Noch immer bleibt es die entscheidende Frage im Bamberger Rotlicht-Prozess: Wer steckt hinter den Anschlägen auf ein Bordell am Laubanger, die Szenegröße Winfried E. oder Peter U. (Namen geändert), der sein Nachfolger werden sollte? Seit Ende Februar stehen sieben Männer aus Bamberg und den Haßbergen vor Gericht. Sie müssen sich wegen verschiedener Straftaten im Milieu verantworten. Am elften Verhandlungstag hat nun auch E. seine Sicht der Dinge dargestellt, sein Verteidiger Stefan Tierel verlas eine ausführliche Stellungnahme.
"Eigentlich wollte ich überhaupt nicht aussagen", heißt es zu Beginn der Ausführungen. Doch im Laufe des Verfahrens sei E. zur Überzeugung gekommen, dass den Aussagen des Mitangeklagten Peter U., der ihn schwer belastet, zu sehr Glauben geschenkt wird. "Ich misstraue der Polizei", erklärte E. in seiner Stellungnahme. Man wolle ihm da einiges in die Schuhe schieben. "Jetzt werden andere Seiten aufgezogen", soll schon der vernehmende Kripo-Beamte zu ihm gesagt haben.


U. wollte Betrieb übernehmen

E. berichtet, wie U. zu ihm kam. "Hättest du nicht Verwendung für meinen Sohn?", soll ihn dessen Vater gefragt haben, den er seit langem aus der Rockerszene kannte. Nach anfänglichem Misstrauen sei er damit einverstanden gewesen, dass U. bei Winfried E. "in die Lehre geht". Peter U. und sein Vater hätten das Bordell übernehmen wollen, was ihm ganz recht war: "Ich hatte keine Lust mehr auf die osteuropäischen Mädchen und deren Männer."
E. habe U. sehr gemocht, es sei ein richtiges Vater-Sohn-Verhältnis entstanden. Auch wenn sein Lehrling manchmal kopflos agiert habe, habe er ihm vertraut und ihn immer wieder in Schutz genommen."Ich bin kein Kind von Traurigkeit und habe viel Mist gemacht im Leben", sagt E. Doch von den Brand- und Buttersäure-Anschlägen habe er erst im Nachhinein erfahren.


Keine Konkurrenz

Mit dem, was er und seine Freundin Jasmin V. verdienten, habe er gut leben können. "Ich habe isoliert gelebt und kein Luxusleben geführt", sagt E. Sein "Lehrling" U. habe sich hingegen als der neue "König von Bamberg" ausgegeben. "Er hätte von mir aus gern der König sein können, wenn die Zahlungen nicht ausgeblieben wären." Der Betrieb am Laubanger sei nie eine ernsthafte Konkurrenz gewesen: "Die hätten außerdem nach dem neuen Prostituiertenschutzgesetz eh bald schließen müssen, warum sollte ich dann einen Anschlag planen?"
Nach dem Brandanschlag habe er U. zur Rede gestellt, dieser habe eingeräumt, "dass seine Männer beteiligt waren und die Sache aus dem Ruder gelaufen ist". Unerklärlich sei E. auch der Brandanschlag auf das Auto seines Bruders, mit dem er ein gutes Verhältnis pflege. Wahrscheinlich sei U. "nicht ganz bei Sinnen gewesen".
Die Ermittlungsakte habe er von U.s Vater bekommen, nicht von einem Rechtsanwalt, gegen den deshalb auch ermittelt worden war. Vor Gericht bestätigte nun U.s Verteidiger Alexander Schmidtgall, dass er einen entsprechenden USB-Stick an U.s Vater weitergegeben habe.


Marihuana für Nicht-Aussage

E. erklärte zum Abschluss seiner Stellungnahme, dass es die Staatsanwaltschaft U. leicht gemacht habe, diesem eine "lächerlich kleine Strafe" in Aussicht stelle und dafür E. als Haupttäter präsentiere. Neben E.s Einlassungen beschäftigten das Gericht an diesem Tag eine Reihe von Beweisanträgen der Verteidigung.
Dabei ging es unter anderem um eine Diskothekenschlägerei vom 22. Januar 2017, also nur wenige Tage nach dem Brandanschlag. In eine Auseinandersetzung mit Amerikanern waren U. und drei Mitangeklagte verwickelt. Damit ein Geschädigter gegenüber der Polizei nicht aussagt, ließ U. ihm ein Päckchen Marihuana übermitteln. Das habe er getan, um den Mitangeklagten Sebastian O. zu schützen, der noch unter Bewährung stand. "Das war mir schon recht", sagte O. vor Gericht. E.s Verteidiger Stefan Tierel wollte jedoch zeigen, dass U. auch Zeugen manipuliere.
"Die Bandidos kenne ich nur durch meinen Vater", sagte U. auf eine entsprechende Nachfrage. Er selbst habe nie einer Rockergruppierung angehört, er halte sich nur gelegentlich in einer Werkstatt auf, die direkt ans Bandidos-Clubhaus angrenze. Auf Nachfrage eines Verteidigers erklärte U., dass auch unter den Zuschauern beim Rotlicht-Prozess gelegentlich Bandidos-Mitglieder waren.
Dass sich das Verfahren nun der Zielgerade nähert, zeigte sich auch daran, dass am Nachmittag über die Zukunft beschlagnahmter Gegenstände beraten wurde. Neben diversen Handys, Laptops und USB-Sticks wünschten sich die Angeklagten auch Dolche, Gaspistolen und ein "FCN"-Schneidbrett zurück. Dass einige der Angeklagten der Club-Ultraszene nahestehen, wurde bei den jüngsten Vorstrafen deutlich, wo es auch um den Angriff auf eine andere Fangruppe und Vermummungen vor dem Stadion ging.
Am heutigen Dienstag werden voraussichtlich die letzten Zeugen vernommen, ehe Staatsanwaltschaft und Verteidiger ihre Plädoyers abgeben. Damit könnte bereits am Mittwoch ein Urteil fallen.