Eine missglückte Flanke? Nein, die pure Absicht sei es gewesen, sagte Gabriel Jessen kurz nach seiner Auswechslung. Mitspieler grinsten, manche rümpften die Nase, aber jeder klatschte ihm auf die Schulter. Ob Absicht oder nicht, es war in diesem Moment egal. Zu schön war die Flugkurve, um sie dem Zufall zuzuschreiben. Mit seinem gefühlvollen Heber vom Strafraumeck in den Winkel sorgte der 23-Jährige für das 1:0 in der 50. Minute und war Wegbereiter für den in dieser Höhe nicht erwarteten 5:0-Erfolg des FC Eintracht Bamberg im Topspiel der Landesliga Nordost gegen den SC 04 Schwabach. "Felix Popp hatte den Ball abgelegt und gerufen, dass ich es probieren soll. Ich habe noch gesehen, dass der Torwart nicht ideal steht. Also habe ich es probiert. Eigentlich sollte der Ball etwas flacher kommen. Dass er so perfekt fliegt, ist ein Traum."

Nicht nur Jessen sprach bei diesem Treffer von einem "Dosenöffner" für die Partie, auch FC-Coach Michael Hutzler und sein Schwabacher Kollege Jochen Strobel verwendeten nach dem Spiel diesen Begriff. Und lagen damit wohl goldrichtig. Schwabach war nun geschockt, Bamberg drückte weiter. Nur zehn Minuten später stand es bereits 3:0. Das zweite Tor spielte die Heimelf sehenswert heraus: Tobias Linz zündete auf der linken Außenbahn den Turbo, seine punktgenaue Hereingabe landete beim omnipräsenten Lukas Schmittschmitt, der aus fünf Metern keine Mühe mehr hatte.

Stürmer verletzen sich

Dass es ein Schützenfest werden würde, hatte sich weder im Vorfeld noch in der ersten Halbzeit angedeutet. Immerhin stellte sich mit Schwabach die beste Offensive der Liga (69 Treffer) vor. In den ersten 45 Minuten waren die Spielanteile ähnlich verteilt, Zweikämpfe und Unterbrechungen hemmten aber den Fluss. Noch war es nicht das Spektakel, das viele erwarteten: Dass Schwabach sich diesmal kaum in Szene setzte und nur eine Chance durch einen Freistoß von Daniel Orel (17.) verzeichnete, lag am erneut sehr laufintensiven Spiel des FCE, der hochstehend den Spielaufbau der Gäste zu stören vermochte.

Zum anderen verlor der SC bereits in der 9. Minute mit Michael Weiß seinen 17-Tore-Mann. Er musste mit einer Oberschenkelzerrung vom Feld. Allerdings: Auch der FC Eintracht musste offensiv improvisieren, da Maxi Großmann noch auf Uni-Reise weilt und Tobias Ulbricht in der ersten Halbzeit einen Schlag auf sein lädiertes Knie kassierte, der ihn kurz nach Wiederbeginn zur Auswechslung zwang. "Ich habe es noch einmal versucht, aber es ging nicht. Vielleicht geht es am Freitag gegen Feucht, mein Gefühl sagt aber momentan etwas anderes", meinte der Routinier.

So bitter die erneute Ulbricht-Verletzung sein mag, sie zwang Hutzler zu einem taktischen Kniff, der sich nicht besser hätte auszahlen können: Da Marco Schmitt bereits gelbverwarnt war und Hutzler einen Platzverweis seines Linksverteidigers befürchtete, beorderte er ihn in den Sturm. Schmitt bewies gleich seinen Torriecher, als ein Verteidiger klären wollte, den Ball aber nur mit dem Schienbein traf und ihn Schmitt perfekt vorlegte - aus acht Metern vollstreckte er eiskalt (60.). Der Treffer schien sein Selbstbewusstsein ins Unermessliche gesteigert zu haben. In der 73. Minute trieb der 23-Jährige einen Konter von der Mittellinie an, spielte zwei Gegner aus und hätte 20 Meter vor dem Tor einen seiner mitgelaufenen Mitspieler bedienen müssen. Er zog aber einfach ab, traf flach ins Eck und marschierte in Ronaldo-Manier zum Jubeln in Richtung Eckfahne. Und Schmitt wollte mehr: Er ließ zwei Gegner ins Leere laufen, der geblockte Schuss flog hoch ans Fünfereck und fand den Kopf des eingewechselten Sandro Dümig - 5:0 (83.).

"Die Maßnahme, Marco in den Sturm zu beordern, war ja aus der Not geboren. Dass er so aufspielt, hätte ich nicht gedacht", sagte Hutzler und verteilte weiteres Lob: Etwa an den 19-jährigen Simon Kollmer in der Innenverteidigung. Oder an Fabian Hofmann, der sich im defensiven Mittelfeld aufrieb und dafür sorgte, dass Ex-Profi Michael Görlitz zu einem der unauffälligsten Akteure auf dem Feld degradiert und aus Gründen der Schonung vorab vom Feld genommen wurde (74.).

Der Jubel über den Sieg war groß, die nächste Aufgabe wartet aber schon am Freitag in Feucht. "Der Sieg war wichtig, bringt aber nur drei Punkte. Wir dürfen nicht denken, dass wir etwas erreicht haben. Es bleiben neun Spiele", sagte Hutzler. FC Eintracht Bamberg 2010: Dellermann - Popp, Kollmer, Schmitt, Linz, P. Görtler, Hofmann, (78. T. Görtler), M. Reischmann, Schmittschmitt, Jessen (79. Dümig), Ulbricht (53. L. Reischmann)

SC Schwabach: Gebelein - Wälzlein, Mohrbach, Danner, Nisslein, Görlitz (74. Duraku), Söder (64. Zillmann), Oktay, Rohracker, Weiß (9. Cittadini), Orel

SR: Söllner (Schonungen) / Zuschauer: 552 / Tore: 1:0 Jessen (50.), 2:0 Schmittschmitt (57.), 3:0, 4:0 Schmitt (60./73.), 5:0 Dümig (82.) / Gelbe Karten: Jessen, Schmitt, Schmittschmitt / Danner, Rohracker