Sprunggewaltig, angriffslustig und voller Energie: So wie sich Darion Atkins beim Fotoshooting des Vereins vor einigen Wochen präsentierte, würden ihn die Bamberger Basketballfans auch gerne öfter auf dem Parkett der Brose-Arena erleben. Als bislang letztes Puzzleteil des Bamberger Kaders stieß der 27-jährige US-Amerikaner eine Woche vor Weihnachten zum Team, ist aber zwei Monate später noch auf der Suche nach seiner Rolle auf dem Feld. "Ich bin noch dabei, meinen Rhythmus zu finden. Ich versuche, mit viel Energie zu spielen, die Bälle zu verteilen und nicht zu egoistisch zu spielen, da ich ja noch recht neu im Team bin", erklärt der Power Forward.

Nachdem die Bamberger Verantwortlichen den Vertrag mit dem Venezolaner Michael Carrera Mitte November aufgelöst hatten, begaben sie sich auf die Suche nach einem athletischen Spieler für die Positionen 4 und 5 und wurden fünf Wochen später auf Teneriffa fündig.

Der spanische Erstligist Iberostar Teneriffa war nach Hapoel Holon und SIG Straßburg der dritte Verein für den US-Amerikaner in Europa. Doch im Gegensatz zu seinen vorherigen Stationen in Israel und Frankreich kam Atkins im tief besetzten Team des Bamberger Gruppengegners in der Champions League nicht so recht zum Zug (4 Punkte und 2 Rebounds in durchschnittlich 11 Minuten).

Die Abstimmung passt noch nicht

Nur geringfügig mehr Spielanteile (13 Minuten in der Bundesliga) erhält der 2,03-Meter-Mann bisher im Brose-Trikot. "Mit meiner Rolle kann ich leben, aber mit meiner Produktivität in diesen Minuten bin ich nicht zufrieden", sagt Atkins. "Ich habe das Gefühl, dass ich dem Team mehr geben kann. Ich muss mich beweisen." Bis dato zu selten unter Beweis gestellt hat Atkins seine ohne Frage vorhandene Athletik, auf die sich nicht nur die Fans gefreut haben. "Er ein sehr spektakulärer Spieler, der auch die Zuschauer mitreißen wird", prophezeite Brose-Aufbauspieler Paris Lee kurz nach der Verpflichtung Atkins.

Eine Kostprobe seiner athletischen Fähigkeiten präsentierte der 27-Jährige zuletzt im Heimspiel gegen Hamburg, als er im zweiten Viertel nach einer Pick-and-Roll-Variante und Pass von Retin Obasohan spektakulär per Alley-Oop abschloss. "Diese Lob-Pässe nach dem Pick-and-Roll sind etwas, was unserem Spiel fehlt. Da stimmt die Abstimmung mit den Guards und das Timing noch nicht ganz", erklärt Atkins. "Aber es wird immer besser. Ich werde künftig versuchen, mich häufiger zum Korb abzurollen anstatt Richtung Mitteldistanz zu gehen."

Während die Chemie auf dem Parkett noch ausbaufähig ist, versteht sich Aktins abseits des Feldes prächtig mit seinen neuen Teamkollegen. Bereits vor seiner Ankunft in Franken waren ihm einige Gesichter vertraut. Mit Tré McLean lief er 2017 gemeinsam für die Phoenix Suns in der NBA Summer League auf, Kameron Taylor kommt aus der gleichen Stadt, Clinton im US-Bundesstaat Maryland. "Ich habe Kam früher jeden Sommer Basketballspielen gesehen", sagt Atkins.

Den engsten Kontakt pflegt er aber zu Assem Marei. Die beiden "Big Men" eint, dass sie sich vor wenigen Monaten zum ersten Mal über eigenen Nachwuchs freuen durften. "Es ist sehr cool, mit Assem und Bryce zwei Teamkollegen zu haben, die auch frisch Vater geworden sind. Wir tauschen uns viel über unsere Vater-Erfahrungen aus und haben uns schon zweimal gemeinsam mit unseren Kindern und Ehefrauen getroffen", erzählt Atkins, dessen Sohn Ira am 27. September September in Spanien geboren wurde.

Zwillingsbruder arbeitet als Model

Am 17. September 1992 erblickte Darion das Licht der Welt - eine Minute früher als sein Zwillingsbruder Darius. "Sie sind so unterschiedlich wie Tag und Nacht", gab Mutter Minette Atkins vor einigen Jahren bei der "Washington Post" zu Protokoll. "Oh ja, da stimme ich ihr definitiv zu. Wir sind zwar fast gleich groß, aber unsere Interessen sind komplett unterschiedlich. Trotzdem ist unser Draht sehr eng, wir stehen ständig im Kontakt", sagt Atkins.

Während Darion früh seine Liebe zum Basketball entdeckte, konnte sich Darius weniger für die typischen US-Sportarten begeistern. Seine Leidenschaft galt bereits im Kindesalter dem Tanz. Von seinen Mitschülern musste er für sein Hobby früh Häme einstecken, sein "größerer" Bruder Darion versuchte stets, ihn vor den Anfeindungen zu verteidigen. Nach der vierten Klasse trennten sich die Schulwege der Zwillingsbrüder. Darius genoss später an einer Ballettschule eine professionelle Tanzausbildung. Heute verdient er sein Geld in New York hauptsächlich als Model.

Zu einem Modellathleten entwickelte sich Darion in seiner Jugendzeit. Mit seiner unglaublichen Armspannweite (heute 2,18 Meter) und dem richtigen Timing brachte er es im Schnitt auf mehr als sieben Blocks pro Spiel an der High School. Atkins hatte bei der College-Wahl folglich die Qual der Wahl. Er entschied sich für die University of Virginia, die im vergangenen Jahr mit dem Gewinn der Basketball-College-Meisterschaft ihren größten sportlichen Erfolg erlebte.

Atkins musste sich in seinen ersten drei Jahren in Geduld üben, kam über den Status des Rollenspielers nicht hinaus. In seinem letzten College-Jahr gelang ihm vor allem dank seiner defensiven Qualitäten der Durchbruch.

Er verdoppelte im Vergleich zur Vorsaison seine durchschnittlichen Werte bei den Minuten (von 10,4 auf 23,9), Punkten (von 3,0 auf 7,6), Rebounds (von 2,2 auf 6,0) und Blocks (von 0,5 auf 1,1). Atkins war nicht nur der Defensivanker seines Teams, sondern wurde 2015 sogar mit dem "Lefty Driesell Award" als bester Verteidiger aller US-Colleges ausgezeichnet. Damit befindet sich der 27-Jährige in illustrer Gesellschaft. So gewann unter anderem 2012 Anthony Davis diese Trophäe.

Während Letzterer sich schon längst zu einem Superstar in der NBA entwickelt hat und in dieser Saison seinen ersten Titel mit den Los Angeles Lakers anpeilt, versuchte Atkins, der beim Draft nicht berücksichtigt wurde, 2015 sein Glück bei den New York Knicks. Wenige Tage vor dem NBA-Saisonstart wurde Atkins allerdings aus dem Kader gestrichen und verbrachte die Spielzeit beim Entwicklungsteam der Knicks in der G-League.

In den Folgejahren trug er noch die Trikots der Golden State Warriors und Phoenix Suns - allerdings nur in der Summer League, und nie in einem Pflichtspiel. "Mein NBA-Traum lebt noch, aber ich fokussiere mich nicht darauf. Ich konzentriere mich darauf, jeden Tag besser zu werden und mein Bestes zu geben. Wohin mich das dann führt, wird man sehen", sagt Atkins.

In seiner vorübergehenden Heimat Deutschland habe er sich jedenfalls gut eingelebt. "In Deutschland gefällt es mir bisher mit am besten. Ich mag es, dass hier die Dinge schnell und in geregelten Bahnen vonstattengehen."

Und was weiß er bereits über Bamberg? "Dass die Menschen Bier sehr mögen, es viele Brauereien und sogar einen Bier-Wanderweg gibt", sagt Atkins lächelnd und fügt an: "Ich trinke auch mal ganz gern ein Bier, aber natürlich nur nach Spielen oder an einem freien Tag."

Energie getankt in Marokko

Fünf Tage zur freien Verfügung hatten die Bamberger Spieler in der vergangenen Woche. Atkins nutzte die Zeit zum "Sonne tanken" mit Frau Brianna und Söhnchen Ira in Marokko.

Mit neuer Energie wollen Atkins und seine Teamkollegen die kommenden Aufgaben in der Bundesliga angehen. "Ich bin aktuell noch nicht konstant in meinen Leistungen, das gleiche gilt für das ganze Team. Die Spieler, das Trainerteam und die ganze Organisation befinden sich aktuell in einem Lernprozess", sagt Atkins. "Wir müssen es einfach schaffen, immer so gut und mit so einer Leichtigkeit wie gegen Teneriffa zu spielen. Und ich bin zuversichtlich, dass das klappen wird. Denn am Ende ist es keine Raketenwissenschaft, sondern nur Basketball."

Zur Person

Geboren: 17. September 1992

Größe/Gewicht: 2,03 Meter / 104 Kilogramm Vertrag: bis 2020

Trikotnummer: 55

Position: Power Forward / Center

Statistiken: 5,8 Punkte; 3,1 Rebounds; 1,1 Blocks in 13 Minuten im Schnitt (BBL)

Bisherige Vereine: University of Virginia (2011 bis 2015), Westchester Knicks (2015/16, G-League), Hapoel Holon (2016/17, Israel), SIG Straßburg (2017/18, Frankreich), Hapoel Holon (2018/19, Israel), Iberostar Teneriffa (2019, Spanien)