Kommentar:

Der Mut zur Einheit fehlt

Viele schöne Worte der Versöhnung waren zum Reformationsjubiläum zu hören. Sowohl von evangelischer wie von katholischer Seite. Versöhnungsgottesdienste signalisierten: Wir gehen aufeinander zu. Kardinal Marx forderte gar, man müsse aufhören, von einer Kirchentrennung zu sprechen. Der Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche, Bedford-Strohm, stellte einen noch nie dagewesenen Drang der Menschen Richtung Ökumene fest. Worte, die Hoffnung bei denen aufkommen lassen, die 500 Jahre nach der Reformation auf eine Einheit der Christenheit setzen. Darauf, dass die gemeinsamen Wurzeln zum Beispiel auch die Grundlage bilden könnten für ein gemeinsames Abendmahl. Aber Vorsicht! Dazu scheint den Verantwortlichen der Mut zu fehlen. Stattdessen wird auf Unterschiede in einzelnen theologischen Fragen hingewiesen, so beim Ämterverständnis. Das stimmt ja alles. Aber Unterschiede sind dazu da, um überwunden zu werden. Die Einheit wäre nötiger denn je angesichts schrumpfender Mitgliederzahlen und sinkender gesellschaftlicher Relevanz der Kirchen. Statt bloßer Worte ein gemeinsamer Aufbruch der Christen, ein klares Signal hinein in eine Gesellschaft ohne Gott: Die Kirche lebt. Aber: Bischöfe scheinen dazu nicht in der Lage. Stattdessen wird die Einheit in vielen Gemeinden - quasi illegal - längst praktiziert. Ohne Bischöfe - und ohne große Worte. Die Kirchenleitungen wissen um diese Bewegung an der Basis. Billigen sie stillschweigend. Ihrer Verantwortung werden die Bischöfe damit allerdings nicht gerecht.