"Bin ich hier überhaupt noch in Deutschland?" Die erste Frage, die der 53-jährige Schlatter stellte, als er Samstagabend am ersten Haus klingelte, das er sah, könnte der Geschichte eine komische Note geben. Aber lustig war das alles gar nicht. Zwei Autodiebe hatten den Anwalt am Vormittag in der Tiefgarage eines Hotels in St. Gallen gezwungen, vom Fahrer- auf den Rücksitz BMW zu wechseln - angeblich mit vorgehaltener Pistole, so die Auskunft aus Schweizer Polizeikreisen.

Die Überwachungsvideos aus dem Hotel zeigen, dass die beiden Männer gut eine Stunde in der Garage herumlungerten; sie warteten offenbar eine günstige Gelegenheit ab. Die kam in Gestalt von Schlatter am Steuer seines BMW 530. "Ich war zur falschen Zeit am falschen Ort", sagt der Anwalt, der verheiratet ist und drei Kinder hat.

Er geht davon aus, dass die beiden Täter gar keine Entführung geplant hatten, sondern ihr Opfer mitnahmen, um nicht gleich die Polizei im Genick zu haben. "Das waren keine Profis", meint der Schweizer Jurist, der im Stadtrat von Amriswil (Thurgau) ironischerweise unter anderem für die öffentliche Sicherheit zuständig ist.

Eine Tasse Tee in Kautendorf

Die Autodiebe fühlten sich offenbar erst sicher, als sie nach stundenlanger Fahrt unter anderm auf der A93 ein halbwegs menschenleeres Gebiet erreicht hatten. Sie ließen Schlatter an einem Parkplatz bei Hof aussteigen, drohten ihm und seiner Familie mit Mord, sollte er die Polizei rufen, und brausten davon.

Als er die "schlimmsten Stunden meines Lebens" überstanden hatte, war der Schweizer froh, nach einem Fußmarsch hilfsbereite Menschen zu finden. Dass er gefasst, aber verwirrt wirkte, als er bei Andrea Dietel und Uwe Hertel in Kautendorf klingelte, ist nach dem Erlebten nicht verwunderlich.

Er sei entführt worden, stellte sich der Mann im Anzug vor, trank eine Tasse Tee. Der Polizei schilderte Schlatter später Details seiner Odyssee; die Todesangst, aber auch Beobachtungen, die den Ermittlern halfen, den Fall schnell zu lösen: Kurz bevor sie ihn zum Aussteigen zwangen, programmierten die Autodiebe Cheb in das Navi des BMW. Tatsächlich wurden die beiden Autodiebe bereits am Montag in Tschechien gefasst.

Mehr Details am Mittwoch

Nähere Einzelheiten will die Staatsanwaltschaft in Hof noch am Mittwoch bekanntgeben. Sie hat den Fall von den Kollegen in der Schweiz übernommen, die zunächst die Ermittlungen geführt und eine strikte Nachrichtensperre verhängt hatten. Nicht zuletzt, um das Opfer zu schützen. Andre Schlatter hat, und das ist die beste Nachricht in dieser seltsamen Geschichte, den unfreiwilligen Ausflug nach Oberfranken äußerlich unversehrt überstanden.