Die gute Nachricht zuerst: Ein ähnlich brutaler Fall wie in den Niederlanden, wo ein Schiedsrichter von drei Jugend-Spielern zu Tode geprügelt wurde, ist im Bamberger Raum nicht bekannt. Gerald Storath, Polizeihauptkommissar von der Inspektion Bamberg Stadt, betont aber: "Passieren könnte überall alles." Er weiß aber auch, dass die die Polizei gar nicht alles mitkriegt, denn "auch Beleidigungen sind ja schon ein Angriff. Die gehen aber nur im Spielberichtsbogen an das Sportgericht. Und bei körperlichen Angriffen liegt es im Ermessen des Schiedsrichters, ob er Anzeige erstattet oder nicht." Und das sei kaum der Fall, so Storath.

Der Spielkreis Bamberg also eine Insel der Glückseligkeit? Manfred Schäfer, Schiedsrichter der DJK Stappenbach und Obmann der Schiedsrichtergruppe Steigerwald, weiß, dass das Gegenteil der Fall ist: "Da gibt es auch bei uns im Spielkreis einiges." Obwohl die Vorfälle längst nicht so gravierend seien wie der im niederländischen Almere, warnt der Schiedsrichter davor, das Thema zu verharmlosen oder zu vernachlässigen, denn "das wird immer gravierender, und wir weisen da auch regelmäßig bei unseren Arbeitstagungen mit den Vereinen drauf hin." Warum in der Regel Tätlichkeiten gegen den Schiri nicht bei der Polizei angezeigt werden: "Wenn der Randalierer von Mitspielern zurückgehalten wird, geht das normalerweise nur ans Sportgericht."

Wenn jemand randaliert, ist es aber eigentlich schon zu spät. Möglichkeiten, schon vor oder während des Spiels für Deeskalation zu sorgen, gibt es aber auch. Zunächst einmal müssen die Grundlagen stimmen, findet Schäfer. Dazu gehört nicht nur, dass "der Schiedsrichter das Regelwerk beherrschen muss", sondern auch, dass man sich vor Spielbeginn "beim Verein, bei den Trainern vorstellt." Und während des Spiels sollte klar sein: "Der Schiri darf nicht körperlich berührt werden. Unsere Schiedsrichter haben die ganz klare Anweisung, bei einer Tätlichkeit - egal, wie klein und zu welchem Zeitpunkt im Spiel - sofort abzubrechen und das auch so ans Sportgericht zu melden." Die Zahl der Spielabbrüche aufgrund von Tätlichkeiten gegen den Schiedsrichter im Zuständigkeitsbereich der Schiedsrichtergruppe Steigerwald liegt so immerhin bei "etwa drei bis fünf" - und das alleine in der laufenden Saison.

Eltern stehen in der Pflicht

"Tätlichkeit" bedeutet jedoch nicht automatisch, dass auf dem Spielfeld eine wüste Prügelei stattfindet. Vielmehr, so Rudolf Frank, der Sportgerichtsvorsitzende des Spielkreises 1 (Bamberg/Bayreuth-Kulmbach), handele es sich in den meisten Fällen um "Schubsereien". Für die letzte Saison spricht er von "fünf solchen Angriffen innerhalb von vier Wochen" mit verhängten Sperren "zwischen fünf und 14 Monaten und Geldstrafen zwischen 300 und 500 Euro", aber "die Jahre davor gab es keine solchen Vorfälle." Bei Angriffen oder versuchten Angriffen auf den Schiedsrichter oder seine Assistenten steht Frank ein Strafmaß von sechs Monaten bis zwei Jahren Sperre zur Verfügung, außerdem können Geldstrafen von bis zu 5000 Euro verhängt werden. Bei schweren Vergehen, wie etwa "den Schiedsrichter in den Schwitzkasten nehmen oder schlagen", wird zudem beim Bayerischen Fußballverband (BFV) der Ausschluss des Spielers beantragt.

Der Forderung nach höheren Strafen, wie sie etwa Schäfer vertritt, steht Frank denn auch eher skeptisch gegenüber: "Eigentlich habe ich schon jetzt einen großen Spielraum für das Strafmaß, und kann auch die Vereine zur Verantwortung ziehen, wenn der Ordnungsdienst nicht funktioniert." Er ist weit davon entfernt, das Thema zu verharmlosen - "schon ein Angriff auf einen Schiedsrichter ist einer zu viel!" - , gibt aber trotzdem zu bedenken, dass man die Zahl der Vorfälle auch in Relation zu der Menge an Spielen sehen müsse, die jedes Wochenende stattfänden: "Im Prinzip ist es - auf unserer Ebene - im Verhältnis relativ ruhig." Trotzdem mahnt er: "Der Schiedsrichter darf nicht der Fußabstreifer von ein paar Idioten sein!"

Auch Frank sieht die Eltern gerade der ganz jungen Nachwuchsspieler in der Pflicht: "Das sind die wichtigsten Vorbilder. Es muss klar sein, dass Pfiffe des Schiedsrichters Tatsachenentscheidungen und auch als solche zu akzeptieren sind!" An dieser Stelle setzen auch die Vereine präventiv an. Thomas Karch, Jugendabteilungsleiter und Trainer von der DJK Don Bosco Bamberg: "Solange Werte wie Fairness und Anstand vermittelt werden und dass man Niederlagen akzeptiert, kann ich mir so einen Vorfall wie in den Niederlanden hier nicht vorstellen."

Bei der DJK werde Fehlverhalten nicht gebilligt und auch sanktioniert, bis hin zu einem Ausschluss. "In der laufenden Saison", so Karch, "war das bisher zwei Mal der Fall. Und zwar mit dem Rückhalt der Mannschaft", betont er. Für Gelbe und Rote Karten sind im Strafenkatalog Zahlungen von fünf beziehungsweise zehn Euro in die Mannschaftskasse vorgesehen, und auch das ist vom Team beschlossen.: "Schon die C-Jugend-Spieler sind da recht mündig", so Karch.

"Die Luft rausnehmen"

Die Verantwortung im niederländischen Fall sieht er somit beim Verein: "Bei 15-Jährigen sind doch die Funktionäre verantwortlich, Trainer, die Betreuer - so was darf man nie unterstützen! Und wenn Probleme auftreten, dann müssen da Sozialpädagogen ran!" Ein einfaches Mittel für alle Trainer, die am Spielfeldrand merken, dass sich auf dem Platz etwas hochschaukelt: "Die Luft rausnehmen. Den, der meckert, wechsle ich sofort aus, und erkläre ihm ruhig, warum ich ihn ausgewechselt habe. Auch als Trainer braucht man nicht herumzuschreien."

Allerdings, stellt Schäfer immer wieder fest, "müssen die Jugendbetreuer mit ihrer Vorbildfunktion für Kinder und Jugendliche besser geschult werden." Aber auch in der Jugendbetreuung ist das Personal knapp und "viele Vereine sind froh, wenn sich der Sache überhaupt jemand annimmt." Der Leistungsdruck, der überall zunehme, und die Aggressionen würden dann eben am Wochenende auf dem Sportplatz abgebaut. Bundesligatrainer wie Jürgen Klopp, findet Schäfer, sind da "keine großen Vorbilder".

Auch Schäfers Kollege Rudolf Stark, Verbands-Schiedsrichterobmann des BFV, sieht diesen gesellschaftlichen Zusammenhang: "Es kommt heute schneller zu körperlichen Angriffen. Die Anzahl der Vorfälle gegen Schiedsrichter in Bayern hat nicht zugenommen, aber wenn etwas passiert, ist die Intensität deutlich gestiegen."

Das Problem bei immer gravierenderen Angriffen auf Schiedsrichter, so Schäfer: "Irgendwann geht uns der Nachwuchs aus. Da machen junge Leute den Kurs, pfeifen zwei, drei Mal und geben es dann wieder auf, weil sie sich denken: Für zwölf Euro für ein Jugendspiel muss ich mich nicht wüst beschimpfen lassen!" Welche Konsequenzen die sinkenden Zahlen haben werden, macht er auch klar. Sollten die Schiedsrichter nicht mehr ausreichen, "werden wir zuerst gezielt von den Vereinen Schiedsrichter abziehen, die nicht für Nachwuchs sorgen!"