Zur Reparatur hat schon lange keiner mehr was gebracht. "Ach, das ist bestimmt fünf Jahre her", sagt Konrad Kestler. "Die jungen Leute haben so was ja gar nicht mehr. Wer nutzt denn heutzutage noch Schubkarren aus Holz, zum Beispiel? Selbst die kleinen Robbärn, die früher fast auf jeder Eckbank in Küche standen, mit Blumen bepflanzt, sind vollkommen aus der Mode gekommen." Er deutet er auf einen kleinen Stapel dieser schmückenden Holzarbeiten auf dem Boden seiner Werkstatt.


1986 selbstständig gemacht

Das Wagnerhandwerk lässt den 77-Jährigen auch im Ruhestand nicht los. Es hat zwar, seit er sich 1986 selbstständig gemacht hat, nie so recht seinen Mann ernährt, ist ihm aber in Fleisch und Blut übergegangen. Deshalb kann der Zeegendorfer auch jetzt nicht ohne seine Holzarbeiten sein.

Gelernt hat er von 1955 bis 1958 in der Bamberger Wagnerei Kohmann in der Elisabethenstraße. 30 Jahre blieb er danach seinem Lehrbetrieb als Geselle treu. "Als ich dann irgendwann meinen Meister machen wollte, war es zu spät: Es gab keine Prüfer mehr. In die Handwerksrolle bin als Holzblockhauer eingetragen."

Von Kohmann stammen auch die meisten der Maschinen in seiner Werkstatt. "Allerdings habe ich die Wagnerei in Zeegendorf immer nur im Nebenerwerb gemacht. Und stets als Ein-Mann-Betrieb. Das andere Standbein war der Sportstättenservice - unter anderem die Überprüfung von Turnhallen und die Reparatur von Sportgeräten - den jetzt mein Sohn weiterführt."


Über 200 Jahre altes Werkzeug

Unter den Werkzeugen, die er aufgekauft hat, ist ein rund 200 Jahre alter Zapfenschneider, mit dem man die Speichenenden "anspitzt". "Ich bin ja bisher bei fast jedem Apfelmarkt im Landkreis dabei gewesen und habe den Besuchern gezeigt, wie ich arbeite. Für dieses Werkzeug habe ich schon einige Angebote bekommen. Aber das gebe ich nicht her."

Zur Wagnerei gehören viele Feinarbeiten, aber auch Einiges, was schweißtreibend ist. "Am schlimmsten ist Bohren der Löcher für die Buchsen in den Naben", erklärt Kestler, nachdem er diese Arbeit, auf dem Rad stehend, demonstriert hat.

Und warum hat der Radkranz Lücken? "Die schließen sich schon", schmunzelt der Handwerker. "Dann, wenn der Eisenreifen angebracht wird. Das Eisen wird glühend erhitzt. Dabei dehnt es sich aus. Ist der Reifen auf dem Rad, wird es ins kalte Wasser getaucht. Das Eisen zieht sich zusammen und durch diese Kraft werden die Spalten geschlossen."


Pure Physik

Überhaupt ist Vieles reine Physik in der Wagnerei. Speichen dürfen in einem Rad nicht senkrecht stehen, da sonst bei der ersten größeren Unebenheit auf der Straße die Nabe aus dem Rad nach außen geschlagen würde.
Deshalb müssen die Speichen mit dem sogenannten "Speichensturz" von der Nabe aus leicht schräg nach außen geneigt werden. Damit die unteren Speichen, die die Last das Wagens tragen, senkrecht stehen, muss die Unterachse, die das Rad über die Buchse aufnimmt, um denselben Winkel nach unten abgeknickt sein wie der Speichensturz beträgt.

Ein Wagner macht beileibe nicht nur Kutschen und Räder. Bei Kohmann in Bamberg hat Konrad Kestler auch lange, hölzerne Schiebeleitern für Frankenluk und Überlandwerk hergestellt, Windenwagen für den Leitungsbau, Holzteile für Wäscheschleudern, Handleiterwagen, Beilstiele und Dreschflegel angefertigt. "Klobrillen aus Holz hat man zu uns gebracht, wenn neue Scharniere montiert werden mussten."


Für Mahrs-Bräu Wagen gebaut

Daheim auf dem Hof hat Konrad Kestler noch eine kleine Kutsche aus eigener Produktion stehen. "Seit wir keine Ponys mehr haben, nutzen wir sie selbst nicht mehr."

Dennoch wird das Gefährt ab und zu ausgeliehen. Bei Festumzügen in der Ortschaft wird darauf das Modell der Kirche St. Josef transportiert, das Kestler zum 50. Kirchweihjubiläum gebaut hat, und das ganz in der Nähe seines Wohnhauses in einem Glaskasten von jedermann betrachtet werden kann. Nicht weit entfernt davon drehen sich vier Wasserräder unterschiedlicher Größe im Zeegenbach.

"Wir hatten zur 900-Jahr-Feier auf einem Tieflader ein großes Wasserrad aus Möhrendorf hier. Ein Nachbar hat gesagt, könntest du doch auch machen, oder? Tja, irgendwas muss man im Winter ja zu tun haben..."

Für die Mahrs-Bräu hat er einen Bierwagen gebaut. Gerne hätte er mehr Kinder-Wiegen angefertigt, als nur das eine Exemplar für jemanden in der Verwandtschaft. "Schade, die jungen Leute wollen sowas ja alles nicht mehr."