Ob es an den herunter gerissenen Plakaten liegt, dass bisher "nur" rund 1800 (Stand Dienstag) Menschen das Volksbegehren der Freien Wähler unterschrieben haben? Dieter Weinsheimer, Fraktionsvorsitzender der FW in Bamberg, jedenfalls betont: "Derjenige, der rund sieben Plakate in der Innenstadt abgerissen hat, wurde gefunden."

Den Weg gefunden in Zimmer 8a im Rathaus haben seit Anfang Juni allerdings nicht allzu viele Bamberger. Mittwoch ist der letzte Tag, an dem sie sich noch eintragen können, bis 20 Uhr. Sonderöffnungszeiten gab es schon bei vorhergehenden Volksbegehren. "Doch der Andrang unterscheidet sich erheblich von jenem bei den Studiengebühren oder dem Nichtraucherschutz", sagt Stadt-Sprecherin Ulrike Siebenhaar.

Ja, die realistischen Erwartungen bei der Beteiligung seien reduzierter, wie Helmut Kormann, Vorsitzender der Kreisgruppe der FW Bamberg-Stadt, sagt. Rund 100 000 Euro hätten die Freien Wähler bayernweit ausgeben können, um das Volksbegehren zu bewerben. "Weil wir es größtenteils alleine schultern, unterstützt von einigen Lehrerverbänden." Zum Vergleich: Für die Abschaffung der Studiengebühren hätten 600 000 Euro zur Verfügung gestanden.

Kormann, seit 33 Jahren im Schuldienst, meint: Schule sei ein sehr komplexes Thema. Dafür einen Großteil der Bevölkerung zu begeistern, sei schwer. Aber: "Wir streben über das Volksbegehren eine breite bildungspolitische Diskussion an." Die sei notwendig, weil viele Gruppierungen mit dem Ist-Zustand unzufrieden seien.

Letzteres ist in ähnlicher Weise von Bürgermeister Christian Lange (CSU) zu vernehmen. "Ich weiß, dass sich einige Eltern und Lehrer eine Rückkehr zum G 9 wünschen." Die Zahlen des Volksbegehrens seien allerdings nicht die Antwort auf die Frage nach der Schulform. "Ich habe die Befürchtung, dass es bei einer Wahlfreiheit schwierig wird, das zu organisieren."

Organisatorisch gar unmöglich sei das für kleine Schulen, wie Brigitte Kaiser sagt. Die Schulleiterin des Eichendorff-Gymnasiums erklärt: "Ich müsste Schülergruppen bündeln, für die ich Lehrer brauche - die ich nicht habe." Die Leiterin von Bamberg kleinstem Gymnasium räumte dem Volksbegehren bereits vergangene Woche wenig Chancen ein, sieht es aber als "Signal für das Kultusministerium", dass am G 8 nachgebessert werden sollte.

Diskussion nicht auf acht- oder neunjähriges Gymnasium begrenzen

Für ein großes Gymnasium wie das Dientzenhofer sei die Wahlfreiheit zwar grundsätzlich zu bewältigen, sagt Schulleiterin Brigitte Cleary. Doch der organisatorische Aufwand sei nicht zu unterschätzen. Man dürfe die Diskussion nicht auf die Frage G 8 oder G 9 verkürzen. "Es gab auch viele, die mit dem G 9 nicht zurecht gekommen sind." Sie hält die Entwicklung für bedenklich, dass sich auch sehr gut geeignete Schüler nicht fürs Gymnasium entscheiden. "Es ist schade, wenn Eltern eine Schulart ausschließen aus Angst vor ihr."

Wie unter Eltern herrscht auch unter Lehrern geteilte Meinung: "Bei den Kollegen ist das Verhältnis etwa 50:50", sagt Wolfgang Funk, Bezirksvorsitzender der bayerischen Direktorenvereinigung. Er ist der Schulleiter von Bambergs größtem Gymnasium, dem CG. Er spricht sich für die Beibehaltung des achtjährigen Gymnasiums aus und sagt: "Wir vor Ort wünschen uns einen klaren Kurs und dass Ruhe einkehrt. Damit wir Details modifizieren können."

Veränderung wünscht sich dagegen Dirk Bayer, Kulturschaffender in Bamberg. Er hat gerade seine Unterschrift auf die Liste des Volksbegehrens gesetzt. "Weil unser Schulsystem überholungsbedürftig ist", wie er findet. "Jeder Mensch braucht die ihm eigene Zeit, um Dinge zu lernen. Wahlfreiheit ist wichtig." Ob zehn Prozent der Bayern glauben, dass das Volksbegehren der richtige Weg ist, wird sich zeigen. Wenn Mittwochabend die Frist ausläuft.


Das Volksbegehren: Die Entscheidung würde bei den Schulen liegen

Historie Zum Schuljahr 2004/05 hat die Regierung Stoiber das G 8 eingeführt. G 8 bedeutet, dass die Gymnasiasten in acht Jahren zum Abitur kommen. G 9 ist das neunjährige Gymnasium.

Neuerung Ziel des Volksbegehrens der Freien Wähler ist Wahlfreiheit zwischen G 8 und G 9: Jedes Gymnasium soll selbst entscheiden, ob es acht- oder neunjährige Züge anbietet - oder beide Varianten parallel.
Entlastung Kinder und Jugendliche im G 9 sollen künftig maximal 30 Wochenstunden absolvieren müssen. Der Unterricht am Nachmittag soll gestrichen werden, damit die Kinder weniger belastet sind.

Frist Nur noch Mittwoch haben die Bürger die Möglichkeit, das Volksbegehren zu unterstützen. Um einen Volksentscheid zu erzwingen, müssen zehn Prozent der Wahlberechtigten in Bayern für das Volksbegehren der Freien Wähler unterschreiben. In Bamberg wären das 5461.

Widerspruch
Die regierende CSU lehnt die auch von der SPD favorisierte Wiedereinführung eines G 9 bislang ab und hat stattdessen das "Flexibilisierungsjahr" eingeführt.
Das so genannte Flexijahr erlaubt zwar jedem Schüler eine individuelle Verlängerung auf neun Jahre, sieht aber kein G 9 als festgelegte Regelschulzeit an Gymnasien vor. hs/ali