Wer es wieder nicht in den sonntäglichen Gottesdienst geschafft hatte, zu dem hat unser Pfarrer früher immer gesagt, man sei wohl vom Bettzipfel erschlagen worden?! Das kam häufiger mal vor. Mit dem Bettzipfel hatte ich auch gestern wieder zu kämpfen. Ich wollte zum ersten Mal am Bamberger Karfreitags-Bittgang teilnehmen. Ein Erlebnis, haben meine Kollegen mir, dem Zugezogenen, gesagt.

Deutlich zu früh klingelt mein Wecker an diesem Karfreitag. Es ist 4.20 Uhr. Was tue ich da eigentlich? Es ist mitten in der Nacht. Ein Blick aus dem Fenster genügt, um mir die Bestätigung dafür zu holen. Dennoch: Ich quäle mich aus dem Bett, mache mich auf den Weg zur Oberen Pfarre, dort soll der Bittgang am Missionskreuz beginnen. Auf der Marienbrücke begegnen mir die letzten grölenden Gestalten der Nacht, die bald stumm in ihren warmen Federn liegen. Ich habe Besseres vor.

Am Kaulberg angekommen, die ersten Gebete haben schon begonnen, fängt es pünktlich um Fünf an zu regnen. Dennoch haben sich viele eingefunden. Einige Hundert werden es schon sein. "Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes." Diese Worte wabern schwer im düsteren Morgen durch die Häuserreihen, als sich die Prozession in Bewegung setzt. Immer wieder murmeln die Gläubigen den Rosenkranz.


Es wird langsam hell

Es geht den Kaulberg hoch. Am nächsten Kreuz an der Karmelitenkirche wird wieder Halt gemacht. Gebete. Es ist immer noch dunkel. Dann geht es weiter durch die Altenburger Straße den Berg hinauf. Noch zwei weitere Stopps, "Vater unser" und mehr, dann geht es hinauf zur Altenburg. Die Dunkelheit weicht langsam dem Sonnenaufgang, der an diesem Tag keiner ist. Es graut, wird langsam hell.

Hier teilt sich der Strom. Zum ersten Mal verstummen auch die Gebete vereinzelt. Der Hügel nimmt die Puste. Das Tempo ist doch schneller als ich zunächst dachte. Jetzt nur nicht abreißen lassen!


Keiner zählt genau nach

Endlich oben. Es ist jetzt 6 Uhr. Auf der Altenburg findet sich ein Meer an Schirmen wieder. Es sind deutlich mehr Teilnehmer als noch am Anfang. Vielleicht 2000. Vielleicht mehr. Keiner zählt nach. Zum ersten Mal sehe ich Erzbischof Ludwig Schick hier oben. Vor der Kreuzigungsgruppe hält er die Andacht. Es wird gesungen - den Regen kann das nicht stoppen.

Was auffällt: Seitdem der Morgen erwacht ist, sind auch die Menschen aufgeweckter. Es sind jetzt nicht nur Gebete, die gemurmelt werden, auch Gespräche über Salzburg, den Führerschein des Nachwuchses oder der eigenen Berentung werden geführt. Die Menge fühlt sich wohl. Das ist gut.

Von der Altenburg setzt sich die Prozession wieder in Bewegung: So gegen halb sieben stapft Bittgang-Begleiter Robert Haßfurther durch die nasse Wiese von der Wildensorger Straße zum Rothof hoch. Hinter ihm folgen Gläubige. Doch auch neben und vor ihm. Jeder sucht an dem steilen Hang seinen Weg links und rechts des Hügels, auf die Regenschirme gestützt. Es ist das schwierigste Stück auf der traditionellen Strecke. Auch das gemurmelte "Vater unser" verstummt für einen Moment. Nur der harte Kern vorne am Kreuz um Haßfurther betet weiter vor sich hin. Meine Schuhe sind nass, als ich oben ankomme. An der Marienkapelle wird noch einmal gebetet, dann geht es zur Abschlussandacht runter nach St. Getreu.


Wach um halb acht

Nachdem alles beendet ist, die Bittgänger streben wieder nach Hause, gehe ich den Michelsberg hinab, unterhalb des Doms vorbei, durch die Sandstraße. Da spricht eine Frau das aus, was sich viele an diesem Morgen dachten: "So a blöds Wetter!" Das dachte ich mir auch. Wer weiß, vielleicht sollte das meine Taufe zum Einstand sein? Und wenn ich die Worte von Robert Haßfurther noch richtig im Ohr habe, meinte der zum nassen Morgen: "Dann sind die Leute schon wach!" Wach war ich zu dem Zeitpunkt dann auch. Das war so gegen halb acht.

Eine lange Tradition

Anfang Der Karfreitags-Bittgang ist um das Jahr 1890 entstanden. Damals haben sich sieben Männer und Frauen zusammengetan, um Gott für ihre Anliegen wohlgesonnen zu machen. Die Familie Dennefeld führt diese Tradition ihrer Vorfahren fort und organisiert den Bittgang, der bei jedem Wetter und selbst in Kriegszeiten stattfand und jedes Jahr Tausende anzieht.

Verlauf Der Weg beginnt immer am Missionskreuz an der Oberen Pfarre, verläuft über Altenburg und Rothof und geht nach St. Getreu.

Teilnehmer Nicht nur gläubige Menschen nehmen an der Prozession teil, auch konfessionslose gehen immer wieder mit.