Wer gewinnt die Wahlen? Eine Frage, die die beiden Politologieprofessoren Harald Schoen und Thomas Saalfeld mit einem Lächeln quittieren. Natürlich wissen die Beiden das auch nicht, haben allenfalls nach eingehender Analyse das Gefühl des wahrscheinlichen Ausgangs. Mit ihren Gefühlen halten sie allerdings hinter dem Berg.

"Es dürfte eng werden." Mehr ist Thomas Saalfeld zunächst nicht zu entlocken. Und wohin bewegen sich die Parteien programmatisch? Auf die Frage lässt er sich schon eher ein. Bei der Union falle ein Trend zur Mitte auf, mit weniger klarer Kante gegenüber der SPD. Die beiden Wissenschaftler vermuten dahinter eine Strategie der Kanzlerin, politische Streitthemen gar nicht erst hochkommen zu lassen, sondern gleich zu beseitigen. Beispiel Mindestlohn: Das Thema dürfen SPD und Linke nicht allein besetzen. CDU und CSU sprechen zwar nicht von Mindestlohn, dafür von regional und nach Branchen zu differenzierenden Lohnuntergrenzen. Oder die Energiepolitik. Da herrsche nahezu Konsens unter allen etablierten Parteien. Erneuerbare Energien sind Trumpf, Atomstrom ist out. Ein Trend, der den Grünen schadet, die wollten diesen Kurs schon immer. Das muss dem Wähler erst wieder in Erinnerung gerufen werden. "Es geht nicht mehr so sehr um die Richtung bei der Wahlentscheidung, es geht um die Kompetenz," so Harald Schoen. Und darum, die Wähler zu mobilisieren. Nicht einfach bei all dem vielen Gleichklang in den Wahlprogrammen. Die Union versuche ihre Klientel mit familienpolitischen Maßnahmen wie dem Betreuungsgeld anzusprechen.

Die Liberalen erhoffen sich Ähnliches mit ihrer Forderung nach Steuersenkungen. Im übrigen setzt die FDP auf ihre Kompetenz in Fragen des Bürgerrechts. Und die SPD? Die gebe sich wieder ein stärkeres sozialdemokratisches Profil, befinden die Politologen. Dazu gehöre ein Mindestlohn von 8,50 Euro, höhere Besteuerung von gut Verdienenden, aber auch ein besserer Mieterschutz. Die Rückbesinnung auf sozialdemokratische Themen habe auch etwas mit den Linken zu tun, denen man Wähler abjagen möchte.


Permanente große Koalition

Aber alles keine großen Aufreger. Viele Wähler hätten das Gefühl, es gebe eine permanente große Koalition im Land, meint Schoen. Eine schwarz-gelbe Mehrheit im Bundestag, dagegen eine rot-grüne Mehrheit im Bundesrat. Jeder regiere irgendwie mit jedem. Das alles könnte sich negativ auf die Wahlbeteiligung auswirken. Da gilt es insbesondere, die Stammwähler zu mobilisieren. Gerade für die Grünen keine leichte Aufgabe, weil Union und SPD in der Energiepolitik inzwischen die gleiche Politik verfolgen. Die Partei suche das auszugleichen, indem sie wieder einen stärkeren Mitte-Links-Kurs fährt. Steuererhöhungen für Besserverdienende stehen auf der Tagesordnung, von den früher dominierenden Themen Frieden und Umwelt schwenke man um in Richtung Wirtschaftsfragen. Die frühere Unterscheidung in Fundis und Realos gehöre der Vergangenheit an, sind beide Wissenschaftler überzeugt. Die Grünen seien allesamt in der Realität angekommen, ließen jedoch auch heute noch Skepsis erkennen, wenn es um militärische Einsätze gehe.

Da gebe es Überschneidungen mit den Linken. Die käme im Osten pragmatisch, im Westen eher fundamentalistisch daher. Die Gegnerschaft zu Kriegseinsätzen bleibt wohl der einzige Berührungspunkt. In außenpolitischen Fragen seien die Linken isoliert, nicht koalitionsfähig.

Bleiben die Piraten, die Freien Wähler, die Alternative für Deutschland, die NPD. Gruppierungen, denen die beiden Experten allerdings keine großen Chancen bei den Bundestagswahlen einräumen. Immer vorausgesetzt, es kommt zu keinen außerordentlichen Ereignissen. Also kein neuer Eurohawk-Skandal oder eine Ausweitung der NSA-Abhöraffäre. Oder ein Elbhochwasser wie zu Kanzler Schröders Zeiten, oder eine Zuspitzung der Eurokrise.
Welche Koalition wäre dann nach der Wahl am wahrscheinlichsten? Sowohl Harald Schoen wie auch Thomas Saalfeld bleiben vorsichtig. Sie weisen allerdings darauf hin, dass eine gute wirtschaftliche Lage wie derzeit den aktuell Regierenden immer zum Vorteil gereicht. Also weiter Schwarz-gelb? Warten wir's ab.