Eine der "Freitagsmaler" ist Luise H., 24, Studentin in Coburg. Diagnose: Depression im Ruhezustand. Ziel: zurück ins Leben.

So eine Depression, das ist mehr als eine vorübergehende Unpässlichkeit des Gemüts. Sie bringt die Struktur einer Persönlichkeit ins Wanken, verfinstert ihr innerstes Selbst. Sie kann auch Pfunde purzeln lassen. Schön, wenn es denn gewollt ist. Und sich nicht krankhaft auswächst.

Bei Luise H. (Name geändert) ging es rapide abwärts mit dem Körpergewicht: 15 Kilo in vier Wochen. Parallel dazu ging das seelische Gleichgewicht zum Teufel. Die junge Frau hat sich anfangs noch gefreut über die unerwartete Leichtigkeit ihres Seins. "Ich dachte: Abnehmen, ohne was dafür zu tun - klasse." Doch es ist, was sie da noch nicht ahnt, erstes sichtbares Zeichen einer Wandlung. Die Ursache: ein Dreifachschicksalsschlag.


Ein Erdrutsch im Privatleben



Luise H. steht zu jener Zeit, es ist Frühsommer 2008, "unter Strom" wegen ihres Fachabiturs. Sie beißt sich rein und besteht. Privat aber folgt der Erdrutsch: Eine gute Freundin fällt nach einer Krankheit ins Wachkoma. Ihr Onkel stirbt. Ein guter Kumpel nimmt sich das Leben. "Ich dachte immer, er sei der Harte von uns beiden. Einer, den nix umhauen kann. Der mich aus meiner stillen Ecke rauszieht, nicht umgekehrt."

Es folgt die Stille nach dem Schuss. Langsam zieht es ihr den Boden weg, irgendwann öffnet sich die Falltür ganz. "Ich habe es dann selber bemerkt, dass da psychisch was im Busch ist bei mir. Schließlich habe ich mich ja schon in der Schule für soziale und gesundheitliche Zusammenhänge interessiert und kenne die Symptome. Aber man will es bei sich selber eben nicht immer gleich wahrhaben."


Erst Medikamente, dann ab in die Klinik



Die Eltern raten ihr dringend, einen Arzt aufzusuchen, "denn so kann es ja nicht weitergehen". Als die Diagnose klar ist, folgen erst mal Medikamente, die als Stimmungsaufheller den Scheinwerfer auf die verfinsterte Seele richten. "Damit ging es so lala." Zur weiteren Behandlung ab in die Klinik: zwei Wochen ambulante Therapie mit Bastelkurs. "Ich habe wie eine Bekloppte Topflappen gehäkelt. So viele verbraucht meine Mutter ihr ganzes Leben nicht. Ganz übel war das."

Verordnete Kreativität - auch zum Wohle der Gesundheit - ist ihr fortan ein Gräuel. Insofern ist die heute 24-Jährige skeptisch, als sie vom Angebot der "Roten Katze" erfährt. Ein Aushang in der Bayreuther Tagesklinik macht sie neugierig. Ohne große Erwartungen fährt sie das erste Mal hin. Das ist Ende 2009. Sie bleibt und ist seither eine der 16 freiwilligen "Freitagsmaler", die wöchentlich zusammenkommen. Allesamt mit gleicher oder ähnlicher Vorgeschichte. "Ich profitiere als Jüngere davon, dass hier viele Ältere sind. Das ist wie eine zweite Familie für mich. Von den Erfahrungen der anderen kann ich viel lernen."


Scheitel aus Ultramarin



Heute hat sich Luise H. eine Katze ausgesucht. Sie streift sich die rot-weiß gemusterte Schürze über und taucht den Pinsel ins Glas. Die blaue Farbe vermischt sich in einem Strudel mit dem Wasser. Das Pappmaché-Kätzchen bekommt einen Scheitel aus Ultramarin gezogen. Die Wimpern sind so getuscht wie die ihrer Anstreicherin, die dem Katzenkopf ein blässliches Antlitz verleiht. "Sieht gut aus", pflichtet die Sitznachbarin Luises Farbwahl bei.
Die 24-Jährige malt mit ruhiger Hand. Sieht so jemand aus, der aus seiner inneren Mitte gerissen, also buchstäblich "verrückt" wurde? "Die Depression macht derzeit Pause", sagt Luise. Der Erfolg ihres Therapeuten. Ihr Vater hatte damals wahllos Experten angerufen, die seiner Tochter doch bitte bitte helfen mögen. "Ich bin wohl an den Richtigen geraten." Sie ist froh, die Medikamente auf ein Minimum reduzieren zu können. "Ich wollte von diesem Zeug nie so viel nehmen müssen, dass es meine Persönlichkeit, mein Wesen verändert."


Kontakt: Kreativladen "Rote Katze", Mittelstraße 14, 95444 Bayreuth, Telefon 0921/5087100.