Bürokratisch klingt der Begriff "Fötengrabfeld" für dieses Fleckchen Erde auf dem Bamberger Hauptfriedhof. Wie viel menschliches Leid, wie viel Schmerz und Trauer sich dahinter verbirgt, lässt sich nur erahnen. Die kleinen Gräber sind zumeist mit weißen Kieselsteinen gefasst. Keine Grabsteine, kaum Kreuze. Dafür viele Engelfiguren, Spielzeug, Windräder. Hier und da frische Blumen. Und auf einem Grab das Schild: "Baby R... - für einen Moment in unseren Armen, für immer in unseren Herzen."

Fehl- und totgeborene Kinder werden hier bestattet. Wenn Eltern dies veranlassen. Oder wenn das Klinikum am Bruderwald drei Mal im Jahr eine anonyme Sammelbestattung übernimmt. Auch die der Kinder, deren Wachsen im Mutterleib nach pränataler Diagnostik abgebrochen wurde. Das Klinikum ist nach einem bayerischen Gesetz seit 2006 dazu verpflichtet, auch diese Kinder auf einem Grabfeld "zur Ruhe zu betten" und nicht als Klinikmüll zu entsorgen. Darüber hinaus haben Eltern von Fehlgeborenen unter 500 Gramm ein Bestattungsrecht. Totgeborene Kinder über 500 Gramm unterliegen der Bestattungspflicht durch die Eltern.

Die beiden Klinikseelsorger, der evangelische Pfarrer Mathias Spaeter und die katholische Pastoralreferentin Loni Meyer, gestalten bei einer Sammelbestattung einen christlichen Gottesdienst. Und schaffen damit einen Raum zum Abschied nehmen.

Loni Meyer gehört zu den Organisatoren der Themenwochen "Wenn Leben und Tod zusammen fallen - Fehl- und totgeborene Kinder und ihre Familien". Gemeinsam mit Wolfgang Eichler, Diözesanreferent für Ehe- und Familienpastoral im Erzbistum Bamberg, und Barbara Borschert, Diözesanreferentin für Familienhilfe im Caritasverband für die Erzdiözese Bamberg, will Loni Meyer "nicht die Augen vor einem Tabuthema verschließen, sondern die Vision entwerfen einer Gemeinschaft von Menschen, die sich im Schmerz tragen und sensibel sind im Umgang miteinander ", wie sie sagt.

Anliegen der Themenwochen sei auch, Betroffene zu stützen und Anregungen zu geben, "wie ich mit ihnen über den Verlust sprechen kann". Über diesen "stillen Tod" am Anfang des Lebens, der mit voller Wucht trifft und weitgehend unsichtbar ist: "Er zerstört Hoffnungen und Träume, er provoziert Schuldgefühle und Vorwürfe, er verursacht das Gefühl großer Leere, und er macht sprachlos."


Sprachlosigkeit überwinden

Diese Sprachlosigkeit überwinden helfen will besonders die Ausstellung im Bistumshaus St. Otto, die am 1. Oktober eröffnet wird. "Das Wort Ausstellung ist eigentlich falsch", meint Wolfgang Eichler. Denn die Präsentation gebe Impulse und eröffne Zugänge zum Thema. Durch seine Arbeit mit Selbsthilfegruppen für "Verwaiste Eltern" wisse er, dass gerade Betroffene niedrigschwellige Angebote brauchen, um mit ihrer Trauer einen Weg aus der Hoffnungslosigkeit zu finden.

Zudem könnten Angehörige, Mitarbeiter in Kliniken, Seelsorge und Beratung in der Ausstellung "der Trauer nachspüren und sie nachfühlen". Wichtig genug für den Umgang mit Eltern, die in der frühen Schwangerschaft ihr Kind verlieren.


Die Würde im Letzten

Nur Hartgesottene werden nicht berührt sein vom Anblick winziger Särge, die in einem Raum gezeigt werden. Oder von den Cassettinas, schlichte Kindersärglein, die von den Eltern liebevoll geschmückt werden. Oder von dem Moseskörbchen, in das die toten Kindchen gebettet werden. Oder vom Fußabdruck der totgeborenen Sophie, die mit 690 Gramm Körpergewicht nicht lebensfähig war. Oder von den zierlichen Kleidungsstücken in der Vitrine, die den verstorbenen Kleinen ihre Würde im Letzten belassen.

Texte und Fotos auf großformatigen Fahnen machen einen Gang durch die Geschichte der Bestattung von totgeborenen Kindern. Sie erzählen von Wallfahrten für das Seelenheil der Toten, von Ängsten um die Kinder, die ohne Taufe verstarben. Von Laientaufe, von speziellen "Taufspritzen" und der kirchlichen "Limbus-Theorie", die den theologischen Versuch unternahm, die Heilsnotwendigkeit der Taufe zu betonen und gleichzeitig hervorzuheben, dass die Erbsünde allein eine ewige Verdammnis nicht nach sich ziehen dürfe. Ein begehbarer farbiger Teppich zeigt die "Pfade durch die Trauer" auf. Diese münden in Collagen, die das Unterstützungsangebot von Seelsorge, Beratung und Selbsthilfe im Erzbistum Bamberg darstellen. Wer nach all dieser geballten Ladung an Tod und Verzweiflung einen Ruhepol braucht, kann in die Kapelle des Bistumshauses gehen, die als "Raum der Trauer" gedacht ist: Eine Trauerwand bietet einen Ort für Klagen, Sehnsüchte und Wünsche.


Ausstellung und Themenwochen

Die Ausstellung "Wenn Leben und Tod zusammen fallen - Fehl- und totgeborene Kinder und ihre Familien" wird am Dienstag, 1. Oktober, um 19.30 Uhr im Bistumshaus St. Otto, Heinrichsdamm 32, 96047 Bamberg, eröffnet. Und zwar mit einem Vortrag von Pater Christoph Kreitmeir (Sozialpädagoge, Theologe und Seelsorgerlicher Therapeut), Vierzehnheiligen zur Frage "Warum gerade ich? Leben lernen in Krisen und Leid".

Die Ausstellung ist bis zum 23. November zu sehen. Öffnungszeiten: Montag bis Samstag 10 bis 17 Uhr, Sonntag 10 bis 12 Uhr. Öffentliche Führungen ohne Anmeldung jeden Donnerstag um 17 Uhr. Gruppenführungen nach Vereinbarung: 0951 / 8604-431.

Neben Fachtagungen für Medizin, Geburtshilfe, Beratung, Seelsorge und Selbsthilfe werden zum Thema verschiedene öffentliche Veranstaltungen angeboten. Näheres unter www.themenwochen-totgeburt.de oder demnächst im Fränkischen Tag.