"Es wollt ein Bauer früh aufstehn, wollt ' naus in seinen Acker gehn", beginnt das Lied noch ganz friedlich. "Falterieta rallala, falterietara." Während der einsame Held aber das Feld bestellt, beackert ein Haderlump sein "Lischen": "Und als der Bauer in d' Kammer kam, stand der Pfaff da, zog sei Hosen an", singen Christoph Lambertz und David Saam, die mit Kontrabass und Akkordeon auch die prompte Reaktion des Landwirts untermalen: "Da nahm der Bauer ein Ofenscheit und schlug den Pfaffen, dass er schreit. - Falterieta rallala, falterietara."

Am 1. Februar im Morphclub
So erzählen zwei Musikanten von Liebe, Lust und Leidenschaft in "Sexy Volksliedern", über die sich d' Leit schon in der guten alten Zeit amüsierten. Ein regelrechter Hype entwickelt sich seit "Sound of Heimat" eben um erotische Titel, wie sie nun auch wieder am 1. Februar bei Bambergs Volxmusik-Festival im Morphclub zu hören sind: Saams und Lambertz Auftritt in dem preisgekrönten Kinofilm von Arne Birkenstock und Jan Tengeler im vergangenen Jahr zeigt Wirkung.

"Seit ,Sound of Heimat" müssen wir überall ,Sexy Volkslieder' singen", berichtet Saam als Frontmann der Antistadl-Bewegung, die seit einem Jahrzehnt hinter der Botschaft "Volxmusik ist Rock 'n' Roll" steht. Das ganze Festival, bei dem die progressive Szene "Hampelmännern aus dem Fernsehen gehörig den Marsch bläst", entwickelt sich demnach zum "Exportschlager". Bis ins Rheinland dringt der Antistadl vor, der Ober- und Niederbayern längst infiltrierte: Am 22. Februar sind im Stadtgarten Köln Boxgalopp, die Kapelle Rohrfrei, Schäng Blasius Flönz Rakete - und die Mahrsmännchen zu erleben, die am 1. Februar schon auf der Morphclub-Bühne landen.

"Parallel dazu finden unsere Bamberger Veranstaltungen mehr Zuspruch von außerhalb. Aus Hessen und Schwaben reist das Publikum zum Teil schon an. Ja, wir befeuern auch den Tourismus."

Lieder um nackte Tatsachen
Aber zurück zur Erotik, nach der Saam und Lambertz das traditionelle Liedgut durchforsteten, um ein prickelndes Repertoire zusammenzustellen und mit Gleichgesinnten zu singen. Fundstücke aus diversen Jahrhunderten präsentieren die Volxsmusikanten seit 2009 bei Konzerten und Workshops, die durch den "Sound of Heimat" starken Aufwind bekamen. Übrigens soll der eingangs zitierte Titel aus dem 16. Jahrhundert stammen: "Ein Lied, das zeigt, wie gerne man schon in alter Zeit die Sexualität von Priestern thematisierte", meint Saam, der andere Fundstücke schon angeekelt fallen ließ, nachdem sie die Grenzen des guten Geschmacks überschritten.

"Manche Texte sind eben so derb, dass man sie nicht mit anderen Leuten singen möchte." So lange es aber nicht allzu heftig zur Sache geht, bei verschlüsselten Botschaften und zweideutigen Anspielungen bleibt, wandern frivole Lieder aus der Schmuddelecke der Volksmusikarchive ins Repertoire. Auch auf Vexierlieder setzt das Antistadl-Duo, wie der Musikethnologe berichtet. Wobei die entscheidenden Worte, die die jeweiligen Reime erwarten (und im Kopf jedes entsprechend vorgebildeten Hörers entstehen) lassen, nicht ausgesprochen werden.

Jenseits der "heilen Welt"
Auf diese Weise zeigen die Antistadl-Helden, dass Volksmusik das pralle Leben ist: Und singen mit ihren Fans sexy Lieder, die von einer Generation zur nächsten weitergegeben wurden. Ausgedient hat die "heile Welt" des "Musikantenstadl"-Schunkelpublikums, in der man sich keusch gab, um hinter den Kulissen sämtliche Masken (und oft auch Hüllen) fallen zu lassen.

Ein Skandal nach dem anderen erschütterte in den vergangenen Jahren schließlich die "Gute-Laune-Industrie", die der Antistadl 2003 aufzumischen begann. So gehören Saam & Co. zu den Pionieren einer Bewegung, die im "Sound of Heimat" porträtiert wurde, nachdem mehr und mehr Protagonisten im Lauf der Zeit auf den Zug aufsprangen.

Ekel vor Volksmusik?
Zuletzt noch ein Zitat Hayden Chisholms, der als neuseeländischer Jazzsaxophonist beschrieb, warum unsere Republik alternative progressive Volksmusik so nötig hat: "Dieselben Menschen [in Deutschland], die feuchte Augen bekommen, wenn ein alter Indio in den Anden zum tausendsten Male ,El Cóndor Pasa' in seine Panflöte bläst, kriegen Pickel, wenn man sie auf die Melodien ihrer Heimat anspricht."