Herr Kaminer, gerade waren Sie wieder in Bamberg. Wie finden Sie die Stadt?
Wladimir Kaminer: Ich habe über Bamberg geschrieben, sogar mehrmals. In dem einen oder anderem Buch kommt Bamberg vor. Ich hatte theologische Diskussionen mit einem ehemaligen Katholiken, der dann Marxist geworden ist, aus Verzweiflung. Eine interessante Stadt, in der europäische Geschichte große Spuren hinterlassen hat... Rauchbier habe ich auch vor drei Jahren getrunken. Es riecht nach Schinken.

Wenn Sie in Russland geblieben wären, was hätten Sie gemacht?
Ich glaube, ich hätte mich auf Reisen gemacht. Ich wäre weggefahren. Heimat ist wichtig, man muss sie lieben, wie die eigene Mama. Aber man bleibt nie bei Mama ein Leben lang. Man muss irgendwann hinaus, in die große weite Welt.

Wie oft besuchen Sie Moskau, wenn überhaupt?
Ich besuche Moskau nicht. Aber ich war letztes Jahr beruflich in Sankt Petersburg. In Moskau war ich auch, mit "Russendisko".

Haben Sie Ihre Bibliothek aus Russland mitgebracht?
Mit 23 bin ich auf Reisen gegangen. Ich hatte keine eigene Bibliothek. Ich habe auch nicht zuhause gewohnt, in Moskau, sondern in einer Art Kommune, in einem leer stehenden Haus, mitten in der Stadt. In diesem Haus wohnten sehr unterschiedliche Menschen. Ich habe damals im Majakowskij-Theater als Tontechniker gearbeitet. Es war ganz um die Ecke. Das Haus sollte abgerissen werden. Aber es war alles da. Und für mich war das natürlich sehr bequem, so zu leben. Auf dem Weg nach Deutschland stand mein Zug lang irgendwo. Es war eine total lustige Zeit, alles war durcheinander. Ich bin am Gleis spazieren gegangen und habe gesehen: Ein alter Mann hat Bücher verkauft. Ich habe ihm vier Bände von Alexander Solschenizyns "Archipel Gulag" und noch irgendwelche Werke abgekauft. Die habe ich dann in Berlin gelesen. Das war eine wunderbare Lektüre. Wenn man schlechte Laune hat oder einem das Leben unerfüllt oder schwierig vorkommt, muss man nur ein paar Seiten von "Gulag" lesen, dann wird man sich wie im Paradies fühlen.

Wie haben Sie den Übergang vom Emigrantenleben zum Schriftstellerdasein geschafft?
Ich war niemals Emigrant. Emigranten waren Menschen, die 1917 vor der russischen Revolution weggelaufen sind. Meine Generation - wir sind nicht weggelaufen. Wir hatten doch ein tolles Leben an einem interessanten Ort. Wir sind weitergefahren, um die große Welt zu erkunden, um Anschluss zu finden an diese Welt. Das, was die Russen immer noch nicht haben.

In einem Ihrer Bücher sagen Sie, dass das Thema Emigration immer in jungen Kreisen präsent war und alle bewusst lebenden Menschen raus wollten.
Ja, jeder normale Mensch wollte raus. Hier in Deutschland heißt das Auslandssemester oder Auslandsjahr. Ich würde das als Pflichtfach einführen - dass jeder mehr oder wenige erwachsene Mensch für ein Jahr oder für ein paar Jahre in die Welt fährt. Um die Welt einfach besser zu verstehen.

Ja, das macht man hier gerne. Ihr Auslandssemester dauert schon 23 Jahre.
Ich bin ständig unterwegs.

Und das ist keine Emigration?
Das ist keine Emigration. Emigration ist, wenn man sich versteckt, wenn man flüchten muss, um zu überleben. Emigration ist eine Tragödie. Und unsere Reise damals - das war ein Abenteuer.

Soziologisch gesehen ist es trotzdem eine Emigration.
Uns hat damals niemand gezwungen, irgendwo hin zu fahren. Immer, wenn Grenzen fallen, wenn Imperien herunterkrachen wie die Sowjetunion oder in Deutschland diese Wiedervereinigung, dann kommt es zu Massenbewegungen von Menschen. Menschen fahren um die Welt und suchen nach einem besseren Leben, nach besserer Arbeit, nach dem Glück. Viele finden etwas, viele nicht. Die ganze Welt kommt in Bewegung. Ich bin dafür, dass die Grenzen fallen. Je mehr Menschen das Gefühl für diese kleine und eben runde Welt bekommen, umso einfacher wird es für sie, ein anständiges Leben aufzubauen.

Ihr russischer Akzent ist Ihr Markenzeichen. Wie gingen Sie früher damit um?
Also, ich höre ihn nicht. Für mich war es in erster Linie wichtig, dass mich die Leute verstehen. Und offensichtlich verstehen sie mich. Die Sprache ist ja ein Verständigungsmittel.

Wer sind Ihre Leser? Eher Deutsche?
Sehr viele Russen kommen zu meinen Lesungen, aber erst seit zwei, drei Jahren. Ich glaube, sie haben Deutsch gelernt, haben Interesse für deutsche Literatur entwickelt, kommen jetzt verstärkt zu meinen Lesungen, hören besonders aufmerksam zu: Was erzählt der Mann, ist er ein Vertreter oder ein Verräter, warum auf Deutsch, wieso hat er diesen komischen Akzent? Erzählt er was Gutes über uns oder was Schlechtes? Eine sehr interessante Entwicklung.

Mischen Sie Sprachen in Ihrem Alltag, vor allem, wenn Sie Russisch sprechen?
Nein, ich versuche schon, in der einen oder anderen Sprache zu bleiben. Aber es ist nicht schlimm. Ich habe vor kurzem Schwaben vom Polarkreis kennen gelernt, aus Salechard. Das waren Frauen, so große, blonde Frauen, die aber viel junger aussahen, als sie sind. Und viele Kinder und Männer haben. Sie waren sehr interessiert an einem Gespräch mit mir nach meiner Lesung und redeten die ganze Zeit Deutsch. Und dann, als ich sie fragte: Warum reden wir eigentlich Deutsch, wenn wir alle aus Russland kommen?, haben sie angefangen, Russisch zu sprechen, gerade dieses verquere Russisch, Quelja also, wo sie quasi deutsche Wörter russifiziert haben. Ich habe davon nichts verstanden und mich sehr amüsiert.

Was meinen Sie dazu, dass Ihre Bücher als Lehrstoff für Deutschunterricht als Fremdsprache verwendet werden, zum Beispiel auf Linguaonline's Blog?
Im Lehrbuch meiner Kinder war auch eine Erzählung von mir. Sie mussten dann eine Erzählung vom Papa nacherzählen oder auswendig lernen. Große Ehre für mich. Wir freuen uns. Die Kinder nicht so, weil alles, was im Lehrbuch steht ist eigentlich .... Vielleicht bin ich eine Ausnahme.

Mir ist irgendwie aufgefallen, dass Sie in der Presse nur gelobt und niemals kritisiert werden. Stimmt das?
Ich weiß nicht. Ich glaube, dass die Presse mich nicht wirklich ernst nimmt. Deutschland braucht sehr lange, um etwas Neues, Ungewöhnliches reflektieren zu können.

Wer hat Sie inspiriert? Russische Autoren wie Zadornov oder Zhvanetsky?
Nein, das sind nicht meine Vorbilder. Mich hat keiner inspiriert. Natürlich haben alle Bücher, die ich gelesen habe, dazu beigetragen, dass ich eben ich geworden bin. Aber ich habe nie nach einem Vorbild gesucht. Ich habe nur immer versucht, klar und deutlich zu sein. Weil ich eben gezwungen war, in einer Fremdsprache zu schreiben, habe ich natürlich einen sehr disziplinierten Umgang mit dieser Sprache entwickelt. Ich denke eben dreimal über jeden Satz nach und hinterfrage jedes Wort vielleicht. Das hat mir letztendlich sehr genutzt.

Sie schreiben über Ihre Erinnerungen, über das, was Sie erlebt haben. Welcher Anteil an Fantasie ist dabei?
Ich glaube nicht an Fantasie. Wo soll die herkommen? Alles hat doch einen Ursprung, einen Grund. Und die Menschen schöpfen aus einer Welt, die, wie ich schon sagte, ziemlich klein ist. Gut, die Vorräte an Geschichten, die Menschen produzieren, sind möglicherweise endlos. Aber das sind doch eben diese Menschen und keine anderen. Wo soll diese Fantasie herkommen: vom Mars, von einem anderen Planeten? Nein, das ist nicht die Fantasie, sondern die Tiefe, die verschiedene Autoren unterscheidet - wie tief sie sich auseinandersetzen mit dem Stoff, über den sie schreiben. Also, die einen sehen vielmehr in einer Sache und die anderen geben sich mit einem oberflächlichen Witz zufrieden.

Liest ein Muttersprachler Ihre Texte Korrektur?
Inzwischen habe ich Kinder als Muttersprachler, die erwachsen sind. Obwohl sie wahrscheinlich anders formulieren würden. Nein, am liebsten muss man alles selbst machen.

Wenn Sie Deutschland mit einem Wort beschreiben würden, was kommt heraus?
Mit einem Wort kann ich das nicht. Aus meiner Sicht wird Deutschland gerade dann spannend, wenn dieses Land sich selbst überschätzt. Normalerweise sind das Menschen, die nicht gerne im Vordergrund stehen. Jetzt erfahren wir, dass Deutschland die Wirtschaftsmacht Nummer eins in Europa ist: Es zeigt allen anderen den Weg aus der Krise, marschiert aus Afghanistan zurück, verbietet Sex mit Tieren - alle staunen über Deutschland zurzeit.

Und Russland? Mit einem Wort?
Russland ist weniger spannend. Aber dafür umso leidenschaftlicher die russische Geschichte. Weniger spannend, weil da, wo Deutschland steht, weiß wirklich keiner, wie es weiter gehen wird. Was aus Deutschland und der EU in 20 bis 30 Jahren wird - da stehen alle Wege offen. In Russland - wenn man die Geschichte so betrachtet - ist die russische Geschichte ziemlich klar ausgerichtet. Entweder wird es europäisch zugehen und Russland ein paar Schritte in Richtung Europäischer Gemeinschaft machen oder es wird alles so bleiben oder gar zurückfallen, in die Zeiten der Sowjetunion, woran aber keiner glaubt, dass es möglich sei. Dieser Kampf aber für die zwei Schritte in die richtige Richtung wird in Russland viel leidenschaftlicher, viel emotionaler ausgetragen als die Kämpfe hier, bei denen es um die Zukunft Deutschlands geht.

Haben Sie schon alles erreicht, was Sie erreichen wollten oder haben Sie ein paar Ambitionen mehr?
Ich habe überhaupt nichts erreicht. Ich will nach wie vor die Welt verstehen. Das ist aber ein Prozess, der kein Ende hat. Es geht immer weiter. Ich glaube nicht, dass man etwas erreichen kann. Man kann vielleicht etwas verstehen. Aber jedes Wissen mehrt nur das Leid, so steht es in der Bibel.

Das Interview führte Lyudmyla Gleykh.