Die Pläne für den Verlauf einer Starkstromtrasse von Sachsen-Anhalt nach Bayern sorgen in Franken für große Aufregung. "Da gibt es Diskussionsbedarf", sagte der Wunsiedler Landrat Karl Döhler (CSU) am Mittwoch. Am Rande der Klausur der CSU-Landtagsfraktion in Kreuth sprach er mit Wirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) über das Thema. Zwar könne der Freistaat keinen direkten Einfluss nehmen, da die Bundesnetzagentur verantwortlich sei, "aber ich habe Ilse Aigner gebeten, ein Auge darauf zu haben", sagte Döhler.
Die vom Netzbetreiber Amprion favorisierte Trasse orientiert sich weitgehend an der Autobahn 9 - soll aber in Richtung Marktredwitz (Kreis Wunsiedel) einen weiten Bogen weg von der Autobahn machen und dann über Pegnitz (Kreis Bayreuth) Mittelfranken erreichen.

"Nicht nachvollziehbar"

Direkt betroffen wäre etwa die Gemeinde Speichersdorf. Deren Bürgermeister Manfred Porsch sagte: "Die Pläne sind für uns nicht nachvollziehbar, der Unmut in unserer Gemeinde ist groß." Er wundere sich, dass eine Erdverkabelung gerade in der Nähe von Wohngebieten kein Thema sei. "Hier werden wir Fragen stellen", kündigte auch Döhler an. Im Landkreis Wunsiedel gebe es vielfältige Aktivitäten im Bereich erneuerbare Energien.
Der Landrat des Kreises Nürnberger Land, Armin Kroder (Freie Wähler), sprach sich für eine neue Ausrichtung der Energiewende aus: "Die Stromautobahn ist unnötig, wenn wir die Energiewende vor Ort schaffen", teilte er am Mittwoch mit. "Für regional erzeugte regenerative Energien braucht man keine riesigen Stromautobahnen, unser leistungsfähiges Netz reicht dann aus." Ähnlich äußerte sich Herbert Barthel vom Bund Naturschutz (BN). Die Trassenpläne stünden für ein zentrales Energiekonzept, sagte er. Der BN werbe für dezentrale Energiegewinnung in den Regionen.

2022 soll der Strom fließen

Die 450 Kilometer lange Trasse soll Strom aus den Windparks im Norden und Osten in die Industriezentren des Südens bringen. Amprion rechnet einer Sprecherin zufolge mit Investitionskosten von einer Milliarde Euro. Für 2022 ist die Inbetriebnahme der Leitung geplant. Die jetzigen Planungen des Unternehmens werden zunächst von der Bundesnetzagentur geprüft. Neben der nun vorgestellten Vorzugstrasse gibt es noch Alternativvorschläge, etwa durch die Oberpfalz. Erst in einem weiteren Schritt wird festgelegt, welche Variante genauer betrachtet und untersucht wird, betont der Netzbetreiber.
Der Bayreuther Bundestagsabgeordnete Hartmut Koschyk und seine Landtagskollegin Gudrun Brendel-Fischer (beide CSU) kritisierten die Informationspolitik des Unternehmens. Bis heute hätten Bürgermeister und Abgeordnete keine detaillierten Unterlagen in Händen, teilten sie mit. Amprion hat Informationsveranstaltungen unter anderem in Kulmbach und Nürnberg für Ende Januar angekündigt.

Vier Hauptschlagadern

Die Nachricht trifft die Region wie ein Blitz aus heiterem Himmel: Der Netzbetreiber Amprion favorisiert eine Trasse für die neue Nord-Süd-Stromautobahn, die bisher nur am Rande eine Rolle spielte. Im Osten Oberfrankens soll der Strom in weitem Bogen an Bayreuth vorbei durch das Fichtelgebirge fließen.
Die neue Starkstromleitung, die in Lauchstädt (Sachsen-Anhalt) beginnt und in Meitingen bei Augsburg enden wird, transportiert den Strom aus dem Norden und Osten der Republik in den Süden. 450 Kilometer lang ist diese Leitung, eine von vier Hauptschlagadern der Energiewende in Deutschland im Nach-Atomzeitalter. Um die Energie verlustarm von A nach B zu bringen, setzen die Netzbetreiber erstmals auf die Gleichstrom-Technik (HGÜ). Optisch unterscheidet sich eine solche Leitung kaum von den bisher gängigen Wechselstrom-Trassen mit 380 000 Volt.

70 Meter hohe Masten

Das heißt aber auch: Für die neue Strom-Autobahn werden 70, zum Teil bis zu 100 Meter hohe Masten gebaut. Anders als beim Wechselstrom, der seit Jahrzehnten im großtechnischen Maßstab eingesetzt wird, gibt es beim Gleichstrom noch keinerlei Grenz- und kaum Erfahrungswerte mit Blick auf die Stärke und mögliche gesundheitliche Auswirkungen der elektrischen und magnetischen Felder, die der Gleichstrom erzeugt.
Selbst die Strahlenschutzkommission (SSK) der Bundesregierung weist auf die Wissenslücken zur HGÜ-Technik hin und empfiehlt weitere Studien, um etwa Auswirkungen der Magnetfelder auf Herzschrittmacher auszuschließen. Liest man die Stellungnahme der SSK zur HGÜ (www.ssk.de), so gewinnt man fast den Eindruck, dass die beiden Stromautobahnen durch Franken (die zweite führt an Schweinfurt vorbei) so etwas wie ein gigantischer Feldversuch sind.
Auch deshalb regt sich Widerstand, der umso heftiger ausfällt, als die Netzbetreiber bislang mit sehr vagen "Trassenkorridoren" gearbeitet haben. Für die oberfränkische Nord-Süd-Leitung gab es einen fast 100 Kilometer breiten Untersuchungsraum. Über Nacht hat sich der Netzbetreiber jetzt auf eine konkrete Trasse festgelegt.
Zwar bemüht man sich bei Amprion, jeden Anschein von Endgültigkeit zu vermeiden, zumal die Anhörungsfrist für den Leitungsbau noch bis Sommer läuft. Angesichts der Sachzwänge und des sehr engen Zeitrahmens wird man sich mit der Untersuchung von Alternativen für das Eine-Milliarde-Euro-Projekt aber nicht mehr allzu lange aufhalten; zumal wohl niemand "Hurra" schreit, wenn Amprion und die drei anderen deutschen Netzbetreiber (Tennet, 50Hertz und Transnet) mit dem Hochspannungskabel anklopfen.

Coburg atmet auf

Entsprechend groß sind die Erleichterung auf der einen und das Entsetzen auf der anderen Seite, nachdem Amprion für Oberfranken die Katze aus dem Sack gelassen hat. Der Raum Coburg, der sich schon im Fokus der Strippenzieher sah, bleibt außen vor, und auch die Fränkische Schweiz wird wohl nur am Rande (Pegnitz) tangiert. Ludwig Bäuerlein (CSU), der Bürgermeister von Aufseß, sah beim Blick auf die ersten groben Pläne vor Wochen schon die Wanderer in Scharen davonlaufen.
Jetzt trifft es vor allem das Fichtelgebirge, da die von Amprion favorisierte Trasse zwar in weiten Teilen der A9 folgt, um Bayreuth aber einen weiten Ost-Bogen macht. "Die Stromleitung soll zwar möglichst geradlinig die Endpunkte Lauchstädt und Meitingen verbinden. Vermieden werden sollen störende Eingriffe in das Landschaftsbild. Besonders wichtig ist ein großer Abstand zur Wohnbebauung", sagt Joelle Bouillon, die Sprecherin von Amprion.

Masten statt Windräder?

Harald Fichtner, der Oberbürgermeister von Hof und Vorsitzende des Planungsverbandes Ostoberfranken, sieht aber genau diese Vorgaben bei dem Amprion-Vorschlag missachtet: "Das Fichtelgebirge verträgt keine Stromtrasse", sagt der CSU-Politiker. Er verweist auf die Diskussion um die Energiepolitik in Bayern: "Wenn es in Landschaftsschutzgebieten keine Windräder geben soll, dann dürfen da auch keine riesigen Strommasten stehen."
Fichtner kritisiert, dass der Leitungsbau "über die über die Köpfe der Menschen weg" geplant wird. Die Akzeptanz für die Energiewende sieht er in Gefahr, wenn Bürger in einzelnen Regionen "über Gebühr" belastet werden.

Auch hier die 10H-Regel?

Andere Kommunalpolitiker, auch aus den Reihen der CSU, greifen die von Horst Seehofer geplante 10H-Regelung für den Bau von Windrädern auf: Ein Abstand, der der zehnfachen Höhe der Masten entspreche, müsste analog auch beim Bau der Stromleitungen gelten. Das wären 700 Meter bei einem 70-Meter-Mast.
Heute führen Hochspannungsleitungen oft nicht einmal in 100 Metern Entfernung am nächsten Wohnhaus vorbei, siehe die 300 000-Volt-Leitung durchs Maintal, die unter anderem die Gemeinden Sand (Kreis Haßberge) und Oberhaid (Landkreis Bamberg) tangiert.