Viel wird zurzeit über Verschwörungstheorien debattiert, über Fake News, Informationsblasen in sozialen Medien und so weiter und so fort ... Alles eine Begleiterscheinung der dämonischen Digitalisierung? Weit gefehlt! Das gab es schon vor 200 Jahren. Und aus einem solchen Gerücht hat der englische Autor Peter Shaffer ein 1979 uraufgeführtes Theaterstück gemacht, durch Miloš Formans Film von 1984 und einen Schlager wurde "Amadeus" sehr populär.

Freilich hat sich dadurch eben ein Gerücht zur vermeintlichen Gewissheit kristallisiert. Oder auch ein Mozart-Bild. Denn mitnichten hat Antonio Salieri das Genie im josephinischen Wien am Ende des 18. Jahrhunderts aus künstlerischer Eifersucht und Einsicht in die eigene Mittelmäßigkeit in den Tod getrieben. Und Wolfgang Amadeus Mozart war auch kein Obszönitäten kreischender Infantiler mit keckerndem Lachen. Doch das ist egal. Shaffer hat ein bereits durch Alexander Puschkin im Jahre 1831 (Salieri starb 1825) in einem Drama verarbeitetes Gerücht aufgegriffen - künstlerisch völlig legitim.

Der "Amadeus" ist beileibe nicht einfach konzipiert und gewiss nicht simpel zu spielen. Gratulation also für die Laienspieler von St. Gangolf, dass sie sich an das Drama, das mit Rückblenden und Rahmenerzählungen arbeitet und dessen historischer Stoff nicht mehr jedem zugänglich ist, herangewagt haben. Doch ihnen eignet eine Beherztheit aus Erfahrung - seit mehr als 20 Jahren veranstalten sie die Kreuzgangspiele alle zwei Jahre -, und sie haben mit Nina Lorenz eine von diversen Inszenierungen fürs "Theater im Gärtnerviertel" gestählte Regisseurin, die in Kooperation mit Peter Bachsteffel das Beste aus Ensemble und Spielstätte herausholt.

Es ist ja ein Rasen-Viereck, diesmal eigens von Umbaumaterial freigeräumt, auf der agiert wird. Drumherum sitzen dicht gedrängt etwa 120 Zuschauer. Gewitzt hat die Regie das Baugerüst einbezogen: Auf einem Podest steht ein Flügel, zwischen Stahlstangen ist eine Loge eingerichtet worden, die von dem etwas tölpelhaften Kaiser Joseph II. (Peter Bachsteffel) und seinem Hofstaat besetzt wird. Den kaiserlichen Kammerherrn Kilian von Strack gibt Volker Bachsteffel, den Direktor der Nationaloper Orsini-Rosenberg Johannes Jungkunst und den Mozart-Gönner und Freimaurer Baron van Swieten Anton Bachmann.

Die eigentliche Hauptfigur in einem Drama, das eigentlich "Salieri" statt "Amadeus" heißen müsste, ist jedoch der von Shaffer so interpretierte Intrigant und Gotteszweifler. Denn für Salieri ist Mozart die Inkarnation Gottes, wo doch er die göttliche Kunst Musik im Tausch gegen ein gottesfürchtiges Leben zur Vollendung führen möchte.

Glänzende Darsteller

Eine erstaunliche Textmenge bewältigt Michael Kerling, die Hauptfigur. Zu Beginn und am Ende wieder sitzt der vom Gewissen gequälte Moribunde im Schlafrock im Rollstuhl und gesteht den angeblichen - raffiniert psychologischen - Mord am verhassten Genie. Dazwischen führt er als Erzähler durch die zehn Jahre Handlung von 1781 bis 1791, in denen Mozart seine Triumphe feiert, seinen Abstieg erlebt und schließlich stirbt - alles veranlasst durch den bösen Geist Salieri. Ein besonderes Lob also Michael Kerling. Aber auch der Amadeus von Christian Dieter, der zwischen vor allem aus dem Film bekannter Albernheit und abgrundtiefer Verzweiflung schwankt, gewinnt im Lauf der Handlung. Und Mozarts Gattin Constanze (Verena Bachsteffel), kokett und doch wieder aufrecht, setzt den weiblichen Kontrapunkt zu den männlichen Rivalen.

Naturgemäß dürfen Musikeinspielungen nicht fehlen: Das reicht von "Non più andrai" am Cembalo über die Gran Partita bis zur Ouvertüre aus der "Hochzeit des Figaro". Und die prächtigen Kostüme Rosemarie Bachsteffels setzen ebenso wie die sechs "Venticelli" den i-Punkt auf eine ambitionierte Inszenierung. Der deutlich durchschimmernde Bamberger Dialekt der Schauspieler irritiert nicht, sondern schafft so etwas wie Heimatgefühl. Denn in einer Generation wird kein Mensch mehr dieses Idiom beherrschen.

Die nächsten Vorstellungen finden am 6., 7., 12., 13., 14., 18., 19. und 20. (Zusatzvorstellung) Juli statt. Die meisten Vorstellungen sind bereits ausverkauft. Restkarten gibt es an der Abendkasse oder bei Betten-Friedrich, Telefon 0951/27578. Dauer ca. 160 Minuten, eine Pause.