Am 15. März wollen zehn Kandidaten Oberbürgermeister werden. Politikwissenschaftler Ulrich Sieberer analysiert Chancen und Inhalte der Bewerber.

Bei der OB-Wahl im März treten in Bamberg zehn Kandidaten an, wie bewerten Sie das?

Professor Ulrich Sieberer: Das ist schon ein sehr breites Feld. Das ist an sich kein Problem, so lange den Wählern klar ist, wer die ernsthaften Kandidaten sind, und wer unter ferner liefen unterwegs ist. Schwierig kann es dagegen werden, wenn Stimmen zwischen vielen etwa gleich starken Kandidatinnen und Kandidaten aufgeteilt werden.Wenn im ersten Wahlgang keine absolute Mehrheit erzielt wird, gibt es ja eine Stichwahl zwischen den beiden Erstplatzierten. Da kann es dann unter Umständen schon zu Überraschungen kommen, wenn Stimmen auf unbekannte Kandidaten entfallen.

Wie stehen die Chancen für einen Herausforderer, wenn mehrere Kandidaten antreten?

Es kommt darauf an, wo die zusätzlichen Kandidatinnen und Kandidaten herkommen. Hier in Bamberg sind relativ viele im bürgerlichen Lager unterwegs, Bambergs unabhängige Bürger, Freie Wähler, Bamberger Allianz. Insofern macht es das Christian Lange als Herausforderer eher schwerer.

Die Programme ähneln sich auch recht stark...

Ja, das ist aber ganz typisch für Kommunalwahlen, weil wir es auf der lokalen Ebene nicht mit den großen ideologischen Fragen zu tun haben, sondern mit sehr viel alltäglicher Politik und Verwaltungshandeln. Und da gibt es oft nur begrenzte Alternativen. Ich finde es auffällig, dass sich fast alle Kandidaten einig sind in der Problemwahrnehmung. Es gibt höchstens noch Unterschiede darin, wie hoch die unterschiedlichen Themen gewichtet werden und vielleicht, wie man sich zu Fragen positioniert, bei denen zwei verschiedene Ziele gegeneinander abgewogen werden müssen.

Weniger Ideologie als auf Bundesebene haben Sie angesprochen, gibt es noch andere Dinge, an denen sich der Wähler im Lokalen orientiert?

OB-Wahlen sind zu einem großen Teil auch Persönlichkeitswahlen. Deshalb spielt der Amtsinhaberbonus im Regelfall eine große Rolle, jedenfalls wenn Amtsinhaber einigermaßen populär sind.

Woran liegt das? Bekanntheit?

Ja sicher, auf lokaler Ebene kennt und sieht man die Kandidatinnen und Kandidaten regelmäßig als Personen, das spielt dann schon eine Rolle für die Wahlentscheidung. Zudem orientieren sich Wähler bei Kommunalwahlen häufiger an Einzelthemen. Das sind oft Themen, die anders gelagert sind als in der großen Politik. Beispielsweise die Muna-Frage, ein typisches lokales Thema, das nur hier die Herzen höher schlagen lassen kann. An so einem greifbaren Thema werden dann die großen Themen wie beispielsweise regionale Wirtschaftsförderung versus Umweltbelange versus Wohnungsbau festgemacht.

Muna ist ein gutes Beispiel, wir haben insgesamt einen grünen Trend, das hat sich dort widergespiegelt...

Ja sicher, Ökologie, Klimapolitik und umweltfreundliche Verkehrsmittel sind aktuell große Themen, die auch in die Kommunalpolitik hinüberschwappen. Auch der Radentscheid geht in die Richtung. Und das wird von den Kandidaten jetzt aufgegriffen, von manchem sicher mit größerer Begeisterung als vom anderen. Gerade die Grünen und Herr Glüsenkamp nutzen das explizit, um auf dieser Erfolgswelle im OB- und Stadtratswahlkampf weiter zu schwimmen.

Kann man in den einzelnen Positionen der Kandidaten eigentlich die Parteilinien erkennen?

Schon, man kann es zumindest an den Themen sehen, die in den Vordergrund gestellt werden. Ökologische Themen werden auch von anderen Kandidaten aufgegriffen, aber sie können vielleicht von den Grünen und spezifisch auch Herrn Glüsenkamp noch etwas authentischer vertreten werden aufgrund seiner Rolle beim Bürgerentscheid. Man sieht bei der SPD einen starken Fokus auf sozialen Wohnungsbau oder die Wohnungsfrage allgemein, bei der Linken genauso. Bei der FDP liest man in jedem Bereich immer die Frage, was macht das mit der lokalen Wirtschaft? Bei Christian Lange sieht man den Versuch, sehr breite Bevölkerungsschichten anzusprechen und es sich mit keiner Gruppe zu verscherzen. Das ist eher das klassische CSU-Volkspartei-Bild.

Bei welchem Thema ist Ihnen das aufgefallen?

Am interessantesten fand ich die Debatte im Kontext Verkehr, weil man da sieht, dass sich zwar alle in der Problemwahrnehmung einig sind, aber die Lösungsansätze doch recht unterschiedlich aussehen. Da sieht man doch deutliche Unterschiede zwischen CSU einerseits und Grünen andererseits, bei der SPD weiß man nicht ganz sicher, wo sie sich positioniert. Zudem sieht man, wie dieses für Wählerinnen und Wähler greifbare Thema verwendet wird, um auch etwas allgemeinere Fragen anzusprechen. Vordergründig schreibt man über Verkehr, aber hintergründig stecken da auch Fragen zur Zukunft des Einzelhandels und zu einem möglichen Abhängen der älteren Generation drin.

Christian Lange versucht sich gerade bei diesem Thema breit zu positionieren. Er will sich in keine Richtung drängen lassen...

Er ist zusammen mit den Kandidaten von Bambergs unabhängigen Bürgern und FDP der einzige, der deutlich sagt: ÖPNV stärken recht und schön, aber das Auto wird er nicht ersetzen. Er will das gleichberechtigt lassen, sicher auch, weil seine Wählerbasis in dieser Frage viel gespaltener ist als beispielsweise die Anhängerschaft der Grünen.

Und hält sich auch alles offen...

Das ist eine indirekte Folge der vielen Kandidaten: Die OB-Wahl ist für die meisten Kleinen die Werbetrommel für die Stadtratswahlen. Kleinere Parteien und Wählerinitiativen wollen damit die Chancen steigern, mindestens mit ein, vielleicht mit zwei, drei Personen in den Stadtrat reinzukommen. Das heißt in der Konsequenz natürlich, dass die Mehrheitssuche im Stadtrat nicht gerade einfacher werden wird. Insofern sind alle aussichtsreichen OB-Kandidaten klug beraten, jetzt nicht irgendwelche roten Linien zu ziehen, die es unmöglich machen, später Mehrheiten zu Stande zu kriegen. Und, das machen sie natürlich alle drei nicht, wenn man Herrn Glüsenkamp noch zu den aussichtsreichen Kandidaten rechnen möchte. Bei den Kandidaten Lange und Starke zumindest ist klar, dass sie es sich mit niemandem so richtig verscherzen wollen. Dafür sind sie auch schon viel zu lange dabei, sie wissen wie praktische Mehrheitsfindung im Stadtrat läuft.

Mal angenommen, ein Wähler würde niemanden kennen, spielt dann die Parteizugehörigkeit auch eine Rolle bei der Wahlentscheidung?

Natürlich, das spielt eine Rolle. Wenn Wähler wenig über Kandidatinnen und Kandidaten wissen, ist die Parteizugehörigkeit die einfachste Art, zumindest eine Vorstellung von deren Grundpositionen zu haben. Das Parteilabel ist also sozusagen die billigste politische Informationsquelle.

Ist das ein Nachteil für Kandidaten, die für eher unbekannte Wählergruppierungen antreten?

Sicher, man kann persönliche Unbekanntheit teilweise durch einen Parteilabel ausgleichen. Das ist auch ein Grund, warum manchmal Parteien junge und relativ unbekannte Kandidaten in so ein Rennen zu schicken, um Bekanntheit aufzubauen, oft vielleicht schon mit Blick auf die kommenden Wahlen. Mit dieser Strategie war Herr Starke vor vielen, vielen Jahren erfolgreich, und man kann argumentieren, dass die Grünen mit Herrn Glüsenkamp gerade das Gleiche versuchen. Das kann man sich natürlich eher leisten, wenn man eine Partei im Hintergrund hat, die zieht. Anders sieht es bei Gruppierungen wie Volt aus, die momentan weder bekannte Kandidaten noch eine bekannte Partei haben. Das ist natürlich ein Handicap.

Was halten Sie von neuen Gruppierungen wie Bambergs Mitte. Sind die Neugründungen auch Ergebnis eines zu großen Konsenses der großen Volksparteien?

Newcomer haben es sicher leichter, wenn es das Gefühl gibt, dass der Rest der Parteien schwer unterscheidbar ist. Ich würde das aber nicht so prominent herausstellen, da wir auf lokaler Ebene immer schon so ein gewisses Biotop von Kleingruppen hatten. Die bauen oft auf persönlicher Bekanntschaft einzelner Kandidaten auf, haben kurzfristig Erfolg, stellen eine Legislaturperiode lang einen Stadtrat und sind dann wieder weg oder schließen sich anderen Gruppen an. Insofern ist das nichts grundlegend Neues. Volt ist dagegen interessant, weil es tatsächlich eine andere Idee ist. Die Idee, eine Partei nicht nur bayern- oder deutschlandweit, sondern europaweit aufzubauen. Das ist ein spannendes Experiment. Wie weit man damit kommt, wird sich zeigen. Wenn, dann hat man auf der lokalen Ebene die besten Chancen, weil einfach die Hürden am niedrigsten sind.

Mit Blick auf Bambergs Linke, sehen Sie einen Trend, dass die Linke an sich stärker wird?

Es ist sicher wahr, dass die Themen, die die Linke stark vertritt, virulenter geworden sind. Sie fokussieren sich auf Wohnraum, auf sozial schwache Gruppen. Da ist die Frage, wie die anderen Parteien reagieren und wie stark sie dieses Wählerklientel ansprechen. Lange Zeit war klar: Das ist das Stammklientel der SPD. Das ist allerdings in jüngerer Zeit ein bisschen fraglich geworden, wobei die SPD natürlich auch in Bamberg mit dem negativen Bundestrend zu kämpfen hat, unabhängig von der Person Andreas Starke. Da wird sicherlich der eine oder andere Wähler überlegen: Wenn ich wirklich linke Politik will, werde ich vielleicht die Linke wählen.

Eine Gruppierung fehlt unter den OB-Kandidaten...

Die AfD...

Wundert Sie, dass die AfD keinen Kandidaten stellt?

Mich hat es schon gewundert. Ich hätte gedacht, dass die AfD einen Kandidaten stellt. Natürlich wissen sie aber auch, dass Bamberg-Stadt im Vergleich zum Umland sicher nicht das einfachste Pflaster für sie ist. Trotzdem wird die AfD sicherlich den einen oder anderen Kandidaten in den Stadtrat bringen. Insofern hätte ich schon erwartet, dass eine AfD-Gallionsfigur als OB-Kandidat antritt.