Süßes, warmes Weißbier im 0,2 Liter-Becher, eine "Glühweiße", wärmt Hände, Kopf und Magen. Aber leider nicht die kalten Füße. Hätte ich mir doch wie die anderen rund 800 Besucher heute Abend dicke Winterstiefel angezogen. Bei der letzten After-Work-Party des Jahres laufen "Hits" von Ace of Base bis Spice Girls und Backstreet Boys. Scheint sich nicht viel verändert zu haben im Bayreuther Winterdorf, seit ich vor 12 Jahren zum ersten Mal hier war und mir mit Glühwein den Magen verdarb. Aber schließlich ist das Motto des heutigen Abends auch "Feiern wie früher".

"Wir lassen uns jedes Jahr was Neues einfallen", sagt Dieter Reil, Besitzer des Bayreuther Winterdorfs. Für diese Saison meint er zum Beispiel den Besuch des Coca-Cola-Weihnachtstrucks. An diesem Tag hatte das Winterdorf heuer den höchsten Umsatz und "tausende Besucher", sagt er. Reil ist mit der Saison sehr zufrieden: "Gestern (29. Dezember) haben wir den Rekordumsatz vom vergangenen Jahr erreicht. Und wir haben noch zwei Tage geöffnet. Zwei gute Tage." Seit der Eröffnung vor 13 Jahren habe er den Umsatz jedes Jahr weiter steigern können.120 00 Besucher kamen in der vergangenen Saison. Reil geht heuer von einer ähnlichen Zahl aus, hat sich der Umsatz doch gesteigert und sich die Preise kaum erhöht. Laut Reil kämen fast Dreiviertel der Besucher aus dem Umland. "Das kommt der Stadt Bayreuth auch zu Gute", meint er. Zur Schätzung kam er, weil er sich auch mit dem Rotmain-Center abspreche, die Besucher befrage "und man die Oberpfälzer ja auch raushört", so Reil.


Schrei mir in's Ohr, Baby

"Let's talk about Sex, Baby" von Salt-N-Pepa beschallt die Alpenhütten-Atmosphäre. Die meisten der dicht aneinander gedrängten Menschen reden aber nicht über Sex, sondern schreien sich lieber gegenseitig Anekdoten von der Firmen-Weihnachtsfeier und Fußball-Fachsimpeleien in die Ohren. Musik und Gespräche haben hohe Lautstärken erreicht. Um verstanden zu werden, muss man eben lauter Brüllen als die Nebengruppe. Ein Mittfünfziger, Typ Rathausangestellter, wippt erwartungsvoll mit dem professionellen Outdoor-Schuh im Takt und blickt sich mit glühweingeschwängertem, seeligen Lächeln und offenen, forschenden Augen um. Aber die Leute schreien sich weiter mit roten Köpen und breitem Lächeln an, satt Blicke zu erwidern oder ebenfalls zu Wippen. What is love? Baby don't hurt me no more.

Der recht wirre Mix der Hits von den 80ern bis in die Nullerjahre sorgt dafür, dass vereinzelte Tischgruppen immer mal wieder ein bisschen schunkeln und tanzen, der Großteil aber bei Glühwein und Gesprächen bleibt. Überraschend tanzt eine junge Studentin den Buchstabentanz zu "YMCA", der ein bisschen an Waldorf-Schule erinnert. Bei "Mambo No. 5" (in der Lou Bega Version) wippen auch 17 Jahre nach dem Charterfolg noch die meisten mit. Warum werden die Leute solcher Songs nicht müde?

Vielleicht schaue ich so miesepetrig drein, weil ich alleine hier bin. Das Bayreuther Winterdorf ist eine Gruppensache: Mittdreißiger-Freundesgruppen aus der besagten Oberpfalz, Erstsemestler und After-Work-Trinkkollegen drängen sich in Trauben um die kleinen Holztische und bleiben bis mindestens zum vierten Glühwein in der Regel unter sich. Trotzdem eine sehr interessante Besuchermischung.

Die Veranstalter haben sich mit der Dekoration viel Mühe gegeben: Geweihe, Gitarren, Alpenhüte mit umgeschnallten Ski-Brillen. Aber zum Après-Ski-Feeling fehlen mir eben die Berge, zum Ballermann-Feeling die Sonne und das Meer; und ich bin schon kein Freund dieser Art Veranstaltungen. Geschmackssache, klar.

Warum das Winterdorf nach 13 Jahren nichts von seinem Reiz verloren hat, sondern sich im Gegenteil der Andrang immer weiter steigern konnte, erklärt sich Dieter Reil so: "Nach Silvester gibt's uns wieder neun Monate nicht mehr. Dann sind wir plötzlich wieder da und die Leute freuen sich auf uns." Deshalb meint Reil auch: "So etwas wie eine Strandbar im Sommer wollen wir nicht machen. Da wäre dann die Vorfreude weg und die Konkurrenz zu hoch." Also noch einmal hoch die Glühweintassen! Am Freitag und an Silvester geht das noch. Danach muss man neun Monate auf die Wiedergeburt des Winterdorfs warten.