Eine Viertelstunde vor Schließung der Wahllokale am Sonntag standen vor dem Rathaus noch immer über 60 Bürger in einer Schlange, die sich bis auf den Maxplatz zog. "Ich bin heute schon zum dritten Mal da", erzählte eine Rentnerin. "Ich habe gedacht, am Abend würde es besser." Wurde es nicht. Im Gegenteil.

Wahl nach der Hochrechnung

Zehn Minuten vor Schließung der Wahllokale stellten sich noch ein 28- und ein 30-jähriger Bamberger an. "Wir waren um 14 Uhr schon mal da, da war es auch so voll", berichtete einer von ihnen. "Dürfen wir überhaupt noch wählen, wenn wir es nicht bis 18 Uhr reinschaffen?"

Wahlvorstand Hermann Rein beruhigte: "Wer um 18 Uhr ansteht, darf auch wählen." Wenige Minuten vor Schließung der Wahllokale holten er und seine Helfer alle Wartenden ins Rathaus. Wer nach 18 Uhr ankam, wurde nicht mehr hineingelassen. Die Schlange wurde in die Behördengänge verlegt. So machten die Wähler und auch die Wahlhelfer Überstunden.Während gegen 19 Uhr Ministerpräsident Markus Söder im Fernsehen das schlechte Abschneiden seiner CSU kommentierte und seinen klaren Regierungsauftrag betonte, während bei den Grünen bayernweit die Sektkorken knallten, wurde im Bamberger Rathaus noch gewählt.

"Alles korrekt gelaufen"

Ist das rechtens? "Alles korrekt gelaufen", heißt es aus dem Büro des Landeswahlleiters Thomas Gößl am Bayerischen Landesamt für Statistik. Wer in der Schlange steht, könne ja nichts dafür. Wer erst nach 18 Uhr seine zwei Kreuzchen machen konnte, hatte zwar schon einen detaillierten Einblick in die bayernweiten Hochrechnungen. Doch auch das sei kein Problem, heißt es im Büro des Landeswahlleiters. Denn die Bamberger Ergebnisse waren zu dem Zeitpunkt ja noch nicht einsehbar. Und darauf komme es an. Der Bamberger Wahlvorstand habe also in der Situation alles richtig gemacht.

Für Hermann Rein war es dennoch eine neue Erfahrung. "Ich mache das jetzt seit 42 Jahren. So etwas habe ich noch nicht erlebt", erzählte er.

Hohe Wahlbeteilung

Woran lag es? Zunächst einmal am großen Interesse der Wähler. Während bei der Landtagswahl vor fünf Jahren 31 534 Bürger ihre Stimme in Bamberg abgaben, waren es am Sonntag laut Informationen von Stadtsprecher Steffen Schützwohl 37 791 - die Beteiligung stieg somit von von 57,98 Prozent auf 69,37 Prozent. 54 474 wären stimmberechtigt gewesen. "In Bamberg stehen die Leute Schlange, um wählen zu dürfen", freute sich die Direktkandidatin der Grünen, Ursula Sowa, über die hohe Wahlbeteiligung. Landesweit war die Beteiligung mit über 72 Prozent sogar noch größer.

Die Schlangenbildung lag aber auch an der Aufteilung der Wahllokale. Zwar hatte die Stadt die Zahl der Briefwahlbezirke wegen der zuletzt so großen Nachfrage von 14 auf 28 verdoppelt, was sich ausgezahlt hat. "Knapp 15 000 Wählerinnen und Wähler machten davon Gebrauch, 3000 mehr als 2013", berichtet Schützwohl. Insgesamt stieg somit die Zahl der Stimmbezirke von 55 auf 61. Doch die Zahl der Wahllokale mit Kabinen war im Vorfeld von 41 auf 33 reduziert worden. Einige wurden zusammengelegt. Das führte zu Warteschlangen - und zwar quer durch den Stimmkreis, von St. Urban bis Stegaurach.

Handlungsbedarf erkannt

Auch Zweiter Bürgermeister Christian Lange stand in Bug gegen 10.30 Uhr in einer langen Schlange und ging beim ersten Versuch wieder. "Meine Frau und ich sind dann später wiedergekommen, da war es besser."

Der CSU-Kreisvorsitzende sieht Handlungsbedarf vor der nächsten Wahl. "Wir müssen mit dem Blick auf die Kommunalwahl schauen: Wie schaffen wir es, den Weg der Menschen zu den Wahllokalen zu verringern und die Länge der Schlangen ebenfalls." Gerade ältere Menschen könnten nicht so lange anstehen. Mehr Wahllokale seien also sinnvoll, doch sei es nicht einfach, qualifizierte Wahlvorstände zu finden. "Im Moment ist es mir aber ein besonderes Anliegen, den vielen Wahlhelfern zu danken, die teilweise bis 4 Uhr nachts ausgezählt haben."