Richard Wagners "Götterdämmerung" ist, wenn man so will, ein einziger großer Showdown. Frank Castorf wäre nicht Frank Castorf, hätte er dem nicht noch eins draufzusetzen. Der Regisseur des Bayreuther Jubiläumsjahr-"Rings" zeigte sich am Mittwoch auch nach dem Schluss der Tetralogie als gesamtdeutscher Meister der Dekonstruktion und hob die Applausordnung aus den Angeln. Er und sein Team stellten sich fast zehn Minuten lang dem mit Bravorufen durchsetzten Proteststurm des Premierenpublikums - provozierendes Affentheater von Zirkusdirektor Castorf als Zugabe.

Bayreuth hat seinen Skandal, einen epochalen neuen "Ring" hat es nicht. Aus mehreren Gründen. Zwar ist seit dem letzten Jubiläums-"Ring" 1976 mit Ausnahme des akribischen Opernhandwerkers Harry Kupfer 1988 kein Szeniker schon im ersten Jahr mit diesem Mammutwerk fertig geworden. Aber die eklatanten Brüche und Fehlstellen in der vierzehnten Festspiel-Inszenierung lassen sich in keiner wie auch immer gearteten Werkstatt kitten. Und nicht nur dadurch erklären, dass das Regieteam spät gefunden wurde, wenig Vorbereitungszeit hatte und die Proben vielleicht nicht in dem Maße nutzte, wie sie gegeben waren.

Es geht vielmehr ums Konzept. Frank Castorf hat sich beim Presseempfang der Festspiele mehrfach auf Bertolt Brecht berufen - und Ernst gemacht mit dessen Postulat, die Zuschauer in desillusionierender Distanz zum szenischen Geschehen auf der Bühne zu halten. Das Plakat, das Brecht 1920 zu seinen "Trommeln in der Nacht" aufhängen ließ, sollte auch die Festspielleitung überall hochhalten. Denn das berühmte "Glotzt nicht so romantisch!" ist das eigentliche Programm dieser Inszenierung.

Was in der "Götterdämmerung" schmerzlich offenbar wird. Es gibt auch hier keine einzige Figur auf der Bühne, mit der man mitfühlen kann, geschweige denn sich identifizieren. Wenn Schlagetot und Sunnyboy Siegfried von Hagen brutal niedergeknüppelt wird und im tristen Großstadthinterhof zwischen Holzlatten und Mülleimern stirbt, soll alles, bloß kein Mitleid aufkommen - obwohl oder gerade weil die Musik etwas anderes sagt. Selbst der große Abgesang Brünnhildes muss ins Leere gehen, weil es die Liebe, um die sie hier trauert, ja gar nicht gab.

Die Brechtsche Verfremdung, die Frank Castorf Wagners "Ring" aufoktroyiert, zerreißt die Zuschauer gewissermaßen, unterläuft konsequent ihre Erwartungen und lässt sie wie begossene Pudel im warmen Regen der Musik stehen, die von der Szene konterkariert und unglaubwürdig gemacht wird. Das ist im Wagner-Jahr 2013 tatsächlich ein starkes Stück. Und ist natürlich politisch gemeint. Ob die Botschaft von der Weltherrschaft des Kapitalismus auch im längst gescheiterten Kommunismus bei den Betrachtern ankommt, ist eine andere Frage.

Schon einfach deshalb, weil die gedankliche und reale Folie vom Erdöl als dem Gold, um das es im "Ring" geht, nicht konsequent durchdacht und umgesetzt wird. Warum macht die Öl-Zeitreise zum Beispiel nicht auch bei den Multis in Katar Station? Oder ist letztlich eh alles egal? Das Hin- und Herspringen zwischen Amerika und Russland, zwischen Kapitalismus und Kommunismus, gipfelt in der "Götterdämmerung" in einem Sammelsurium von vier hochprofessionell umgesetzten Schauplätzen, die hauptsächlich in Ost- und West-Berlin anzusiedeln sind (Bühne: Aleksandar Denic, Kostüme: Adriana Braga Peretzki, Video: Andreas Deinert, Jens Krull).

Als Gibichungenhalle fungiert ein Hinterhof mit Dönerstand und dem volksbühnenobligatorischen Voodoo-Raum, dazu ein Treppenhaus mit Reklamewand für die Plaste und Elaste aus Schkopau und ein à la Christo verhüllter Bau, vor dem der jetzt von Brünnhilde bewohnte Trailer steht. Der eingepackte Bau könnte der Reichstag oder das Festspielhaus sein, entpuppt sich am Ende aber als eine Börse in der New Yorker Wallstreet. Das Dumme ist, dass das teure Bild dramaturgisch unbegründet ist, keine Logik hat. Es ist, wie so vieles in diesem immer nur stellenweise gut inszenierten "Ring", nur eine Behauptung in einem Lehrstück, das zwar sinnvolle pfiffige Details und Gimmicks, aber viel zu viele Leerstellen hat.

Die einzige Figur der Handlung, die den Regisseur in der "Götterdämmerung" interessiert, ist sein Hagen mit Irokesenschnitt. Mit ihm setzt er per Video den Schlussakzent, nachdem Brünnhilde zwar Benzin verschüttet, aber nichts abgefackelt hat, nachdem die Rheintöchter den Ring wieder haben: Hagen, aufgebahrt in einem Boot, geht auf Rheinfahrt und hebt plötzlich noch einmal den Arm - eine Geste, die Wagner für den toten Siegfried vorgesehen hat.

Der Koreaner Attila Jun spielt das zwar gut, kann der Rolle aber sängerisch kaum Statur geben. Ähnlich glücklos Lance Ryan als Siegfried, auch Alejandro Marco-Buhrmesters Gunther ist nur rein äußerlich ein stimmiger Hinterhofkönig. Wenigstens bei den weiblichen Solisten kann die Bayreuth-Besetzung punkten. Catherine Foster ist aktuell eine der besten Brünnhilden, selbst wenn sie nicht ganz optimal disponiert ist, beeindruckend Claudia Mahnke als Waltraute, Allison Oakes als Gutrune und Eberhard Friedrichs Chöre.

Einhellig bejubelter Pluspunkt des neuen "Rings" sind Kirill Petrenko und das Festspielorchester. Auf Anhieb gelingt ihnen ein aufregend großer und beglückender Wurf, eine meisterliche Interpretation, die sowohl in all den sprechenden und vielen so noch nie gehörten Details in einzelnen Solo- und Orchesterstimmen überzeugt als auch im Gruppen- und Gesamtklang. Es ist alles da: der große symphonische Bogen, präzise getimte Steigerungskurven, enorme dynamische Bandbreite - und an manchen Stellen klingt Wagner plötzlich überraschend modern! Natürlich kann er auch bei Petrenko bedrohlich laut und schwer sein, aber letzterer bringt die Partitur deutlich mehr dadurch in lebendiges Fließen, indem er vieles von vornherein leise, sehr leise, zauberisch zart spielen und singen lässt und mit den Instrumental- und Solistenstimmen die retardierenden Momente auskostet, wo die Zeit plötzlich stehen zu bleiben scheint.

Noch ein sprechendes Detail: Petrenko lenkte bei seinen Solovorhängen stets bescheiden den Beifall in den Graben und blieb am Mittwoch, als sich endlich das Orchester zeigte, erkennbar der peinlichen Selbstinszenierung Castorfs fern. Hoffentlich heißt das nicht, dass Petrenko Bayreuth bald wieder den Rücken kehrt. Künstler wie ihn brauchen die Festspiele - und nicht unbedingt brillante Zyniker, bei denen sich das Gros der Zuschauer betrogen fühlt.