Das Hin und Her beim Streit um den Bau neuer Stromleitungen durch Franken ist erst einmal vorbei. Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) hat sich völlig verheddert und deshalb entschieden, dass über das Ob und Wie der Trassen vorerst nicht mehr geredet wird. Es werde weiter verhandelt, und bislang gebe es nur "Zwischenstände".

Damit verpasste der Regierungschef in erster Linie seiner Energieministerin Ilse Aigner (CSU) einen Maulkorb. Diese hatte vor einigen Tagen die besonders heftig umstrittene Süd-Ost-Stromautobahn von Bad Lauchstätt in Sachsen-Anhalt nach Meitingen bei Augsburg für "erledigt" erklärt und einen völlig neuen Trassenverlauf ins Gespräch gebracht.

Links, rechts, vor, zurück

Das geht nun wieder Seehofer zu weit, der in persona gleich eine mehrfache Energiewende vollzogen hat: In seiner Regierungserklärung 2011 forderte Bayerns Ministerpräsident noch den Netzausbau in XL, um den Atomausstieg zu stemmen; Anfang 2013 stimmte Bayern im Bundesrat den entsprechenden Gesetzen zu. Ende 2013 vollzog Seehofer eine 180-Grad-Kehre und erklärte die neuen Höchstspannungsleitungen für überflüssig, gegen die sich in Franken massiver Widerstand regt.

Nun geht es wieder anders herum: Seehofer bleibt dabei, dass es "diese Trasse", die Süd-Ost-Leitung, nicht geben wird. Neue Trassen aber braucht er schon, da Bayern einen Atomstrom-Anteil von 50 Prozent kompensieren muss, bevorzugt mit dem im Norden und Osten der Republik im Überfluss erzeugten Windstrom.
Um den Spagat zwischen "keine Trasse" und "doch Trasse" zu schaffen, greift Seehofer tief in die Trickkiste: Als erstes muss das Gesetz zum Netzausbau geändert werden, in dem die beiden Superleitungen festgeschrieben sind, die Franken tangieren: "Südlink" von Hamburg über Grafenrheinfeld ins Schwäbische durch Unterfranken und durch Ober- und Mittelfranken die "Süd-Ost-Spange" aus Sachsen-Anhalt nach Bayern.

Wermutstropfen

Beide Leitungen werden kommen, das ziehen weder die Bundesnetzagentur noch die Netzbetreiber noch das Wirtschaftsministerium in Berlin in Zweifel. Unterfranken muss also wohl, allen Protesten zum Trotz, "Südlink" als Wermutstropfen der Energiewende schlucken.

Und die Ober- und Mittelfranken werden ebenfalls mit einer neuen Stromautobahn leben müssen, die dann eben nicht mehr "Süd-Ost" heißt, sondern vielleicht "Nordlicht" oder so ähnlich. Denn die neue Trasse, die Frau Aigner haben und über die Herr Seehofer noch nicht reden will, soll in Mecklenburg-Vorpommern beginnen, damit sie nicht in den Ruch gerät, mehr Braunkohle- als Windstrom in den Süden zu leiten.

/> Kohlestrom? Pfui!

Statt Augsburg könnte der neue Endpunkt Landshut sein, irgendwo da, wo große Umspannwerke (und Atomkraftwerke) sind. Um den Volkszorn zu besänftigen, sollen die Stromtrassen mit Autobahnen gebündelt und streckenweise unter die Erde gelegt werden. Wenn sich der Leitungsstreit dann immer noch "verkantet", so Seehofer wörtlich, werde er sich nicht gegen eine Volksbefragung sperren.

Jetzt aber ist erst mal Ruhe. Im September wollen Ilse Aigner das bayerische Energiekonzept und die Bundesnetzagentur den neuen Leitungsplan vorstellen. Dann gibt es keine Zwischenstände, sondern Nägel mit Köpfen. Muss man die Bürger dann überhaupt noch fragen?