Es ist kein Freispruch, aber auch nicht weit weg davon. Mit der Einstellung des Verfahrens ohne Auflagen reagierte das Schöffengericht auf zwei völlig widersprüchliche Aussagen. Der Angeklagte hatte von einvernehmlichem Oralsex gesprochen. Sein "Opfer" von einer Vergewaltigung. Doch selbst Staatsanwalt André Libischer war am Ende nicht mehr davon überzeugt, dass die Angaben des Hauptbelastungszeugen stimmten.

Hat ein 42-jähriger Mann aus dem Landkreis Bamberg die Gunst der nächtlichen Stunde genutzt, um einem 21-jährigen Bekannten aus Bamberg "einen zu blasen", obwohl der gerade schlief und das gar nicht wollte? Oder hatte es zwischen den beiden schon längere Zeit "geknistert"? Ein nicht ganz alltäglicher Prozess beschäftigte das Amtsgericht Bamberg. Auf der einen Seite ein bekennender Schwuler, der schilderte, dass es Mitte November 2018 in seiner Wohnung zu einvernehmlichem Oralsex gekommen sei. Die ganze Initiative sei von seinem Überraschungsgast ausgegangen, der unter dem Vorwand eines verlorenen Schlüssels ein Obdach gesucht habe.

Alkohol war jedenfalls nicht im Spiel, wie der Angeklagte beteuerte. "Ich habe ihn vorher gefragt, ob ich ihn berühren darf. Ich dachte, er sei bisexuell." Er sei schließlich keiner, der anderen ungefragt an die Wäsche ginge. So sei aus einer belanglosen Unterhaltung auf dem Bett ein erotisches Abenteuer geworden. "Ich war baff, dass er so schnell zur Sache kommt." Große Reden habe man sich gespart, die Situation sei sichtbar eindeutig gewesen. Nachdem der junge Mann gekommen sei, sei er sogar über Nacht geblieben.

Ganz anders hörte sich das aus dem Munde des 21-jährigen Verkäufers an. Der gab an, vom Angeklagten überredet worden zu sein, bei ihm zu übernachten. "Damit ich nicht im Auto schlafen musste." Denn zur Freundin habe er nicht gekonnt: Man hatte sich am Tag zuvor gestritten.

Total "geschockt"

Er habe nicht genügend Platz auf dem Sofa gehabt und sich an den Rand des Bettes gelegt. Dicht an die Wand. Als er aufgewacht sei, habe er keine Jogging- und auch keine Unterhose mehr angehabt - dafür den Angeklagten über sich. "Ich war total geschockt."

Er habe gewusst, dass sein Gastgeber homosexuell sei, habe sich aber nicht für ihn interessiert. Dass die Vorsitzende Richterin Gudrun Göller und ihre beiden Schöffinnen dem "Opfer" nicht recht glauben wollten, zeigten die Fragen überdeutlich. Warum er denn am Abend zu jemandem gegangen sei, von dem er gewusst habe, dass er auf Männer stehe und nicht zur Familie oder der Freundin, die doch in der Nähe wohnten? Wieso er sich dort sogar geduscht und dann zum Angeklagten ins Bett gelegt habe? Wo doch die Couch groß genug gewesen sei, um es dort eine Nacht lang auszuhalten? "Was meinen Sie denn, was da passieren soll?"

Er habe nach dem Vorfall nicht gewusst, was er tun solle, so der junge Mann. "Ich habe mich so komisch dreckig gefühlt." Der Versuch, es zu verdrängen führte dazu, dass er im Schlaf seine Freundin getreten und gewürgt habe. Sogar Selbstmordgedanken habe er gehabt. Jetzt solle ihm ein Psychologin und eine Helferin vom Weißen Ring bei der Bewältigung helfen.

Zweideutige Chats

Dass es bis dahin aber noch ein weiter Weg sein dürfte, zeigte eine Sitzungsunterbrechung. Zuvor hatte man ihn zu zweideutig-eindeutigen Chats mit dem Angeklagten befragt. Dabei war es um sexuelle Vorlieben wie Fesselspiele gegangen. Nach diesem Disput verfiel das "Opfer" auf dem Gerichtsflur in schwere Weinkrämpfe, wodurch er "weder verhandlungsfähig, noch vernehmungsfähig" sei, wie sein Rechtsanwalt Peter Auffermann (Würzburg) mitteilte. "Der ist richtig fertig." Ob wegen der angeblichen Vergewaltigung oder wegen der unangenehmen Befragung blieb offen.

Wieso es überhaupt zu einer Anzeige durch die Freundin des "Opfers" gekommen war, dazu hatte Verteidiger Jochen Kaller (Bamberg) eine Vermutung: "Der junge Mann stammt aus einer türkischen Familie. Da ist es verpönt, gleichgeschlechtlichen Sex zu haben." Selbst wenn es nur ein einmaliges Experiment gewesen sei. Es bestand die Gefahr, dass er verstoßen würde. Deshalb habe das "Opfer" nicht die Wahrheit sagen können, sondern sich die Geschichte mit der Vergewaltigung ausgedacht. Ob die Einstellung die Wogen glätten und das herstellen kann, was der Jurist Rechtsfrieden nennt, wird die Zukunft zeigen. Zumindest ist allen Beteiligten der weitere peinliche Weg durch die Instanzen erspart geblieben.

Vorteil für beide

Der bislang unbescholtene Angeklagte hat durch die Beendigung ohne Schuldspruch keine Eintragung im Strafregister. Das "Opfer" hingegen hat sich möglicherweise ein Strafverfahren wegen falscher Verdächtigung erspart.