Das Verhältnis zwischen Geist und Geld ist vielschichtiger, als dass es sich mit dem denkfaulen Gegensatz - hier der "unbestechliche Geist", dort der "kühl kalkulierende Geschäftssinn" - angemessen abbilden ließe. Insofern war es auf spektakuläre Weise stimmig, dass Tanja Kinkel ihren neuen Kriminalroman "Grimms Morde" am Samstagabend inmitten der kapitalistischen Warenwelt, zwischen Kindermode, Spielzeug und - immerhin! - Büchern, des Hallstadter Ertl-Zentrums vorgestellt hat.

Ohne die Unterstützung lokaler Unternehmen wäre auch die dritte Auflage des Bamberger Literaturfestivals (BamLit) eine lebensuntaugliche Kopfgeburt geblieben. Im Gegenzug und in der Hoffnung auf etwas kulturelles Kapital dürfen sich die zu Beginn einer jeden Lesung erwähnten Sponsoren und Gastgeber mit den Literaten und ihrer Aura des Künstlerischen schmücken. Sobald man sich an diesen Gedanken gewöhnt hatte, stand einem vergnüglichen Samstagabend im Ertl-Zentrum nichts mehr im Wege.

Tanja Kinkel selbst weiß um die finanziellen Voraussetzungen der Literaturproduktion nur zu gut: "Kaufen Sie meine Bücher. Sie ermöglichen mir damit die Recherchen zu meinen nächsten", sagte sie. Es war eine im Ton des Scherzes vorgetragene Wahrheit. Kinkel war freimütig genug, sie auszusprechen.


Restauratives Klima

Selten hat man die Bamberger Autorin auf offener Bühne derart zugewandt erlebt. Ihre Selbstsicherheit mag sich aus dem erhebenden Gefühl speisen, dass auch ihr neuer Roman die zwei Jahre währenden Mühen des Recherchierens und Schreibens gerechtfertigt hat.
In "Grimms Morde" spannt Kinkel die Brüder Grimm und die Schwestern Droste-Hülshoff zu einem Ermittlerquartett wider Willen zusammen.

Im Kassel des Jahres 1821 wurde die ehemalige Mätresse des Landesfürsten ermordet. Im Handumdrehen fällt der Verdacht des obrigkeitshörigen Oberwachtmeisters Blauberg auf die Brüder Grimm. Nicht nur, dass im Verdacht der Freiheitsliebe stehende Geistesmenschen wie sie im restaurativen Klima des frühen 19.Jahrhunderts schlecht gelitten waren. Schlimmer noch, fand sich bei der Toten ein Zitat aus einem jener Märchen, die Wilhelm und Jacob Grimm für ihre Kinder- und Hausmärchen zusammengetragen haben.


Amouröses Interesse

Das Zitat selbst entnahm der Mörder einem Märchen, das Annette und Jenny von Droste-Hülshoff den Grimms angetragen hatten.

Aus Gefallsucht und des amourösen Interesses wegen, das Jenny gegenüber Wilhelm hegt, hatten die beiden Schwestern ihr Märchen von den drei schwarzen Prinzessinnen nicht nur einfach dem Volksmund abgelauscht. Sie haben das Märchen selbst erfunden, anschließend in plattdeutschen Dialekt übersetzt und ihm mit diesem so kühnen wie anrüchigen Manöver die Patina des Volkstümlichen verliehen.

Kinkels mit leichter Hand geschriebener Roman ist mehr als nur eine konsequent ihrer Auflösung entgegenschreitende Kriminalgeschichte.


Liebe und Vernunft

Kinkel hat "Grimms Morde" viel zeit- und geistesgeschichtliches Kolorit eingeschrieben. Die Konfliktlinien verlaufen zwischen weiblicher Selbstermächtigung und männlicher Arroganz, zwischen Liebe und Vernunft, zwischen Geist und Macht, Bürgertum und Adel. Die historische Wahrheit hat Kinkel für ihren Roman gebeugt, allerdings nur in homöopathischem Maße. Die beiden literarisch tätigen Geschwisterpaare kannten einander tatsächlich, waren sich in professionellem Respekt und persönlicher Hassliebe verbunden.

"Grimms+Drostes=Krimi" lautet in Kinkels eigenen Worten die Formel ihres Romans. Nach ihrer unterhaltsamen Lesung ließe sich der Bamberger Autorin ebenso pointiert antworten: "Kinkel+BamLit=Vergnügen."