Soll keiner sagen, es war nichts dabei für ihn. Flamenco, Tango, Samba, Blues, Rock, Heavy Metal und Sirtaki: Sicher hatten nicht alle Erfinder jener Stilrichtungen daran gedacht, diese Musik für Geige zu konditionieren. Dafür gibt es ja David Garrett, der wohl selbst aus der Gebrauchsanweisung für einen Geschirrspüler ein veritables Arrangement für Streichorchester schöpfen könnte.

Braucht er aber gar nicht, denn die Welt - seine Welt - ist voll von tonalen Vorlagen von Weltruhm. Und die rund 12  000 Besucher auf dem Festplatz in Bayreuth: Sie bekommen großes Kino, was nicht zuletzt an der XXL-Leinwand liegt, die das Epizentrum dieses Samstagabends einfängt. Alle dürfen in Bildern schwelgen, etwa zu Peter Tschaikowskis Schwanensee mit einer hinreißend hingehauchten Soloballett-Einlage. Ein Mount Everest klassischer Musik, gegossen für die Ewigkeit. Garrett rührt kaum an der ohnehin perfekten Blaupause.
Nicht immer aber belässt der 32-Jährige das Original in seiner Form. Jorge Bizets "Carmen" wirkt er in einen rassigen Soundteppich. Selbst bei Werken, die ohnehin in einer höheren Tempoliga spielen, dreht Garrett noch am Gashebel. Seine Fingerfertigkeit gefragt ist besonders bei Stücken wie "Tico Tico", jener in feurigen Harmonien ausgedrückten lateinamerikanischen Lebensfreude.

David rockt sie alle

Dazwischen eingestreut Garretts Markenzeichen: Rockiges und Poppiges, verklassischt für Streicher, bisweilen auch verkitscht. Coldplay, AC/DC, Metallica. An Queen hat er einen Narren gefressen, er, der Teufelsgeiger (so heißt der gleichnamigen Kinofilm mit Garrett in der Hauptrolle als Paganini). Es sei eine Ehre gewesen für ihn, als er gefragt wurde, ob er nicht zu den Orignal-Arrangements der Rock-Heroen einige Stücke einspielen könnte. Im Gegenzug darf Garrett exklusiv Original-Bilder und -vocals von Freddy Mercury verwenden. Er tut es bei "The Show must go on", ein Höhepunkt im zweistündigen Programm. Gänsehautatmosphäre, als der verstorbene Sänger überlebensgroß über die Leinwand huscht und Garrett mit einer genialen Geigenpartie dem musikalischen Vorbild huldigt.
Eingestreut in die 28 Werke und manchmal die Stimmung tötend: Anekdoten aus dem Leben als gefragter Stargeiger. Vom Überleben in Hotels, wenn der Room-Service für den Schnittchen-Notfall nur per Katastrophenruf funktioniert. Vom Zugführer, der sich über den übenden Garrett als "Lärmquelle" beschwert. Und von einer ungewöhnlichen Improvisation des "Ave Maria" in der Helene-Fischer-Show. "Ich hatte nicht genug Zeit, mir die Noten anzuschauen. Da habe ich sie mir in der Generalprobe auf den Boden gelegt und vom Blatt gespielt. Notenlesen können ist ja auch keine Schande." In der Live-Sendung dann der Schock: Die Noten lagen noch da, aber die Crew blies Bodennebel rein.