Die Dame mit dem Pinscher an der Leine nimmt's humorig. "Wenn's nächstes Johr beim Bromminendn-Auflauf die Angela trifft, könna sa wegen mir den Putz ruhig bröggln lassen." Die Frau lacht beim Gedanken an eine dachbeschädigte Kanzlerin. Derweil hebt ihr Mitläufer eines seiner Beine, zum Glück nur an einem Baum im Vorgarten des Grünen Hügels.

Das Festspielhaus ist auf den Hund gekommen. Ein Bild mit Symbolcharakter. Die Fassade hingegen löst sich nicht nur symbolisch auf, sondern erschreckend real. Dass sich seit Jahren immer wieder Teile in suizidaler Absicht in die Tiefe stürzen und Stücke prophylaktisch von den Wänden abgeschlagen werden müssen, weil sie locker und porös sind - alles keine echte Neuigkeit. Dass Handlungsbedarf besteht, das wissen die Festspielleitung, das wissen der Verwaltungsrat und auch die Stadt Bayreuth.

Allerdings geht aus dem aktuellen Befund von Ingenieur Roland Burges hervor: So beängstigend akut sei es bis dato noch nie gewesen. Burges nimmt in regelmäßigen Abständen das ehrwürdige Gebäudeensemble unter die Lupe - und kommt jetzt zu dem Ergebnis, dass prinzipiell Gefahr für jeden besteht, der sich Richard Wagners Musiktempel nähert.


Erste optische Warnung


"Deshalb musste die Stadt handeln, und deshalb sind jetzt die Absperrbänder da", begründet Pressesprecher Joachim Oppold die ungewöhnliche Umrandung des Festspielhauses, die seit Dienstagmittag im Novemberwind flattert. "Die Stadt ist schließlich für das öffentliche Gelände zuständig und damit in der Verkehrssicherungspflicht. Da können und wollen wir keinerlei Risiko eingehen." Beim Absperrband allein soll es nicht bleiben. Das ist nur die erste optische Warnung; es folgt in Kürze ein Gerüst samt Fangnetzen, die herab- und umherfliegende Trümmer aufhalten sollen.

Damit wird klar: Wenige Wochen vor Beginn der Veranstaltungen zum Wagner-Jubiläumsjahr 2013, in dem der 200. Geburtstag des Komponisten gefeiert wird, verhüllt der weltbekannte Theaterbau sein Antlitz. Und das ganz ohne Zutun von Verpackungskünstler Christo. "Unter den Umständen hätten wir die Aktion sicher positiver verkaufen können", sagt Peter Emmerich, Pressesprecher der Festspiele. Er bestätigt die Notwendigkeit der veranlassten Absperrungen, sagt aber auch: "Aus heiterem Himmel kommt das ja jetzt alles nicht."


Zur Festspielsaison noch in Gerüst


Auf die Statik des Hauses und auch den Spielbetrieb hätten die Fassadenschäden keine Auswirkungen. Allerdings wolle Emmerich "mit aller gebotenen Vorsicht" nicht zu 100 Prozent ausschließen, dass das Haus bis zum Beginn der Festspielsaison im Sommer gänzlich entrüstet ist. "Das hängt davon ab, wie der Prozess der Entscheidungsfindung vonstatten geht, wann das Sanierungskonzept beschlossen und nach welcher Dringlichkeit in die Tat umgesetzt wird. Das entzieht sich leider unserem Zugriff und unserer Beurteilung." Die Sicherungsmaßnahmen bedeuten nämlich nicht, dass damit auch bereits die Renovierungsphase eingeläutet würde. Darüber zu befinden, liegt in der Verantwortung des Verwaltungsrats und der Gesellschafterversammlung. "Aus dieser Ecke kam noch nichts, da besteht offenbar Klärungsbedarf", sagt Emmerich.

Aufklärung leisten könnte der Verwaltungsrat mit Toni Schmid an der Spitze. Nachfragen dieser Zeitung blieben bis gestern vom Büro des Ministerialdirigenten im Staatsministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst unbeantwortet. Allerdings äußerte sich Schmid der Nachrichtenagentur dpa gegenüber und plädierte für den sofortigen Beginn der Arbeiten.

Wolfgang Wagner, Vorstandsmitglied der Gesellschaft der Freunde von Bayreuth, einem Fördergremium der Festspiele, sieht Eile geboten und signalisiert immerhin Bereitschaft seitens des Vereins. Wenn die Festspielleiterinnen Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier "einen Antrag stellen, werden wir uns mit der Sache befassen". Wagner stellte aber auch klar: Eine Sanierung ist Aufgabe der öffentlichen Hand.

Und geht weit über Schönheitsreparaturen hinaus. Laut Gutachten eines Architektur büros sind 48 Millionen Euro ermittelt worden. Der Freistaat Bayern hat die Bereitstellung von 16 Millionen Euro bis 2020 angekündigt. Wer aber bezahlt sonst wie was? Die Stadt beruft sich auf den Mietvertrag (Vermieter/Eigentümer des Hauses ist die Richard-Wagner-Stiftung) und darauf, dass die Festspiel GmbH als Mieterin die Kosten für den Bauunterhalt zu tragen habe. "Ganz so einfach ist es nicht", entgegnet Emmerich und zitiert aus dem selben Mietvertrag. "In Paragraf 5 steht: Soweit der Mieterin Pflichten mit finanziellen Auswirkungen obliegen, gelten diese nur, soweit ihr dafür ausreichend Mittel im Haushalt eingestellt werden. Das ist nicht der Fall."