worden, der sie inoffiziell längst angehörte.

Die Kampagne zur Verlängerung ihrer Intendanz ist bereits angelaufen. Neben einschlägigen Interviewäußerungen ließ sich das zum Beispiel auch an den exklusiven Beiträgen beim Kino-"Parsifal" ablesen, wo sie Tenorstar Klaus Florian Vogt und Dirigent Christian Thielemann präsentierte, die mit dieser Aufführung nichts zu tun hatten. Ersterer soll auch künftig Glamour bringen, letzterer könnte ihr nächster Geschäftsführungspartner für die zweite Amtsperiode sein - ohne die dann 70-jährige Halbschwester Eva. Oder will die Richard-Wagner-Stiftung nochmals den Fehler machen, einem Wagnernachkommen keine Altersgrenze zu setzen?

Stichwort Professionalität

Unprofessionell lief, nachdem Hauptsponsor Siemens beim breitenwirksamen Public-Viewing abgesprungen war, die Ersatzlösung ab. Die "Parsifal"-Direktübertragung in Kinos blieb schon deshalb unbefriedigend, weil es gravierende technische Probleme gab - und zwar auch in Kinos, wo die Live-Schaltungen aus der New Yorker Met bestens funktionieren.

Immer wieder dilettantisch der Umgang der Festspielleiterinnen mit Sponsoren, wichtigen Gästen und Terminen: Beim Empfang der Festspielleitung für hochrangige Fachbesucher der "Holländer"-Generalprobe fehlten ausgerechnet die Gastgeberinnen. Für Avi Primor, den ehemaligen israelischen Botschafter, der als Festredner zu den "Verstummten Stimmen" kam, hatten sie auch keine Zeit; Vater Wolfgang Wagner hatte sich dem Diplomaten und Publizisten Primor 1998 bei dessen Festspielbesuch noch intensiv gewidmet. Eva fehlte prompt auch bei der Ausstellungseröffnung, wo sie für ein Grußwort eingeplant war.

Ihre Unsicherheit in der Öffentlichkeit unterstrich Eva auch bei "Zäsuren", der festspieleigenen Gesprächsreihe. Auf provozierende Aussagen von Dieter Haselbach, Soziologe und Mitautor des umstrittenen Buches "Der Kulturinfarkt", reagierte sie nicht etwa mit einer Wortmeldung und Argumenten, sondern ihrem türenschlagenden Abgang. Die notorisch flapsige und gängige Benimmregeln ignorierende Katharina wiederum schaffte es nicht, Sponsorenvertreter bei der Pressekonferenz korrekt vorzustellen.

Stichwort Historie

Dass es beiden am "Sinn für Historie und Tradition" gebricht, zeigt sich nach wie vor im Umgang mit der braunen Vergangenheit der Festspiele und der Wagner-Familie. Im Fall der Hakenkreuz-Tattoo-Affäre hatten sie zu diesem Zeitpunkt zwar keine andere Wahl, als dem tätowierten Titelsänger der "Holländer"-Premiere die Abreise nahezulegen. Aber soll es die ganze Zeit zuvor im Festspielhaus niemanden gegeben haben, der Evgeny Nikitin gegoogelt hätte?

Auch die nebulösen Versprechungen Katharinas, sie wolle die Vergangenheit aufarbeiten lassen, erwiesen sich als Nullnummer: Welcher Historiker arbeitet schon gern, wenn es dafür keine Forschungsmittel gibt? Und was bringt es, wenn auch zwei Lokalreporter mal in einer Reihe von Aktenordnern blättern dürfen? Für das für Bayreuth eminent wichtige Ausstellungsprojekt "Verstummte Stimmen" hatte das Team von Hannes Heer Einblick in einen einzigen Ordner. Mehr nicht. Im TV-Sender 3Sat war denn die Rede von einer "Leitung, die sich aus der Verantwortung stiehlt." Auch "Lohengrin"-Regisseur Hans Neuenfels kritisierte die mangelnde Aufarbeitung. Nur dafür, dass ihre Cousine Amelie Hohmann noch auf womöglich brisantem Material sitzt, können die Bayreuth-Chefinnen nichts.

Andererseits müssen sie sich fragen lassen, warum sie für die nächste "Parsifal"-Inszenierung 2016 ausgerechnet Jonathan Meese engagiert haben, einen vom internationalen Kunstmarkt gehätschelten Bürgerschreck, der gerne mit NS-Gesten und -Symbolen arbeitet und Sätze von sich gibt wie "Demokratie ist Scheiße". Wer garantiert eigentlich, dass der Mann nicht genau jene Besucher anlockt, wie man sie in Bayreuth bestimmt nicht mehr sehen will?

Stichwort Moderne

Soll das der "Blick für das Moderne" sein, nachdem zuletzt die inzwischen weitgehend stillgelegte "Tannhäuser"-Kunstinstallation gescheitert ist, der "Holländer" in sehr mäßigem Stadttheaterniveau dahindümpelt und vom Jubiläums-"Ring" 2013 unter Frank Castorf kaum erwartet werden darf, dass da jemand das bei der Festspielleitung offenbar wenig geschätzte Metier eines Opernregisseurs beherrscht. Vielleicht hat das aber auch damit zu tun, dass Katharina sich dann schamlos selber engagieren kann - mit dem Argument, dass wenigstens sie eine gelernte Opernregisseurin sei.

Apropos: Von erfahrenen und guten Musiktheaterregisseuren, die ihr Handwerk verstehen, ist in den nächsten Jahren nur noch Hans Neuenfels am Hügel präsent. Stefan Herheim, dessen vielgerühmte "Parsifal"-Inszenierung jetzt ad acta gelegt wird, hat sich in einem Interview über die Verschlechterung der Arbeitsbedingungen und kritisch zur Festspielleitung geäußert.

Von einer "Werkstatt Bayreuth" könne keine Rede mehr sein, sagte er dem "Nordbayerischen Kurier". Er verstehe zwar, dass man Leute vom Film bzw. aus fachübergreifenden Medien hole, aber anscheinend gehe es vor allem darum, die Konsumgesellschaft mit großen bekannten Namen zu befriedigen. "Einen künstlerisch intuitiven Geist jedoch, dessen Linie Verwunderung jenseits eines kulturpolitischen Pragmatismus auslöst, spüre ich hier zurzeit nicht."

Stichwort Regionalität

Stattdessen zeigt sich als Konstante, dass Katharina spätestens seit Christoph Schlingensief, der von 2004 bis einschließlich 2007 mit seinem "Parsifal" in Bayreuth für Aufsehen sorgte, fast alle Regisseure - darunter Sebastian Baumgarten, Frank Castorf, Stefan Herheim und Jonathan Meese - in Berlin an Land gezogen hat, wo sie bekanntlich ohnehin lieber wäre als im provinziellen Bayreuth. Womit auch noch das Thema Regionalität angesprochen sei. Denn die Festspielleiterin bestätigte dem Nachrichtenmagazin Spiegel, dass sie täglich ihren Urgroßvater dafür verfluche, dass er die Festspiele ausgerechnet in Bayreuth etabliert habe. Warum er das bewusst getan hat, scheint sie bis heute nicht begriffen zu haben. Festspielchefin will sie aber bleiben. Und könnte sich "vorsichtshalber" schnell noch den Auftrag geben, den übernächsten "Ring" 2020 in Bayreuth zu inszenieren.

Mit Angela Merkel, Horst Seehofer, Wolfgang Heubisch und seinem Ministerialdirigenten Toni Schmid, den weiteren Politikern und Beamten im Verwaltungs- und Stiftungsrat der Richard-Wagner-Stiftung sowie dem Kulturpreis Bayern und weiteren möglichen Auszeichnungen im Rücken, könnte das klappen. Was den Eon-Preis betrifft, ist allerdings fraglich, ob Katharina der Preisverleihung die Ehre geben wird. Schließlich steht am 27. November ihre nächste eigene Premiere an, am Teatro Colón in Buenos Aires, wo sie eine siebenstündige Kurzversion von Wagners "Ring" inszenieren soll. Ob das hilft im Kampf der Festspiele gegen die unlängst von der F.A.Z. beklagte "Pest der Beliebigkeit und die Cholera der Austauschbarkeit"?

Kommentar von Monika Beer:

Eine "unabhängige" Jury

Eigentlich müssten die angeblich unabhängigen Juroren und Verantwortlichen vor Scham versinken. Der Kulturpreis Bayern 2012 für Eva Wagner-Pasquier und Katharina Wagner ist ein Hohn für alle Kulturschaffenden in Oberfranken, deren Wirken weniger von Pleiten, Pech und Pannen begleitet ist. Das dürften ganz schön viele sein. Ganz zu schweigen von denjenigen Künstlern und Initiativen, die einen solchen Geldpreis nötiger hätten als zwei Millionärinnen, die für ihre zweifelhafte Arbeit ohnehin gut bezahlt werden.
Schon die "Wahl" der Festspielleiterinnen 2008 war eine Farce, in der sich überwiegend Politiker reihenweise von dem greisen und vermutlich nicht mehr geschäftsfähigen Festspielleiter Wolfgang Wagner vor den Karren seiner rigorosen Familieninteressen spannen ließen. Mit dem Kulturpreis loben die Eon und das Kunstministerium nicht nur die Wolfgang-Töchter über den grünen Klee. Sondern die Kulturbürokratie lobt sich gewissermaßen selbst dafür, dass sie die beiden in ihr Amt gebracht hat.
"Die Entscheidung über die jeweiligen Preisträger wird durch eine unabhängige Jury getroffen. Die bayerischen Bezirke unterbreiten der Jury Vorschläge für mögliche Preisträger." So werden die Kulturpreis-Regularienauf der Website der Eon Bayern erklärt.
Das dürfte erstens heißen, dass Regierungspräsident Wilhelm Wenning, der neuerdings Vorsitzender des Stiftungsrats der Richard-Wagner-Stiftung ist, den Vorschlag gemacht hat. Und weil zweitens Ministerialdirigent Toni Schmid, jener hochrangige Kulturbeamte aus München, der lange Jahre Stiftungsratsvorsitzender war und aktuell wirkungsmächtiger Chef des Verwaltungsrats ist, nicht nur als Mitglied der Jury, sondern sogar als ihr Sprecher fungierte, versteht jeder, wie "unabhängig" die Jury war.
Wie fragt doch auf der Facebook-Seite Richard-Wagner-Festspieleein Kommentator zur entsprechenden Meldung vom 25. August so schön nach den Gründen der Auszeichnung: "Für was??? Für die Gene?"