Sicher, sie gibt es: Familien, in denen Hausaufgaben kein Thema sind. Aber Friede, Freude, Eierkuchen herrscht am Nachmittag in immer weniger Familien. Bei einer Umfrage der Zeitschrift "Eltern" gaben mehr als die Hälfte der befragten Mütter und Väter an, wegen Hausaufgaben regelmäßig oder sogar täglich Zoff mit ihren Kindern zu haben. Weil zum Beispiel das Kind nie genau weiß, was es aufhat. Weil es für ein paar Aufgaben Stunden braucht. Weil das Kind bockt und keine Lust hat. Weil es Hausaufgaben unterschlägt.
Was steckt dahinter? Und vor allem: Was können Eltern tun? Müssen Eltern überhaupt mit ihren Kindern sitzen, um Hausaufgaben zu machen? Ist das sinnvoll?

Selbstständigkeit ist erlernbar
"Eltern von Erstklässlern sollten schon noch am Anfang daneben sitzen", sagt Detlef Weich. Weich ist Leiter des Schulpsychologischen Dienstes in Bamberg und weiß, dass Kontrolle in diesem Alter meistens noch nötig ist. Bis zur vierten Klasse sollte der Schüler laut Weich dann aber weitgehend selbstständig seine Hausaufgaben erledigen. Das könnten Eltern ihrem Kind beibringen. "Zum Beispiel, indem man zunächst kurze Phasen einbaut, in denen das Kind allein arbeitet. Dann kommt man wieder, schaut nach dem Rechten - und weiter geht`s." Nach und nach könne man diese Zeiten ausbauen. Je älter das Kind wird, desto weniger sollten sich Eltern in die Hausaufgaben einmischen. Sollten. Doch die Realität schaut anders aus. Detlef Weich ist seit 1984 als Schulpsychologe tätig und geht nicht nur mit dem bayerischen Schulsystem und der Bildungspolitik hart ins Gericht. "Eltern haben die Pflicht zu erziehen. Und Kinder haben das Recht auf Erziehung", sagt er. Nicht alle Eltern kämen seiner Meinung nach aber noch dieser Pflicht nach.

Glotze aus, Hirn an
"Der Klassiker ist, dass Eltern zu mir kommen und sagen, ihr Kind könne sich einfach nicht konzentrieren", gibt Weich Einblick in seine berufliche Praxis. Die Erklärung, warum das so ist, lieferten ihm dabei manche Eltern gleich mit: "Da heißt es dann, dass man das gar nicht verstehen würde, weil sich der Sohn oder die Tochter beim Fernsehen doch auch stundenlang konzentrieren könne." Dass ausuferndes Fernsehen oder Computerspiele für die kindliche Entwicklung und das Lernvermögen schädlich sind, davon ist Weich überzeugt. Vor allem, wenn schon Kleinkinder statt mit Bauklötzen zu spielen oder im Matsch zu panschen vor der Flimmerkiste geparkt würden. "Es gibt nun einmal sogenannte Entwicklungsfenster", so der Schulpsychologe. In bestimmten sensiblen Phasen bräuchte das Kind visuelle und akustische Reize. Es müsste verschiedene Dinge riechen, schmecken, aber auch ertasten können, damit sich sein Gehirn optimal entwickle. Fehlen Reize, "drücken wir es einmal drastisch aus, verkümmern einfach bestimmte Hirnbereiche". Kurzum: Glotzen und Dillern mache dumm.

Sanktionen durchaus sinnvoll
"Deshalb hat ein Fernsehgerät in einem Kinderzimmer genauso wenig zu suchen wie ein Handy auf dem Schreibtisch eines Schülers." Auch von Spielekonsolen hält der Schulpsychologe wenig. Dafür hält er umso mehr davon, Kindern klare Regeln zu geben. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen, lautet so eine. Soll heißen: Ist die Hausaufgabe erledigt, darf gespielt werden. Gerne könne man mit seinem Kind eine Zeit vereinbaren, in der die Aufgaben erledigt werden sollen. Wird das Kind früher fertig, nutzt man die Zeit, um gemeinsam etwas zu unternehmen. Boykottiert der Sohnemann oder das Töchterchen Hausaufgaben, dürften Eltern durchaus auch Sanktionen aussprechen, so Weich. "Man kommt als Eltern da nicht drumrum", sagt er. Auch nicht um das berühmt-berüchtigte Fernsehverbot.
Doch Belohnungs- und Bestrafungssysteme lösen nicht immer alle Probleme. "Es gibt eben keine Faustregel dafür, wie alles am Schnürchen klappt!", so der Psychologe. Man müsse genau hinschauen. Sind die Hausaufgaben vielleicht insgesamt zu schwer und zu viel für das Kind? Ist es überfordert? Oder sind die Aufgaben für den Schüler vielleicht sogar langweilig, weil es den Stoff schon längst kann? Dann kann bereits ein Gespräch mit dem Lehrer eine Lösung bringen. "Lehrer brauchen die Rückmeldung, wie es zu Hause läuft", so Weich. Der Lehrer könne dann entscheiden, ob das Kind vielleicht weniger aufbekommt. Oder Zusatz- bzw. andere Aufgaben erledigen soll.
Unter Umständen könne aber auch bei Schulproblemen ein Aufmerksamkeitsdefizit vorliegen. Manchmal gepaart mit einer Hyperaktivität. "ADS und ADHS sind keine Modeerscheinung. Sie treten tatsächlich häufiger auf, weil die Erkrankung eine genetische Determinante hat", so der Experte. Stelle sich ein Kind bei den Hausaufgaben quer, würden die Hausaufgaben zu täglichen Machtkämpfen, könne auch eine sozial-emotionale Störung vorliegen. Fälle, mit denen er es immer häufiger in seiner Praxis zu tun habe.
Grundsätzlich gelte aber, für Kinder erst einmal die Voraussetzungen zu schaffen, dass sie ihre Hausaufgaben ordentlich erledigen könnten. Dazu gehöre ein guter Arbeitsplatz mit dem richtigen Tisch und Stuhl, die richtige Arbeitszeit, die Ruhe. "Und man sollte bei den Hausaufgaben Zeit einplanen, in der das Kind aufstehen, sich strecken, vielleicht ein Glas Wasser trinken kann."
Wie lange ein Kind für die Hausaufgaben brauchen darf, dafür gebe es keine feste Regel. Zwar gibt das Bayerische Kultusministerium Richtlinien aus, die von 30 Minuten in der ersten und zweiten bis hin zu 120 Minuten ab der siebten Klasse reichen, realistisch seien diese Angaben nicht, so der Schulpsychologe. "Die Zeiten sind wohl eher als Anhaltspunkte zu verstehen." Sollte ein Kind aber doppelt so lange brauchen, wie es die Empfehlung vorsieht, stimme etwas nicht. "Dann sollte eine Beratung in Anspruch genommen werden. Entweder durch die Lehrkraft, den Beratungslehrer oder durch einen Schulpsychologen."

Schulen der Zeit anpassen
Mangelnde Erziehung, so Weich, könne die Schule momentan nicht ausgleichen. "Wir müssen die Schulen da vielleicht der modernen Zeit anpassen - und auch erzieherisch wirken." Ist das der Ruf nach der Ganztagsschule? "Sie verpflichtend einzuführen, halte ich für falsch", so Weich. Sie sollte aber angeboten werden. Gerade für Kinder aus sozial schwachen Familien. "Denn man darf nicht vergessen, dass viele Eltern gar nicht in der Lage sind, ihren Kindern bei den Hausaufgaben zu helfen."