Als es passiert, gibt es kein Halten mehr. Manche Zuschauer springen schnell auf, eilen zum Auto und hupen wie verrückt. Andere reißen auf der Terrasse die Arme nach oben, klatschen und johlen. Und auf dem Platz liegen sich die Spielerinnen der DJK-SC Mistendorf freudestrahlend in den Armen. Das erste Pflichtspiel-Tor seit der Mannschaftsgründung ist ihnen soeben gelungen. Der erste Treffer im 14. Spiel in der Kreisklasse Süd/West, der untersten Liga.

Bislang haben sie es nur gekannt, Tore zu kassieren. Sehr viele Tore sogar. 228 sind es inzwischen, das bedeutet 16,3 Gegentreffer im Schnitt pro Spiel. Ein Wert, der seinesgleichen sucht. Doch das ist jetzt egal, gegen den SC Prölsdorf dürfen sie erstmals selbst ein Tor bejubeln - und kosten diesen Moment genüsslich aus. "Wir haben uns gefreut, als wären wir Meister geworden. Ein absoluter Gänsehaut-Moment für alle von uns", sagt Spielleiterin Eva-Maria Stöcklein, eine der wenigen im Team, die etwas Fußball-Erfahrung vorweisen kann.

Das Premieren-Tor erzielte Corinna Düthorn in der 51. Minute, als sie zuerst mit einem Elfmeter an der Torhüterin scheiterte, den Nachschuss aber im Kasten unterbrachte. Dass es lediglich der Treffer zum 1:8-Zwischenstand war, dass Mistendorf danach noch neun Tore zur 1:17-Niederlage kassierte - all das interessierte niemanden mehr. "Das Tor war unglaublich wichtig, es ist ganz viel Anspannung von uns abgefallen. Wir wollten das Tor nicht nur für uns erzielen, sondern auch für unsere Trainer und Unterstützer, die immer an uns geglaubt und uns ermuntert haben, nicht aufzugeben", sagt Julia Schwab, Spielerin und Medien-Beauftrage.

Noch nie Fußball gespielt

Auf der Kerwa im August 2017 wurde die Idee geboren, in Mistendorf eine Frauenmannschaft zu gründen und mit ihr ab der Saison 2018/19 am Spielbetrieb teilzunehmen. Da ahnten die Spielerinnen bereits, dass sie zunächst viel Lehrgeld zu bezahlen haben. Schließlich besteht das Team bis auf wenige Ausnahmen aus absoluten Anfängerinnen, die noch nie zuvor Fußball gespielt haben. "Ich bin beispielsweise vorher nur joggen gegangen", sagt Schwab. Eine Mannschaftssportart hatte kaum eine Spielerin betrieben.

Das bedeutete für die beiden Trainer Julian Bessler und Jonas Schlicht, viel Grundlagenarbeit zu leisten: Ball stoppen, annehmen, passen. Während des Spiels verteilen sich Trainer und Betreuer um das Spielfeld herum, geben Anweisungen und Hilfestellungen. Oder sagen der Torhüterin, wann sie die Linie zu verlassen hat. Es ist das kleine Einmaleins des Fußballs, welches das Team erst lernen musste - und es noch immer tut. "Was viele D-Junioren schon können, war uns völlig neu. Wir haben bei Null angefangen. Keine wusste, für welche Position sie geeignet ist. Das haben die Trainer festgelegt. Und wir wissen, dass wir noch nicht gut sind. Aber wir möchten uns in jedem Training und in jedem Spiel weiterentwickeln", sagt Schwab.

Die Mistendorferinnen wissen, dass sie mit ihrem Torverhältnis für Aufmerksamkeit und schiefe Blicke sorgen. Sie möchten aber als Sportlerinnen ernst genommen und nicht auf die vielen Gegentore reduziert werden. Als eine reichweitenstarke Facebook-Seite vor einigen Wochen einen Tabellen-Ausschnitt mit süffisantem Unterton postete, folgten hämische Kommentare. Das hat Mistendorf geärgert. Und den folgenden Gegner vom SV Dörfleins ebenfalls. Also prangte zum Spiel ein Plakat am Fangzaun. "Der Spott von heute ist der Neid von morgen" stand darauf, eine Gemeinschaftsaktion der Vereine.

Schulterklopfer von vielen Seiten

Ohnehin freut es die Spielerinnen, wie viel Zuspruch sie bekommen: von den Herren-Fußballern im Verein, von neutralen Zuschauern - aber auch von den Gegnerinnen. "Das ermutigt uns, weiterzumachen. Natürlich gibt es auch Tiefpunkte. Etwa, als wir mit 0:30 bei der DJK Don Bosco Bamberg verloren haben. Das war heftig. Wir haben uns aber gesagt, dass wir es nächstes Mal besser machen", sagt Stöcklein. In der Tat: Im darauffolgenden Spiel gegen Prölsdorf erzielte Mistendorf sein erstes Tor. Das Team fühlt sich bestätigt. Und zieht sein Ding weiter durch.

Zwar besteht der Kader aus 18 bis 19 Spielerinnen, zuletzt hat aber das Verletzungspech zugeschlagen: Die in einigen Monaten als Torhüterin im Einzeltraining fitgemachte Vanessa Buchdrucker fällt verletzt aus, für ihre Stellvertreterinnen ist die Position zwischen den Pfosten gänzlich neu. Weitere Verletzungen haben dazu geführt, dass Mistendorf immer häufiger auf die Flex-Variante zurückgreifen musste. Heißt: Jedes Team stellt nur neun Spielerinnen, das Spielfeld ist in der Länge um 16 Meter verkleinert. "Wir haben noch kein Spiel abgesagt und wollen es auch gar nicht. Mit jedem Spiel lernen wir dazu", sagt Schwab. Auch wenn es durch krachende Niederlagen ist.

Mistendorf befindet sich in dieser Saison auf der Zielgeraden, zwei Spiele stehen vor der Sommerpause noch aus: am Samstag um 16 Uhr beim SV Pettstadt, am Mittwoch um 19 Uhr zu Hause gegen den DJK-SV Geisfeld. Besonders auf das abschließende Derby freut sich Mistendorf und hofft nach dem verhältnismäßig knappen 0:7 im Hinspiel auf den nächsten Treffer. "Wir wollen weiterhin Spaß haben, verletzungsfrei bleiben und hoffen natürlich, noch das eine oder andere Tor zu schießen", sagt Stöcklein. Auch in der kommenden Saison wird Mistendorf wieder eine Mannschaft melden, das Team sieht sich noch lange nicht am Ende seiner Reise. "Unser Ziel ist es, konkurrenzfähig zu werden. Und das wird uns gelingen", sagt Schwab.

Spielerinnen gesucht

Personal: Die DJK-SC Mistendorf ist für die neue Saison auf der Suche nach weiteren Mitspielerinnen auf allen Positionen. Vorerfahrung wird nicht benötigt, das Alter ist unerheblich.

Training: Die Trainingszeiten sind Mittwoch, 19 Uhr, und Freitag, 18.30 Uhr. Das Training am Freitag findet gemeinsam mit den Herren-Teams statt.

Kontakt: Die Mistendorfer Mädels haben eine eigene Facebook-Seite und sind auch auf Instagramvertreten. Auskünfte erteilt außerdem Spielleiterin Eva Stöcklein (0179/9304140).