Es ist eine Tragödie, mit der sich das Bamberger Schwurgericht eineinhalb Tage lang beschäftigt hat. Am Ende stand die weitere Unterbringung des 27-jährigen Timo G. in einem psychiatrischen Krankenhaus. Dort statt in einem Gefängnis befindet sich der junge Schlüsselfelder bereits, seit er in der Nacht zum 26. August 2012 seinen Vater (56) im Bett mit 58 Messerstichen umgebracht hat.

G. nahm nach Rücksprache mit seinem Verteidiger Thomas Drehsen das Urteil gleich an. Es lässt ihm durchaus Perspektiven: Wenn der 27-Jährige bereit ist, seine Krankheit zu akzeptieren und mit den Therapeuten zusammen zu arbeiten, könne er in einigen Jahren auf seine Entlassung hoffen, so sein Rechtsanwalt zum FT.

Die Gründe für eine Unterbringung müssen nach dem Gesetz jährlich geprüft werden.

Zur Zeit wäre G. eine Gefahr für die Allgemeinheit. Zu diesem Urteil kam das Schwurgericht nach einer umfangreichen Beweisaufnahme und der Anhörung zahlreicher Sachverständiger.

Taten wie der "völlig sinnlose Tod" seines Vaters seien nicht auszuschließen, so lange er nicht gelernt habe, mit seiner Krankheit zu leben und seine Medikamente regelmäßig zu nehmen, sagte Vorsitzender Richter Manfred Schmidt.

2007 wurde bei G. erstmals eine Psychose festgestellt, seit 2008 ist er Rentner. Es sei typisch für diese Geisteskrankheit, dass sie die ganze Persönlichkeit beeinträchtigt, betonte in seinem Gutachten vor Gericht Christoph Mattern, Chefarzt am Bezirksklinikum Obermain.

Wer darunter leide, habe in akuten Phasen eine gestörte Wahrnehmung, fühle sich fremdbestimmt, entwickle "seine Privatlogik". Dann könnten auch Menschen wie der 27-Jährige, den Zeugen als ruhig und liebenswert beschrieben haben, extrem gewalttätig werden: "Es kommt zur Aufhebung aller Bremsmechanismen."

In so einer Phase befand sich G. nach Überzeugung der Richter in der Tatnacht, nachdem er Wochen lang keine Medikamente mehr eingenommen hatte. "Man hätte die Vielzahl der Messerstiche nicht gebraucht, wenn man nur ein Ziel hätte erreichen wollen" sagte der Vorsitzende Richter in der Urteilsbegründung.

Von den 58 Verletzungen wären etliche für sich allein schon tödlich gewesen. Daran hatten drei rechtsmedizinische Sachverständige am ersten Verhandlungstag keine Zweifel gelassen.

Eine weitere tragische Besonderheit dieser Bluttat ist, dass es kein Motiv gab, das sich Außenstehenden erschließt. Das Gericht suchte vergebens nach einem Auslöser. Aus der Vernehmung der Zeugen ergab sich kein Hinweis auf einen Vater-Sohn-Konflikt oder anderen möglichen Anlass.

Im Gegenteil: Der Getötete war nach den Worten eines Zeugen "ein Typ, mit dem man nicht streiten konnte". Er sei auch wegen seiner Tätigkeit als Fußballtrainer in Wachenroth eine von allen geschätzte Respektsperson gewesen.

Der 56-Jährige musste sterben, weil er in jener Augustnacht seinem Sohn in dessen "privater Gedankenwelt und Bedrohungswelt" (Manfred Schmidt) als Gefahr für die ganze Welt erschienen sein muss.

Das ging aus dem Protokoll des Aufnahmegesprächs in der Psychiatrie am Tag nach der Tat hervor. Da bezeichnete er seinen Vater unter anderem als "Teufel" und als jemanden, der die Welt ins Unglück und einen Krieg gestürzt hätte, wenn ihn keiner aufhält.

Psychosen sind laut Mattern weit verbreitet; quer durch alle Kulturen leide jeder 100ste Mensch darunter. In vielen Fällen könnten Betroffene mit Hilfe von Medikamenten ein relativ normales Leben führen.

Auch Timo G. wird dies nach seiner Einschätzung gelingen, wenn er erst einmal eingesehen hat, dass er krank ist und sich helfen lassen muss. Bis dahin sei nicht auszuschließen, dass er eine Gefahr für sich wie alle künftigen Bezugspersonen ist.

Weil der 27-Jährige derzeit weder eine Wohnung hat noch familiäre Bindungen - die Mutter ist schon länger tot, eine Freundin hat er aktuell nicht -, und auch keine Arbeit, die seinen Tagen Struktur gäbe, ordnete das Schwurgericht seinen Verbleib in der Psychiatrie an.

Das Urteil entsprach ganz dem Antrag von Oberstaatsanwalt Bernd Lieb. Für ihn standen am Ende der Beweisaufnahme sowohl ein Mord als Grundtatbestand fest als auch die Notwendigkeit der Unterbringung.

Der Verteidiger hegte in seinem Plädoyer in beiden Punkten Zweifel, brachte Totschlag statt Mord ins Gespräch. Darüber zu streiten wäre rein akademisch, meinte der Vorsitzende Richter. Für den Ausgang des Verfahrens spiele es keine Rolle.