Es sind Zeitreisen, zu denen Bambergs malerische Ecken und Winkel einladen. Der Alltag des 21. Jahrhunderts verblasst für alle, die den Spuren der Vergangenheit folgen. Und wer mehr als nur einen flüchtigen Blick zurück werfen möchte, kann über die Publikationsreihe "Die Kunstdenkmäler von Bayern" tiefer schürfen - bis zu Relikten der Steinzeit: So hinterließen Menschen, die zum Teil in Grotten lebten, Fragmente von Werkzeugen oder Jagd-Utensilien. (Wobei sich die wenigsten an den Wänden so gekonnt verewigten wie jene Künstler der "Mäanderhöhle" nahe Leidingshof, die mit erotischen Darstellungen noch 10 000 Jahre später für Furore sorgten.)

Wissenschaftliches Grundlagenwerk

In der Frühzeit also startet die Zeitreise, auf die Thomas Gunzelmann das Fachpublikum ebenso wie historisch interessierte Laien schickt. 1970 Seiten umfasst sein wissenschaftliches Grundlagenwerk, das von der Vor- und Frühgeschichte Bambergs bis ins 21. Jahrhundert führt. Unter dem Titel "Stadtdenkmal und Denkmallandschaft" erschien der einleitende Part von sieben Bänden, die ab 1990 veröffentlicht wurden (beziehungsweise noch veröffentlicht werden) - beginnend mit Tilman Breuers und Reinhard Gutbiers geschichtlicher Aufarbeitung der "Inneren Inselstadt". Wobei die Reihe die herausragende Stellung des "Fränkischen Roms" auf historischem Terrain belegt. So ist "Bamberg die einzige Stadt Bayerns, der ein derart wissenschaftlich fundiertes Grundlagenwerk aus der Kunstdenkmäler-Reihe gewidmet ist", wie es Professor Egon Johannes Greipl als Generalkonservator des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege auf den Punkt brachte.
Nach Bänden, die sich auf jeweils einen historischen Bereich wie eben die "Innere Inselstadt" oder die "Bürgerliche Bergstadt" beziehen, beleuchtet der Autor nun die Entwicklung Bambergs als "Stadtdenkmal und Denkmallandschaft". Von der Stein- über die Bronze- und Eisenzeit ist es indes ein kurzer Weg bis ins frühe Mittelalter, wo Leser erstmals länger verweilen. Und auf die erste Erwähnung des "Castrum Babenberh" in der Chronik des Regino von Prüm stoßen. Glücklicherweise beschränkt sich Gunzelmann nicht auf die Geschichte der Babenburg, des Doms, der Altenburg und anderer Touristenattraktionen. Sondern zeigt, wie das einfache Volk im Wandel der Zeit hauste. Angefangen bei Pfostenbauten mit Strohdächern und Wänden aus lehmbedecktem Flechtwerk, die vor der Bistumsgründung im Bereich des Dombergs und der Uferzonen zu finden waren, führt der Exkurs zu ersten Steinhäusern des Sandgebietes, auf die ein "Steuerbeleg" von 1323 verweist.

Fäulnisgestank im Sommer

Fachwerkbauten des 14. und 15. Jahrhunderts leben in ihrer damaligen Form auf. Interessant auch die Beschreibung von Handwerkeranwesen, die den Arbeitsalltag der Zünfte spiegelten. Nah am Wasser bauten beispielsweise Gerber, um Häute reinigen und weichen zu können. Wobei "der Fäulnisgestank, der kulminierend im Sommer aus den Gerbkufen aufstieg, vielerorts zur Auslagerung des Gewerbes führte", wie Gunzelmann berichtet. Auch Bamberger übten ihren "unreinen Beruf" lange außerhalb der ältesten Stadtmauern aus - an der Flussseite des Zinkenwörths.

Blick in Badeanstalten

Einen heimlichen Blick riskiert man in Badeanstalten, um nur einen Teil der beschriebenen öffentlichen Einrichtungen zu nennen. Das Zeitalter der Aufklärung brachte selbst der besseren Gesellschaft Hygiene nahe, die sich dafür zuvor offenbar zu fein fühlte. Bis ins 19. Jahrhundert hinein hatte sich auch in Bamberg die mittelalterliche Tradition der Badstuben gehalten, die man besonders aus der Inselstadt kannte. Dann eröffneten moderne Varianten wie ein 1815 im Theresienhain an der Stelle des späteren Bootshauses errichtetes Badehaus, das "vier Kabinen mit Wannen- und Schwitzbottichen" besaß. Gefolgt von einer drei Jahre später eröffneten "ersten allgemeinen Badeanstalt mit gewöhnlichen und medizinischen Wannenbädern", die im früheren Hofgarten des Schlosses Geyerswörth Besucher erwartete. Während für Flüsse noch das strikte Nacktbadeverbot galt, das Fürstbischof von Schönborn 1737 erließ (und die meisten Bamberger fröhlich plantschend umgingen).

Krieg um die Standortfrage
Schon ist's höchste Eisenbahn, um moderne Errungenschaften des öffentlichen Verkehrs noch ansatzweise zu beleuchten. Der erste Zug schnaufte am 25. August 1844 auf der "eisernen Kunststraße" von Nürnberg heran. Wobei vor und nach (!) dem Bau unseres Bahnhofs ein erbitterter Kampf um die Standortfrage tobte. "In keiner Stadt an der Bahnlinie werden so viele Wünsche, reife und unreife Projekte laut als in Bamberg", schrieb das Ministerium des Inneren 1843 an die Nürberger Eisenbahn Commission.

Ein winziger Auszug aus einer gigantischen Fülle an Informationen, die man in dem zweibändigen Werk neben Plänen, Ansichten, Luftbildern und Stadtmodellen findet. Ein wahrer Schatz für alle, die tiefer schürfen und sich mehr als nur oberflächlich auf die Geschichte der Siebenhügelstadt einlassen möchten.