Nix war's mit dem Schokolademuseum, das mir da Appetit auf den Tausch-Zeitungsort Lippstadt gemacht hatte. Besser wohl für die Figur und mindestens ein Grund mehr, erneut in die Stadt an der Lippe zu fahren. Dafür haben sich die Kollegen vom "Patriot" und die Westfalen, die ich da in den fünf Arbeitstagen getroffen habe, wahrlich von ihrer Schokoladenseite gezeigt.

Das Besondere an dem Vertrauten wiederentdecken, beziehungsweise zu spiegeln, wie Sitten, Gebräuche und Lebensart auf den Nichteinheimischen wirken, das ist ein bisschen der Ansatz der Tauschaktion. Bereits am ersten Tausch-Tag hieß das für mich, hinein ins pralle Leben des Vogelschießens. 100 gilt es in der laufenden Saison rund um Lippstadt redaktionell abzubilden.


Orte im Ausnahmezustand

Vogelschießen bedeutet immer: Ausnahmezustand für den Ort, mit Wimpelschmuck, Festzug, Ehrungen, Musik und natürlich dem Schießen selbst: Ein eigens angefertigter hölzerner Adler hängt in luftiger Höhe in einem Kugelfang und wenn er ganz zerschossen ist, darf sich derjenige Schützenkönig nennen, der dem Vogel den Garaus gemacht hat.

Eine teure Angelegenheit, denn der neue König zahlt im Folgejahr das Fest und muss zwischendurch seinem Hofstaat einiges bieten. Wie es hier üblich ist, gehört viel Gerstensaft in 0,2-Liter-Gläsern dazu. Nach so einem Fest nehmen die Teilnehmer üblicherweise Urlaub.


Verloren im Einbahnstraßen-Dschungel

Den bräuchte der Nicht-Lippstädter - es heißt wirklich Lippstädter - nachdem er vergebens versucht hat, sich im Parallel- und Einbahnstraßen-System der Planstadt zurecht zu finden. Die Redaktion schickte mich ganz gezielt auf Erkundungstour in den Straßenverkehr. Zum Glück hatte ich Jesus. So heißt ein Gartenfachmarkt in der Nähe des Verlagssitzes, den mir die netten Kollegen vom "Patriot" als Orientierungshilfe zum Bäcker genannt hatten: "Fährst am Boss (ein Möbelmarkt) vorbei, rüber zum Jesus und daneben kriegst was zu essen."

Oder in der Hella-Kantine: Hella ist ein großer Automobilzulieferer mit der Bedeutung für die Region, die Brose und Bosch zusammen für Bamberg haben. So viel zum Thema Arbeit in der 70 000-Seelen-Stadt.


Viele Kneipen

Und danach? Die Redaktion ließ mich Lippstadts Abend erkunden. In der malerischen Altstadt mit kleinen Gässchen, vielen Wasserläufen, hübschen Fachwerkhäusern (deren Balken immer auch noch eigens verziert sind) findet sich eine Vielzahl von Kneipen mit vielsagenden Namen, Einstein etwa oder Joe's Garage. Oder P3. In der Poststraße geht abends ordentlich die Post ab. Aber gesittet.


Kronkorken fegen

Gewöhnungsbedürftig ist dagegen die Sache mit dem 30. Geburtstag von noch nicht Verheirateten: Die müssen die Rathaustreppe fegen und andere Aufgaben, die ihnen ihre "Freunde" stellen. Wegzufegen waren im konkreten Fall Tausende von Kronkorken, und das mit einem Besen, dessen Stil aus knickbaren Teilen bestand.

Ach ja, das Geburtstagskind steckte dabei im einem aufgeblasenen Anzug (Fatsuit) und schwitzte sich die Seele aus dem Leib. Dass es den Durst mit Schnaps löschen durfte und danach aufs Karussell gesetzt wurde, machte da Ganze nicht besser.


Traditionsbewusst

Trotzdem, die Menschen dort scheinen gesund zu bleiben und alt zu werden. Zum Wochenmarkt rund um Rathaus und Kirche kam eine Vielzahl von Senioren, alteingesessene Kundschaft alteingesessener Marktbeschicker.

Was auffiel: Die ausgesprochene Höflichkeit und, dass die Menschen, die ich hier beobachtete oder sprach, sehr offen und freundlich waren und obendrein meist noch einen flotten Spruch auf der Lippe hatten. Menschen, die mit Töpfen, Dosen, Plastikbehältern auf einen Krammarkt ziehen und dort wegen Erbsensuppe Schlange stehen. Weil die Suppe Kult und inzwischen Tradition ist.

Der Lippstädter ist halt Traditionalist, wie wohl auch der Titel seiner Tageszeitung offenbart. Den "Patriot" gibt es unter dieser Bezeichnung seit 1848 und wohl genau so lange denkt sich keiner was dabei. Heute outet sich nur der Nicht-Lippstädter als solcher, wenn er hier komisch guckt oder das Gesicht verzieht.


Keinen Jürgen mit heimgebracht

Ein bisschen komisch geguckt habe auch ich, als mir am Imbiss neben Essen bei "Habibi " (auf Arabisch soll das so etwas wie Schätzchen heißen) seinen Kunden und Freund Jürgen schmackhaft machen wollte. Als tief verwurzelte Fränkin musste ich "Habibi" und seinem Jürgen leider eine Absage erteilen. Vielleicht frage ich bei meinem nächsten Besuch mal nach, ob Jürgen dann unter der Haube ist. Im schönen Lippstadt gilt es freilich noch viel mehr zu entdecken, als das in fünf Arbeitstagen ansatzweise möglich war. Das Schokolademuseum gehört dann für mich dazu.


Und so war's in Heidenheim:


Sechs von acht Beiträgen stehen hier schon online

Mögen denn die Heidenheimer ihre Heimat nicht? Diese Frage hat mich lange vor Reiseantritt beschäftigt. Auf Instagram zum Beispiel finden sich unter #Heidenheim auffallend wenige Ansichten aus der Stadt. Dabei hat sie doch - nicht nur in den Innenstadtgässchen unterhalb des Schlossbergs - eine Fülle von tollen Motiven zu bieten.

Während der Reportertauschwoche haben mich nicht viele Fahrten aus Heidenheim herausgeführt. Ich werde das Gefühl nicht los, dass das Navi in meinem Auto mehr weiß, als nur den Weg. Es hat mich auf der Rückfahrt zu einer anderen Autobahnanschlussstelle gelotst als auf dem Hinweg. Welche beeindruckenden, felsendurchsetzten Heidelandschaften ich verpasst habe, ist mir da klar geworden.


Fix mit der Hand an Hupe

Das HDH-Kennzeichen übersetze ich mit "Held des Hupens". So wenig Nachsicht mit der gelegentlich zögernd - weil suchend - zwischen den Fahrspuren pendelnden, auswärtigen Autofahrerin ist mir lange nicht untergekommen. Da ist jemand unsicher? Zack, die Hand aufs Signalhorn! Im Laufe der Woche habe ich aber festgestellt, dass der HDH-Fahrer auch Seinesgleichen gern mal munter antrötet. Von daher nehme ich's nicht persönlich.

Was war noch? Essen. Ganz wichtig! Ich werde nie wieder zu Maultaschen-Fertigware aus dem Supermarkt-Kühlregal greifen, deren Füllung wie gemahlene Bierdeckel mit Brühwürfelwürzung schmeckt, wenn man sie mit dem vergleicht, was ich in Heidenheim zu kosten bekommen haben.


Köstliche Seidenwürste

Schade, dass ich keine Kühltasche dabei hatte, sonst hätte ich Seidenwürste nach Franken importiert. Das ist ganz was anderes als "Wienerla".

Auch hier sollt man sich nicht von der Optik täuschen lassen: Obwohl schwäbischer Schwartemagen und fränkischer Presssack ähnlich aussehen, unterscheiden sie sich in Geschmack und Bissgefühl deutlich.

Neigt man zur Protzerei, wenn man aus einer Gegend mit rund 70 Brauereien kommt? Vier Biersorten habe ich getestet. Alle waren stark gehopft - so, wie ich es gelegentlich ganz gern mag. Trotzdem muss ich sagen: In Sachen Bier geht der Punkt an die fränkische Heimat.


Betriebsblind

Die wichtigste Erkenntnis aus dem Reportertausch aber ist die berufliche. So ein Wechsel des Schreibtischs führt einem die eigene Betriebsblindheit vor Augen. Es ist verblüffend, wie man zunächst die gewohnte Arbeitsweise als das Maß aller Dinge nimmt. Nicht in inhaltlicher Hinsicht, sondern was die Handhabbarkeit von Redaktionssystemen und das Verständnis für Layoutvorgaben betrifft.

Es wird die gleiche, engagierte Arbeit für Leser und Portal-User geleistet. In Heidenheim wie in Bamberg. Nur mit anderen Werkzeugen.


Teil der Mannschaft

Die Kollegen, die mich in der Heidenheimer Stadtredaktion so aufgenommen haben, dass ich ich mich wirklich als Teil der Mannschaft fühlen konnte, ließen mir bei der Themenwahl vollkommen freie Hand. So war das Ziel des Reportertauschs wunderbar umzusetzen: Den Lesern vor Ort eine andere Sichtweise auf ihre Region zu vermitteln.

Ich habe in einem Videobeitrag einen nicht bierernst gemeinten Blick auf die Stadt geworfen (aus dem Material ließ sich auch für Print eine bilderlastige Geschichte basteln), bin am renaturierten Abschnitt der Brenz spazierengeschickt worden und sollte die Eindrücke einer Ortsfremden von diesem Fluss-Abschnitt dokumentieren.

Um herauszufinden, ob sich Schwaben und Franken verstehen, wurden zwei Frauen und ein Mann mit dem "Marmalaadaamerla" konfrontiert. Im Gegenzug versuchte ich, die Bedeutung schwäbischer Begriffe zu ergründen.

Wagemut war notwendig für die selbst gewählte Herausforderung Kutteln-Essen. Ich wurde positiv überrascht (zumindest von der exzellenten Rotweinsoße).


Zurück zu den Wurzeln

Mit einem ehemaligen Redakteur der Heidenheimer Zeitung und zwei Kinderfoto-Alben war ich unterwegs auf den Spuren meiner ersten zweieinhalb Lebensjahre in Heidenheim. So, wie ich es mir vorgenommen hatte, als ich beim Aussuchen des Einsatzorts für den Reportertausch die Stadt auf Platz 1 der Wunschliste setzte.

Der schönste Termin war das "Spätzle vom Brett schaben"-Lernen beim jüngsten Mitglied des Landfrauenvereins Giengen. Nicht nur weil Gabi und Bernd einen zauberhaften Abend daraus gemacht haben, sondern weil er so viel mit dem zu tun hatte, was mich in Zukunft beschäftigen wird: kreatives Kochen.

Einen schöneren Abschluss meiner Profi-Karriere im Zeitungsgeschäft als den Reporter-Tausch hätte ich mir nicht wünschen können.