Egal, ob Bundesliga oder B-Klasse. Egal, ob Amerika oder Asien. Wie auf der Welt Fußball gespielt wird, entscheidet das International Football Association Board (IFAB). Die Regelhüter sind die einzigen, die die Spielregeln ändern können - und selbst die mächtige FIFA muss sich so einem Oberfranken unterordnen. Lukas Brud ist in Polen geboren, in Bayreuth aufgewachsen und lebt heute in Zürich in der Schweiz. Der 39-Jährige ist Geschäftsführer des IFAB.

Finden Sie auch die Zeit, privat ins Stadion zu gehen?

Lukas Brud: Wenn die Bayern spielen (lacht). Ich bin ab und zu bei Spielen in München, durfte aber auch bei sehr vielen Fußballturnieren auf der ganzen Welt mitwirken oder im Stadion Spiele anschauen, unter anderem auch bei vier Weltmeisterschaften. Aber manchmal ziehe ich die Fernbedienung vor. Auf der Couch ist es ab und zu auch super, es ist einfacher.

Wie sieht Ihr normaler Arbeitstag aus?

Mein Tag fängt um 8.30 Uhr an und geht meistens um 18 Uhr zu Ende. Was dazwischen passiert, ist sehr unterschiedlich. Wir bekommen viele Anfragen zu Spielregeln, wir arbeiten täglich mit Verbänden, Ligen und Schiedsrichtern zusammen. Sie kommen zum Beispiel mit Szenen auf uns zu und bitten um eine Einschätzung. Wir unterstützen aktuell mehr als 100 Turniere, Ligen, Verbände bei der Einführung des Video-Assistant-Referees. Wir haben verschiedene Themen, die wir sowohl inhaltlich als auch administrativ für die Zukunft anschauen, bereiten Sitzungen vor. Spielregeländerungen und eine verbesserte Kommunikation, warum was und wie geändert wurde, sind ständig auf der Agenda. Wir machen viel Social Media, arbeiten an Plattformen für die Verbesserung der eigenen Administration. Durchschnittlich bin ich auch einmal die Woche nicht im Büro, weil ich auf Konferenzen und Sitzungen bin. Ich bespreche mit Verbandspräsidenten und Ligachefs, welche Änderungen des Regelwerks auf der Agenda stehen, wie wichtig bestimme Prozesse bei der Einführung von Videoschiris sind, teile Erfahrungen.

Zum 1. Juni des vergangenen Jahres traten acht Regeländerungen in Kraft, die das Spiel fairer machen sollen. Wie bewerten Sie die Umsetzung?

Die meisten Änderungen werden gut und richtig umgesetzt, aber dass es Diskussionen gibt, war auch klar. Das ist so, wenn sich Dinge ändern. Tut man nichts, wird gemeckert, führt man eine Änderung ein, auch. Für uns war und ist es wichtig, mehr Fairness auf dem Spielfeld zu haben. Das fängt beim Verhalten an und hört bei den Spielregeln auf. Wir wollen sicherstellen, dass die Regeln dem Schiedsrichter einen fairen Ausgang des Spiels für beide Mannschaften ermöglichen. Gleichzeitig möchten wir, dass das Verhalten von Spielern und Trainern besser kontrolliert werden kann.

Wo haben Sie Schwerpunkte gesetzt?

Die wichtigsten Regeln vor der Saison waren für uns das Handspiel sowie Gelbe und Rote Karten für Team-Offizielle bei unsportlichem Verhalten. Gerade die Karten kommen bei Verbänden und Ligen sehr gut an. Teilweise werden diese mit Geldstrafen verbunden. Da überlegst du dir zweimal, was du machst. Natürlich gibt es Diskussionen und man muss nicht immer sofort die Gelbe Karte zücken. Die Trainer müssen sich daran gewöhnen. Ich stehe mit vielen in Kontakt. Sie alle unterstützen die Regel, auch wenn es sie selbst einmal erwischen kann. Vielmehr sind sie froh, wenn es eine einheitliche Linie gibt. Der Trainer weiß genau wie der Spieler, wenn er verwarnt wurde, dass er besser aufpassen muss, wenn er nicht vom Platz fliegen will. Bei einer mündlichen Verwarnung ist es schwierig einzuschätzen, wie weit du als Trainer gehen kannst. So wird mehr Klarheit geschaffen.

Die Handspielregel sorgt immer noch für Ärger...

Andere Ligen sind froh, dass die Regel jetzt klarer ist. In Deutschland dagegen wird über das Handspiel immer noch geklagt. Das liegt auch daran, dass das Thema im letzten Jahr sehr viel in den Medien thematisiert wurde. Die Regeländerung, die wir eingeführt haben, klingt vielleicht kompliziert, ist im Grunde aber einfach. Absicht ist nicht mehr der einzige Grund für ein Handspiel. Wenn durch ein unabsichtliches Handspiel ein klarer Vorteil entsteht, wird ebenfalls gepfiffen. Speziell im Angriff. Somit ist der Graubereich der Interpretation verkleinert worden. Viele Situationen, die wir mit eindeutigen Szenen erklären konnten, haben wir klargestellt. Es gibt aber noch Situationen, bei denen der Schiedsrichter über Vergrößerung der Körperfläche entscheiden muss. Alles in Allem sollte es nun einfacher sein, für Schiris und für Spieler. Aber die Eingewöhnungsphase wird noch etwas andauern.

Mangelt es dann an der Kommunikation zwischen allen Beteiligten?

Es gibt schon Bedarf, dass Änderungen der Spielregeln und deren Anwendung besser kommuniziert werden. Manche Entscheidungen kann man nicht nachvollziehen, weil man die Regeln und deren Auslegung nicht kennt. Somit besteht kaum eine Chance auf Akzeptanz. Wenn ich aber weiß, warum der Schiri pfeift, kann ich es nachvollziehen. Und dadurch vielleicht auch einfacher akzeptieren - auch wenn die Entscheidung gegen meine Mannschaft ist.

Spieler sind angehalten, bei einer Auswechslung das Spielfeld am nächsten Punkt zu verlassen. In der Bundesliga sieht man das nicht immer.

Mit der Regeländerung wollen wir Zeitschinden verhindern. Die Schiedsrichter sagen aber, dass sie manchmal über eine kurze Pause froh sind. Gerade, wenn das Spiel sehr intensiv war. Daher überlassen wir es den Schiedsrichtern, ob sie den Spieler am kürzesten Punkt herausschicken oder an der Mittellinie, wenn der Wechsel schnell vonstatten geht. Statistiken zeigen, dass wir durch diese Änderung tatsächlich eine Minute Spielzeit gewonnen haben. Das ist schon richtig gut.

Mit welchen Regeländerungen beschäftigt sich das IFAB aktuell?

Ein wichtiges Thema sind Gehirnerschütterungen. Wie soll das während eines Spiels gehandhabt werden? Ich bezweifle, dass es zu temporären Auswechslungen kommen wird, wie man das aus anderen Sportarten kennt. Unsere Aufgabe sollte es sein, den Spieler zu schützen und nicht temporär auszuwechseln. Ich könnte mir eher eine zusätzliche Auswechslung innerhalb der 90 Minuten vorstellen. Dafür müsste man überlegen, ob dem gegnerischen Team ebenfalls ein zusätzlicher Wechsel gestattet wird, um eine taktische Ausnutzung zu verhindern. Die zweite Thematik ist das Verhalten auf dem Spielfeld. Im vergangenen Jahr gab es in Deutschland rund 3000 Gewalttaten gegen Schiedsrichter. Das sind 3000 zu viel. Aber nicht nur in Deutschland sind solche Vorfälle leider an der Tagesordnung. Wir müssen uns genau überlegen, ob es Regeln gibt, die uns helfen können. Wir müssen aber bei den Profis ansetzen. Was heute in den oberen Ligen passiert, siehst du morgen auf Amateurplätzen. Für mich ist das ein wichtiges Thema. Wir wollen nicht den Spieler vor den Kopf stoßen oder etwas einführen, was nicht umsetzbar ist. Aber es muss einen Effekt haben. Das wird aber lange dauern, schätze ich.

Das Gespräch führte unser Redaktionsmitglied Jannik Reutlinger.

Lukas Brud war zur richtigen Zeit am richtigen Ort

Mit Fußball hatte Lukas Brud in seiner Jugend nicht viel am Hut. Mit zehn Jahren schnürte er seine Schuhe für ein einziges Training bei einem Bayreuther Verein. Das war es dann auch schon mit der aktiven Fußballkarriere. Stattdessen spielte der 39-Jährige viele Jahre Basketball im Verein - bis heute. Fußball verfolgte er intensiv, aber an einen Beruf im Profigeschäft war für Brud zunächst nicht zu denken.

Ab 2005 studierte der Bayreuther Bauingenieurwesen in Leipzig. Also zu der Zeit, als mit dem Confederations Cup die Generalprobe für die im darauffolgenden Jahr stattfindende Weltmeisterschaft in Deutschland lief. In Leipzig wurden freiwillige Helfer für den Confed-Cup gesucht. Brud bewarb sich, wurde genommen und stellte die ersten Kontakte zur FIFA her. "Mit den Leuten habe ich mich gut verstanden", erinnert er sich. Seine Aufgabe - Unterkünfte und den Transport für die teilnehmenden Teams zu organisieren - meisterte er so gut, dass Brud für die WM 2006 angefragt wurde.

"Danach haben sie mich wieder gefragt hat, ob ich nicht bei der Vorbereitung zur WM 2010 in Südafrika weitermachen möchte und das Land auf der Suche nach möglichen Mannschaftshotels bereisen möchte. Kurz vor der WM, Ende 2009, kam der damalige Generalsekretär der FIFA auf mich zu und wollte mich in seinem Team haben."

Torlinientechnik als Türöffner

Ab diesem Zeitpunkt arbeitete Brud für die Geschäftsführung der FIFA. Nach der WM in Südafrika kam Brud sein angefangenes, aber nicht beendetes Studium zugute. Der Engländer Frank Lampard erzielte im Achtelfinale gegen Deutschland ein reguläres Tor. Sein Schuss sprang deutlich hinter der Torlinie auf. Gegeben wurde der Treffer jedoch nicht. "Der damalige Präsident hat mich als "Ingenieur" zusammen mit einer anderen Abteilung bei der FIFA gebeten auszuloten, wie man die Torlinientechnik im Fußball einführen könnte", sagt Brud. "Es gab damals schon Diskussionen. Firmen hatten ihre ersten Systeme vorgestellt, doch die funktionierten nicht."

Über diesen Weg geriet Brud ans IFAB, das damals noch von der FIFA administrativ unterstützt wurde. Eine eigene Administration hatte das IFAB zum damaligen Zeitpunkt nicht. Als die Diskussion um die Einführung der Torlinientechnologie Fahrt aufnahm, beschloss man, das IFAB organisatorisch auf eigene Beine zu stellen.

"Die Reformprozesse innerhalb der FIFA haben damals ihren Teil dazu beigetragen", erklärt Brud. Die Einführung der Torlinientechnik wurde im Jahr 2012 beschlossen. Bis zur Eigenständigkeit des IFAB dauerte es bis Januar 2014. Seitdem ist Brud Geschäftsführer der Regelhüter.

Das ist das International Football Association Board

Das International Football Association Board kam erstmals im Juni 1886 in London zusammen und hat heute seinen Sitz in Zürich. An der ersten Sitzung nahmen Vertreter des englischen, schottischen, walisischen und nordirischen Verbands teil. Ziel war es, die Fußball-Regeln zu vereinheitlichen. Seit diesem Zeitpunkt ist das IFAB für die Überwachung und Änderung der Spielregeln zuständig. 1913 trat der Fußball-Weltverband FIFA dem IFAB bei. Bis heute können die Spielregeln nur vom IFAB geändert werden. Die nationalen Ligen müssen die Änderungen umsetzen. Jeder Verband kann bis zum 1. November Vorschläge für eine Regeländerung einreichen. Der Verwaltungsrat entscheidet darüber, ob diese im März der Generalversammlung vorgelegt werden soll. Einmal jährlich wird beim "General Meeting" über die Vorschläge abgestimmt. Für eine Änderung braucht es sechs von acht Stimmen. Die britischen Verbände haben jeweils eine Stimme, die FIFA hat vier, die sie nicht splitten darf.