"Eltern werden ist nicht schwer, Eltern sein dagegen sehr", so ähnlich formulierte es Wilhelm Busch vor über 100 Jahren in einem seiner Gedichte. Dr. med. Edgar Waldmann ist seit 1993 niedergelassener Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin in Bamberg und sieht das etwas anders. Denn an sich brauche es nur drei Dinge bei der Kinderziehung, sagt er: gesunden Menschenverstand, Vertrauen zum eigenen Bauchgefühl und zum Kinderarzt.
"Gerade junge Eltern ‚überfördern‘ ihre Kinder häufig und handeln zu kopflastig." Außerdem sollten Eltern auch nicht so viel über Kindererziehung lesen, sondern ihrer Intuition vertrauen und die Kinder einfach normal aufwachsen lassen.

"Förderungswahn"


Waldmann und andere Wissenschaftler nennen den aktuellen Trend der übermäßigen Angebote für Kinder ‚Förderungswahn‘. Schon im Säuglingsalter haben Kinder einen Stundenplan; es geht dann vom Kinderschwimmen in die Krabbelgruppe und dann weiter zur musikalischen Früherziehung. Dabei sei das Wichtigste bei der Kindererziehung intensiver Kontakt mit den Eltern. "Vom Babyschwimmen haben die Kinder, außer dass sie ins Wasser pinkeln, nichts", scherzt der Kinderarzt. Besser wäre es, wenn sich die Mutter mit ihrem Zögling zu Hause in die Wanne setzen würde. Die Situation sei entspannter und die Beziehung zwischen Kind und Eltern würde intensiver gefestigt.
Auch körperlich würden sich Eltern heutzutage zu viele Gedanken darum machen, wie man das Kind im Arm halten darf und wie nicht. Auch bei dieser Frage rät er dazu, sich einfach auf die eigene Intuition zu verlassen.
"Wer im ersten Jahr normal mit seinen Kindern umgeht, der hat, überspitzt gesagt, Ergo-Therapie, Körpergymnastik und alles weitere mit drin", erklärt der Kinderarzt.
Dazu gehöre es, mit Bällen zu spielen, Laufen zu üben und wenn sie das einigermaßen beherrschen, ein bisschen Fußball zu spielen und sich an ein Bobby-Car zu wagen.

Mannschaftssport ist besser


Von Vereinssport rät der Mediziner vor dem fünften Lebensjahr ab, da es die Kleinen überfordere. Sportarten wie Kung Fu oder Taekwon-Do seien vor dem neunten Lebensjahr nicht zu empfehlen, da die Kinder erst ein ausgeprägtes Körpergefühl bräuchten, bevor sie mit den komplizierten Bewegungsabläufen umgehen könnten. Allgemein wären Mannschaftssportarten vorzuziehen, da die Kinder hier auch soziales Verhalten lernen, sie mit Gleichaltrigen zusammen spielen und sich gegenseitig messen können - nach diesem Konkurrenzkampf hätten die Kinder nämlich ein natürliches Bedürfnis. Wenn die Kinder nur mit den Eltern Fußball spielten, bestehe der Nachteil darin, dass die Kinder hier meistens unterlegen seien, was auf Dauer frustrieren könne.
Ansonsten solle man auch hier die Kinder nicht überfordern, sondern sie einfach verschiedene Sportarten ausprobieren lassen. "Es ist normal, dass sie erst verschiedene Sachen versuchen müssen, bevor sie das Richtige für sich finden", erklärt Waldmann.
Anstatt sie vor dem Computer abzustellen, solle man sie bei häuslichen Tätigkeiten einbinden. Das heißt, sie möglichst an dem teilhaben lassen, was die Eltern gerade tun. Zum Beispiel sie mit Wäsche aufhängen lassen. Wenn die Kinder von Anfang an an ein aktives Leben gewöhnt werden, würden sie das auch später selbst weiterleben, schildert Waldmann. Außerdem werden hierbei im Alltag motorische Fähigkeiten trainiert.
Genauso sei es auch bei der Ernährung. "Man sollte von vornherein betont gesund mit den Kindern essen, Süßigkeiten vermeiden und Essen auf gar keinen Fall zur Belohnung einsetzen", rät er. Und natürlich sind die Eltern für ihre Kinder Vorbilder, deshalb solle man sich auch selbst an diese Regeln halten!

Arzt gibt Empfehlungen


Von Anfang an, empfiehlt Waldmann, sollten Eltern mit ihrem Nachwuchs zum Kinderarzt gehen und die Vorsorgetermine einhalten, damit eine fachgerechte Entwicklungskontrolle möglich ist. "Es ist aber nie zu spät", sagt er. Bei körperlichen (und auch psychischen) Problemen, sollte man bis zum Alter von 18 Jahren einen Kinder- und Jugendarzt aufsuchen, damit der eine klare Diagnose stellen kann, nach der sich dann zusammen die richtige Förderungsmaßnahme auswählen lässt. Natürlich immer im Interesse des Kindes.