Es waren Busse mit Menschen vom Balkan, die Mitte September 2015 in der Birkenallee ankamen und eine neue Zeitrechnung in Bamberg einläuteten. Die Stadt, die seit den Nachkriegswirren von großen Flüchtlingsströmen verschont worden war, fand sich über Nacht mittendrin in den Verwerfungen weltweiter Migrationspolitik. Ein neues Dorf. Auf den Straßen war der über Jahre erfolgende Zuzug von tausenden Menschen kaum zu übersehen. Entlang der äußeren Pödeldorfer Straße und im Kapellenschlag herrschte ungewohnte Betriebsamkeit; auch in der Innenstadt waren die Neuankömmlinge präsent. Um welche Dimensionen es ging, zeigt die Nutzung von heute insgesamt 27 Großgebäuden der ehemaligen US-Garnison. Über Nacht war ein neuer Stadtteil, ein neues Dorf in Bamberg entstanden - freilich hinter hohen Zäunen.

Da die Bewohner auf Zeit seit Juli 2016 auch in der amtlichen Bevölkerungsstatistik zählen, wuchs Bambergs Bürgerzahl seit 2016 auch offiziell - auf 77 592 Einwohner Ende 2018. Parallel dazu kletterte auch die Zahl der in Bamberg lebenden Ausländer nach oben: von 7000 auf 12 000. Ob diese Ziffern irgendwann einmal abschmelzen, bleibt abzuwarten: Viele Asylsuchende sind mittlerweile anerkann. So hat sich in Bamberg seit 2015 auch eine große syrische Einwohnergruppe etabliert. Erbitterte Debatte. Bamberg wird mit dem Ankerzentrum auch zum Schauplatz eines mit großer Schärfe verbundenen Dauerstreits über den richtigen Umgang mit Flüchtlingen. Immer wieder kommt es zu Demonstrationen bundesweit aktiver linker Gruppierungen vor dem "Abschiebelager". Es sind vor allem die "menschenunwürdige Unterbringung" in den ehemaligen US-Wohnungen, die ärztliche Versorgung, aber auch Schulunterricht und die Kasernierung, die in der Kritik stehen. Dagegen verweist die Staatsregierung auf die Beschleunigung der Asylverfahren. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer in Bamberg beträgt laut Regierung vier Monate. Dafür wurde eine ganze Reihe von Behörden rund um die Buchenstraße angesiedelt, wo inklusive Sicherheitsdienst mittlerweile rund 400 Menschen einen Job gefunden haben. In der AEO wurde erstmals auch das Sachleistungsprinzip umgesetzt, so dass jedem Bewohner nur noch 100 Euro Taschengeld zur Verfügung stehen. Die Kritik an der Unterbringung weist die Bezirksregierung zurück: "Derzeit sind 1003 Personen dort untergebracht, wo bis 2014 die US-Soldaten mit ihren Familien lebten. Bei der Belegung der Wohnungen achten wir auf Homogenität. Familien werden nicht getrennt. Spannungen sollen vermieden werden." Die Kriminalität steigt. Worüber anfangs nur spekuliert wurde, war mit der Kriminalstatistik 2015 schwarz auf weiß nachzulesen. Darin ließ die Polizei keinen Zweifel daran, dass die Aufnahmeeinrichtung zu einem kräftigen Anstieg der Straftaten in Bamberg geführt hat. Die Stadt liegt bei der Kriminalitätsbelastung seitdem an der Spitze in Bayern: "Zeitweise haben wir die ganze Wache voll mit Ladendieben aus allen Herren Ländern. Und die Hälfte stammt aus der AEO," sagte Polizeichef Thomas Schreiber 2016. Als Reaktion auf Kritik aus der Nachbarschaft erhielt die AEO einen eigenen Busshuttle und einen zweiten Eingang. Auch die erhöhte Polizeipräsenz scheint zu wirken: "Wir haben in der letzten Zeit kaum noch Beschwerden aus dem Umfeld", sagt Alexander Rothenbücher von der Polizei. In Bamberg-Ost überwiegt Skepsis: "Die Verantwortlichen haben aus den Fehlern der ersten Jahre gelernt", sagt Aktivist Markus Ritter. Dennoch sei die Situation alles andere als perfekt. Obergrenze für Bamberg . Die Aufnahmeeinrichtung war schon zwei Jahre alt, als sie durch Investitionen in Millionenhöhe 2017 ihre endgültige Kapazität von 3400 Plätzen erreichte. Gemessen an Zahlen, die früher genannt wurden, 4500 in der Vereinbarung mit der Stadt, war das bereits eine Verbesserung. Dennoch löste die Vorstellung, dass hinter den von der US-Garnison übernommenen Zäunen der AEO einmal 3400 Flüchtlinge leben könnten, massives Unbehagen aus. Nicht zuletzt einer Bürgerinitiative ist es zu verdanken, dass Innenminister Joachim Herrmann (CSU) sich unter den derzeitigen Voraussetzungen das Versprechen einer "Obergrenze" von 1500 Personen abringen ließ. Tatsächlich wurde sie bisher nicht überschritten. Seit kurzem zeichnet sich sogar ein Abwärtstrend ab. So verlor die AEO seit März rund 400 Bewohner, weil die Flüchtlingszahlen im gesamten Bundesgebiet abnehmen. Wie lange noch? In der von den Stadtratsfraktionen und dem damaligen Ministerpräsidenten Horst Seehofer (CSU) getroffenen Vereinbarung vom August 2015 ist von einem Auslaufen der Einrichtung im Dezember 2025 die Rede. Ob es tatsächlich dazu kommt, daran zweifeln in Bamberg nicht wenige. So drängen Bürger, Fraktionen und Stadtspitze seit Monaten darauf, die leer stehenden Wohnungskapazitäten nicht erst in sechs Jahren, sondern sukzessive bereit vor dem Termin freizugeben. Bisher liefen diese Forderungen ins Leere. Zu wertvoll scheint das Gelände, das der Freistaat zum Nulltarif beim Bund mietet.