Die Abendsonne macht die Schatten lang. Sie fließen über das Gras wie Wellen auf dem Meer. Zwölf Frauen werden von der goldenen Sonne angestrahlt. Sie bewegen sich leichtfüßig, elegant, gelöst - wie im Urlaub. Wie auf Hawaii.


Dabei sind die, die da tanzen, allesamt Fränkinnen. Und keine von ihnen war je auf der Trauminsel im Pazifik. "Aber falls ich mal im Lotto gewinne, dann lade ich die ganze Gruppe dorthin ein", verspricht Sybille und lacht. Zusammen mit elf weiteren Frauen zelebriert sie in Bayreuth ein ganz besonderes Hobby: Hawaiitanz, Hula genannt. Jeden Donnerstagabend finden sie sich in einem weiß getünchten, mit Stuck versehenen Raum in der Familien-Bildungsstätte ein. Ist das Wetter schön, gehen sie von dort aus in den nahen Schlossgarten - mit Girlanden um den Hals, Blumen im Haar und bunten Röcken aus je sieben Metern original hawaiianischem Stoff in Sonnengelb, flammendem Rot, Orange, Blau und Grün.
"Wir haben auch Baströcke. Typischer sind aber die Stoffe mit floralen Mustern", sagt Gruppenleiterin Gisela Sprengler und stellt einen CD-Spieler im Gras vor dem altehrwürdigen "Neuen Schloss" ab. Ein Sprechgesang hebt an, das Aufwärmen beginnt. Die Stimme vom Band sagt "Ka'o", und die Damen wiegen ihre Hüften. "Die Hüft-Acht stärkt die Region zwischen Knie und Schultern", erklärt Gisela. Dann ertönen Kommandos wie "Uehe" oder "Kaholo". All diese Grundschritte haben eine traditionelle Bedeutung. "Kaholo" heißt beispielsweise: Die Sonne neigt sich zur Erde. Die Frauen drücken das tänzerisch so aus: Sie beugen sich nach rechts und dann nach links, lächelnd, mit strahlendem Blick, ganz in Balance.

Nach dem Aufwärmen wird es melodisch. Zu den Trommeln und Rasseln gesellen sich Ukulele, Gitarre und Keyboard. Die Sänger vom Band wechseln, Hawaiianisch und Englisch ebenso. Spätestens bei Elvis Presleys "Blue Hawaii" bleiben Passanten mit großen Augen stehen. Jüngere versuchen, einfach mitzutanzen, ältere klatschen den Rhythmus mit - und alle wollen wissen, was es mit diesen fränkischen Hawaiianerinnen auf sich hat.

Gisela berichtet. Hula bedeutet "überfließende Sonnenenergie" und ist ein Jahrhunderte alter, erzählender Tanz, mit dem die Hawaiianer Mythen, Legenden und Sagen weitergaben und ihre Feste bereicherten. "Die Füße folgen dem Takt der Musik. Mit anderen Körperteilen, vor allem den Händen, wird eine Geschichte erzählt", sagt Gisela. Da werden Erlebnisse beim Fischfang geschildert oder es geht um Sonnenaufgänge, Grashütten, Klippen, den Sternenhimmel...
Für die Dozentin ist Hula "die pure Energie". Liebe auf den ersten Blick war der Tanzstil aber nicht. Giselas Leidenschaft war eigentlich Bauchtanz. Nach einem schweren Schicksalsschlag wollte sich die Bayreutherin seelisch und körperlich wieder aufrichten. Da kam der "Orientalische Tanz" wie gerufen. 1989 belegte sie den ersten Kurs, es folgten weitere an der Tanzschule Sara City in Bayreuth. "Das hat viel Freude gemacht. Und ich habe Lust gekriegt, selbst zu unterrichten." Über eine Tanzlehrerin aus Nürnberg kam Gisela 2010 zum Hula. "Es hat ein bisschen gedauert. Aber dann hat auch bei mir der Aloha-Spirit gesiegt", erzählt sie lachend. Dieser Aloha-Spirit steht für Frieden und Liebe - eine Parallele zur Hippiezeit. Gisela ließ sich von Semira B. Karg aus Frankenthal zur Hula-Lehrerin ausbilden. "Diese Verbindung zur Natur, die streichelt die Seele so schön."
Das Gefühl teilt Gisela seit sieben Jahren mit elf Frauen. "Lau Hala" nennt sich die Gruppe, wie das Blatt der Schraubenpalme, das auf Hawaii vielseitige Verwendung findet. "Wir tanzen vor allem Hula Auana, die moderne Form des Hula. Aber auch das klassische Hula Kahiko mögen wir."
Wie die Gruppe zusammenfand? "Ein Jahr lang habe ich immer donnerstags die Musik gehört", erzählt Petra, die in der Familienbildungsstätte arbeitet. "Dann hat es mich gepackt. Ich musste einfach mitmachen." Gabi hatte Gisela bei einem Auftritt gesehen - und war gleich verzaubert: "Hula ist der schönste Sport, den ich mir vorstellen kann." Gabi hat auch gleich ihre Schwester Sybille infiziert. Sie sagt: "Wenn ich abgehetzt von der Arbeit komme, hier in meinen Blumenrock schlüpfe und die Girlande, Le-i genannt, umhänge, dann bin ich plötzlich ein anderer Mensch." Martina fügt hinzu: "Es ist eine wunderbare Verlangsamung, man kann die Hektik der Welt gut vergessen und ist ganz bei sich, ganz geerdet." Karen nickt: "Hula ist etwas Weibliches. Etwas Leidenschaftliches, Ausdrucksstarkes. Und was fürs Gehirn. Man muss sich ganz auf die Botschaft konzentrieren." Gabi formuliert es auf ihre Art: "Da klappern die Synapsen!"

Die zwölf Frauen kommen aus ganz unterschiedlichen Berufen, zwischen Ende 30 und Ende 60 sind alle Altersstufen vertreten. Elke findet: "Unsere Mädelsgruppe ist einfach genial. Es ist eine Freude dazuzugehören." Cornelia lächelt und ihre Hände formen Inseln im Meer: "Hula - das ist für uns alle eineinhalb Stunden Urlaub vom Alltag."

Info: Am 21. Juli ist "Lau Hala" im Botanischen Garten Bayreuth zu erleben, beim Sommerevent "UniKat 2018" der Uni Bayreuth: um 18.30 Uhr im Tropenhaus, um 19.30 Uhr am Mediterranhaus, um 20 Uhr am See (www.unikat.uni-bayreuth.de). Man kann die Gruppe auch für Hochzeiten oder Geburtstage buchen.
Kontakt: Gisela Sprengler, Mail: gisela.sprengler@online.de

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