2002 bis 2007 war Ihre Version des "Tannhäuser" im Bayreuther Festspielhaus zu sehen. Welchen Stellenwert hat diese Arbeit in Ihrer Karriere?
Philippe Arlaud: Die "Tannhäuser"-Produktion in Bayreuth war eine wundervolle Aufgabe. Ich war zunächst natürlich von dem magischen Ort Bayreuth mit seinem Festspielhaus auf dem Grünen Hügel beeindruckt. Wie mir Kollegen zuvor erzählt haben, war diese Ehrfurcht auch bei ih nen vorhanden. Dieses Eintauchen in ein Mekka der Musik war faszinierend. Rückblickend gesehen, würde ich heute jedoch einige Veränderungen an meiner Arbeit vornehmen. Aber das ist, glaube ich, typisch für einen Künstler. Ich suche die Perfektion und bin selten lange zufrieden mit meiner Arbeit.

Besonders der Kontakt zu Wolfgang Wagner ist bei mir noch heute verbunden mit vielen schönen Erinnerungen. Er hat mich persönlich über sämtliche technische und künstlerische Abläufe im Festspielhaus informiert. Dazu haben wir das gesamte Gebäude, vom Schnürboden bis unter die Bühne, inspiziert. Ich konnte viel von ihm lernen, auch dass hin und wieder Kompromisse einzugehen sind. Rückblickend gesehen, war es wirklich schade, dass Teile meiner Oper-Interpretation, zum Teil aus finanziellen Gründen, nicht durchführbar waren. Hinzu kam noch, dass unser Tannhäuser-Sänger Glenn Winslade ab 2004 nicht mehr zur Verfügung stand und die Partie umbesetzt werden musste.

Würden Sie gerne wieder für die Bayreuther Festspiele arbeiten?
Philippe Arlaud: Vor fünf Jahren endete meine Regiearbeit am Grünen Hügel. Über mein geschaffenes opulentes und farbenprächtiges Bühnenbild wird noch heute geredet. Aufgrund des zeitlichen Abstandes wird eine Vielzahl von Details jedoch heute verklärt gesehen, auch mir ergeht das so. Bayreuth war ein wichtiger Meilenstein in meiner Regisseur-Karriere. Für die Richard-Wagner-Festspiele wieder zu arbeiten? Klar, natürlich, sofort! Für mich wäre es Ehre und Herausforderung zugleich.

Am 6. Januar zeichnen Sie in der Bayreuther Stadthalle verantwortlich für eine Opern-Aufführung zusammen mit dem Wiener Bläserseptett "Mnozil Brass". Worauf dürfen wir uns freuen?
Philippe Arlaud: Auf "Hojotoho", eine Kombination aus Musikdrama und Comedy. Nicolaus Richter, Kulturbeauftragter der Stadt Bayreuth für Musik und Theater, brachte mich mit den Musikern des weltbekannten Wiener Bläserseptett zusammen. Eine spontane Zusage nahm ich zurück, bevor ich mich doch entschloss, dieses Spektakel der anderen Art auf die Bühne zu bringen, welches dem Musikgenie Richard Wagner auf eine ganz besondere Art Verehrung entgegen bringt. Im Juli wird dann noch meine Kurzfassung des Rings, "Der Ring an einem Abend", gezeigt.

Eigentlich wollten Sie Medizin studieren. Was hat Sie bewogen, eine berufliche Karriere im künstlerischen Bereich anzustreben?
Philippe Arlaud: Die Wissenschaft der Psychiatrie hat mich schon frühzeitig sehr interessiert. Während meines Studiums kam mir die Idee, Bühnenauftritte für eine Therapie einzusetzen. So kam ich mit dem Theater in Kontakt und konnte nicht mehr loslassen. Ich hing also das Medizinstudium an den Nagel, um Regie, Bühnenbild und Kunstgeschichte an der École Supérieure d'Art dramatique des Straßburger Nationaltheaters zu studieren. Wichtige Begleiter auf meinem künstlerischen Weg waren die deutsche Schauspielerin und Regisseurin Elke Lang sowie der Wiener Regisseur und Theaterdirektor Hans Gratzer. Aus der Zusammenarbeit mit ihm entstanden zwischen 1990 und 2000 insgesamt 35 Produktionen. Eine Leistung, die mich stolz macht.

Wo ist Ihr Lebensmittelpunkt? Wie oft kommen Sie nach Bayreuth?
Philippe Arlaud: In meinem Haus nahe bei Marseille liegt mein Hut, wie wir Franzosen den Lebensmittelpunkt umschreiben. Dort lebe ich fünf bis sechs Monate im Jahr. Das ist die Zeit, in der ich Kraft tanke, für meine kreative Arbeit. Meine Freunde dort haben keine künstlerischen Berufe sondern gehen Tätigkeiten zum Beispiel als Gärtner oder Immobilien makler nach. Unsere Gespräche drehen sich daher eher um die alltäglichen Dinge im Leben.

Wenn ich zu Hause bin, lese ich viel, höre Musik oder gehe am Meer spazieren. Die restlichen Monate im Jahr bin ich beruflich in der ganzen Welt unterwegs. Im Februar 2013 reise ich beispielsweise nach Maribor, um dort "Carmen" von Georges Bizet zu inszenieren. Im März bringe ich "Ariadne auf Naxos" von Richard Strauss in Baden-Baden auf die Bühne. Natürlich komme ich gerne und auch öfters nach Bayreuth. Ich pflege hier Freundschaften und bin gut vernetzt. Nach Paris, Straßburg und Wien würde ich Bayreuth als eine meiner Heimatstädte bezeichnen.

Wie provokativ muss man traditionelle Opern heute inszenieren, um den Publikumsgeschmack zu treffen?
Philippe Arlaud: Was ist traditionell, was ist provokativ? Ein Opernregisseur ist vor allem ein Arrangeur, denn die Rahmenbedingungen wie Musik, Text, Handlung und Personen sind vorgegeben. Für mich persönlich ist die Ästhetik einer Inszenierung wichtig. Auch wenn eine Skandal-Inszenzierung manchen Besucher mehr zu einem Opernbesuch reizt, möchte ich selbst eher mit anderen Mitteln Akzente setzen, auch um authentisch zu bleiben. Diese Skandal-Inszenierungen würde ich eher als künstlerischen Selbstmord für eine Opernbühne bezeichnen, denn an ihr bleibt ziemlich schnell und lange der Begriff Skandalbühne haften.

Nach einer derartigen "Don Giovanni"-Aufführung in Salzburg zum Beispiel haben Besucher gar ihr Eintrittsgeld zurückgefordert. Aufgabe eines Opernregisseurs ist es vielmehr, die vorhandene Musik neu zu verpacken. Für mich bedeutet das, dem musikalischen Werk voller Respekt entgegenzutreten. Deshalb freue ich mich auch so auf meine Projekte hier in Bayreuth im kommenden Jahr anlässlich des 200. Geburtstages von Richard Wagner. Bayreuth hat ein facettenreiches Ju biläumsprogramm in einmaliger Konzentration zusammengestellt, das bereits vielfach Beachtung findet. Die Jubiläumsveranstaltungen werden ebenso viel Aufmerksamkeit finden, wie die eigentliche Festspielzeit. Bayreuth und Richard Wagner sind kongenial. Und ich freue mich, daran teilhaben zu dürfen!