Es war der Physiksaal der Martinschule, in dem am 7. Februar 1964 Geschichte geschrieben wurde. Der Fasching tobte landauf und landab seinem Höhepunkt entgegen. Mit ernsteren Themen befassten sich die Männer und Frauen, die an jenem Freitag vor über einem halben Jahrhundert am Hinteren Graben zusammenkamen: Sie gründeten die Bamberger Lebenshilfe, die Menschen mit geistiger Behinderung aus ihrer Isolation holte und heute über verschiedenste Einrichtungen in Stadt und Landkreis unterstützt. Ein Schritt, der auf so großes Interesse stieß, dass die Schulbänke nicht ausreichten. Ob die Pioniere wohl daran glaubten, dass sich ihr gemeinsamer Traum erfüllt? Vermutlich nicht, angesichts der damaligen Realität, die in der Publikation "Was hätte ich ohne Euch gemacht? Die Geschichte der Lebenshilfe Bamberg" nachzulesen ist.


Im Verborgenen

Ja, wie die Gesellschaft noch in den 60er Jahren mit "Sorgenkindern" (wie es früher hieß) umging, ist heute kaum mehr vorstellbar. "Für viele waren diese Kinder ein Makel", erinnerte sich Klaus Gallenz als Vorsitzender der Lebenshilfe Bamberg. Eltern schämten sich ihrer, verbargen die Jungen und Mädchen vor der Welt. Zumal Menschen mit geistiger Behinderung als "bildungsunfähig" galten und man betroffenen Kindern erst Ende der 60er Jahre mit der Einführung der Schulpflicht auch das Recht zubilligte, eine Schule zu besuchen.


Hilfsschulen im Kaiserreich

Dagegen hatte es schon im Kaisserreich ab 1881 Hilfsschulen für Lernbehinderte gegeben. In Bamberg wurde nach der Jahrhundertwende die Forderung laut, "besondere Klassen" einzurichten, wie Cosimo Mangione als Referent für Konzept- und Organisationsentwicklung bei der Lebenshilfe recherchierte. Er gestaltete einen Großteil der Publikation "Was hätte ich ohne Euch gemacht?", an der auch Christiane Hartleitner und Dominik Baum mitwirkten. Die erste Bamberger "Hilfsschule" entstand 1911: In einem "geräumigen Büro mit Vorzimmer" von Schloss Geyerswörth wurden 14 lernbehinderte Schüler anfangs unterrichtet. Bald aber war die räumliche Situation "untragbar" und die "besondere Klasse" zog in einen neu errichteten Anbau der Zentralschule (heute Martinschule), wo man nun sogar über einen eigenen Eingang verfügte. "Über dem Portal stand in Stein gemeißelt ,Grüß Gott', was den Volksmund dazu bewegte, die Schule als Grüßgottschule zu bezeichnen", heißt es in der Lebenshilfe-Chronik.

Menschen mit geistiger Behinderung aber blieb auch der Zugang zu Hilfsschulen verwehrt, was in den 50er Jahren zunehmend kritisiert wurde. So richtete man in Nürnberg Anfang der 60er Jahre erstmals "Sammelsonderklassen" ein, in die nun auch Kinder gehen durften, die bislang als "bildungsunfähig" galten. Was man in der Domstadt mit Interesse sah.

Der erste Sonderkindergarten

Die erste Bamberger Sonderschulklasse richtete die Lebenshilfe 1965 ein. Wobei sie im Jahr zuvor schon mit Hilfe von Spendengeldern einen Sonderkindergarten eröffnete, in dem 22 geistig und zum Teil auch körperbehinderte Kinder Aufnahme fanden. Allerdings waren auch die Räume im zweiten Stock des Hauses Promenade 1 ein Provisorium, das den Anforderungen kaum gerecht wurde. Endlich überließ die Stadt auf Drängen der damaligen Vorsitzenden der Lebenshilfe das ehemalige Waisenhaus am Unteren Kaulberg 30 dem Verein - und bald darauf wurden die ersten geistig behinderten Kinder hier unterrichtet.

In großen Schritten ging die Entwicklung weiter: Eine Tagesstätte eröffnete die Lebenshilfe 1966, ebenso eine "Anlernwerkstatt", in der sich die ersten acht behinderten Jugendlichen ausbilden ließen. Eine "Schulvorbereitende Einrichtung" wurde im Jahr darauf genehmigt. Und dann begannen schon die Planungen für den Bau eines Behinderten-Hilfe-Zentrums, denen 1972 der erste Spatenstich an der Moosstraße 114 folgte.


Heute selbstverständlich

Soweit unser Blick zurück zu den Anfängen der Bamberger Lebenshilfe: Einer Vereinigung, die dafür kämpfte, dass Jungen und Mädchen mit geistiger Behinderung heute ganz selbstverständlich zur Schule gehen. Dass sie in Werkstätten Fähigkeiten und Talente entwickeln können, um später vielleicht sogar auf dem ersten Arbeitsmarkt tätig zu werden. Während die jungen Leute in Wohnprojekten oder Wohnheimen ein Zuhause finden, in dem sie möglichst selbstbestimmt leben - wie in Bamberg, Memmelsdorf und Stegaurach: Begleitet von der "Lebenshilfe", die Menschen von der Geburt an bis ins hohe Alter die nötige Unterstützung bietet.

Ja, dafür engagierten sich die Pioniere, an die "Was hätte ich ohne Euch gemacht?" erinnert: Pioniere wie Kurt und Marie-Luise Straßberger, wie Eduard Klinger oder Josef Fischer als Rektor der Hilfsschule und erster Lebenshilfe-Vorsitzender, dem Bertold Scharfenberg folgte. Und wer an dieser Stelle noch mehr über die Historie erfahren möchte, kann sich bei der Lebenshilfe melden und eine Kopie der Publikation erhalten. Cosimo Mangione ist als Ansprechpartner unter 0951/ 18972210 zu erreichen.

Einen Beitrag über die Lebenshilfe Bamberg finden sie bei TV Oberfranken:

http://www.tvo.de/mediathek/video/zu-gast-vom-27-mai-2014/