Was ist denn jetzt los? In der proppenvoll gestopften Metzgerei quetscht sich eine Frau mit ihrer braunen Wurst-Tüte in der Hand an der Schlange vorbei - und bleibt bei Dominik Bräcklein kurz stehen. Zack, schon streichelt sie über die Jacke des 20-Jährigen. "Damitst ma aweng Glück bringst", sagt sie und ist aus der Tür raus.

Ich schaue ihn mit Fragezeichen in den Augen an. Werdet ihr häufiger angefasst? "Ja. Meistens dreh'n die Leut am Knöpfla", sagt Domink und tut genau das mit einem goldenen Knopf an seiner Brust, der auf der schwarzen Arbeitskleidung glänzt. Das ist irgendwie nett, diese Sache mit dem Glück-Bringen.

Fünf Stunden früher, um sieben Uhr morgens, stehe ich an meinem Tag als Kaminkehrerin auf Dach Nummer 1. Es ist das Flachdach eines Firmengebäudes im Industriegebiet Trosdorf, hier warten acht Kamine. Patrick Hempel (27) erklärt mir, was ich zu tun habe: Das Türchen am Fuß des Kamins mit dem "Kaminschlüssel" öffnen und dann mit dem "Stoßbesen", eine Art langes Kabel mit Besen in Form einer überdimensionalen Löwenzahnblüte oben dran, in den Kamin schieben (siehe erstes Foto).

Während ich das störrische Teil durchs Türchen manövriere, geht plötzlich ein Fenster am Nachbarhaus auf und ein Mann guckt raus: "Fei schee sauber machen, damit ihr Glück bringt!" Jawoll, das mache ich. Will ja nicht den guten Ruf der "Schlotis" ruinieren. Mit diesem Namen ruft uns später in der Mittagspause die Verkäuferin in der Metzgerei, als unsere drei Leberkäsbrötla fertig sind. Der Leberkäs gehört genauso zum Selbstversuch wie die körperliche Arbeit.

Erst ganz rauf, dann ganz runter

Schon die zweite Station nach dem Flachdach hat es in sich: Ein Sägewerk in Bischberg. Wie bei jedem Haus geht es immer erst ganz rauf - aufs Dach -, dann ganz runter, in den Keller. Auf dem Dach kommt die "Leine" zum Einsatz: Ein Rundbesen, der an einer Kette an einem Seil hängt. Mit Gewicht, in Form einer Metallkugel (siehe zweites Foto). Damit ich den Besen den ganzen langen Kamin runter lassen kann.

Rund 1,6 Kilo wiegt die Kugel. Eigentlich kein Ding, aber da ich das Teil in jedem Schlot erst nach unten lassen und dann wieder nach oben ziehen muss, absolvier ich ein schönes Training für die Oberarme. Aber auch "Übungen" für die Oberschenkel fehlen nicht: Das Kamintürchen am Fuße des Schornsteins sitzt immer tief.

Also ab in die Hocke, Eimer hinstellen und Kamin ausschaufeln. Ganze 14 Eimer Asche hole ich heraus. "Deswegen kommen wir viel Mal pro Jahr ins Sägewerk. In einem Wohnhaus kehren wir zwei bis drei Mal pro Jahr, da kommt ungefähr ein halber Eimer zusammen", erklärt Patrick. Das ist das Hauptgeschäft: "In unserem Kehrbezirk sind neunzig Prozent Wohnhäuser."

Das trifft auch auf meine nächste Station zu. Im blauen Hochdach-Kombi der "Schlotis" düsen wir nach Weiher, im Radio läuft "Country Roads." Dominik singt mit. "Bayern 1 geht immer", sagt er. Dann ruft er plötzlich: "Ach, der Raab!" Hoch die Hand, winken. Überhaupt winken die Zwei daunernd. Egal, wo wir hinkommen, man kennt sich. Dominik sagt: "Des is ja des Schöne an dem Beruf, da kennst a Haufen Leut." - Zumindest in den Gemeinden Viereth-Trunstadt und Bischberg, dem Kehrbezirk der beiden Gesellen.

Etwa 2700 Anwesen

Etwa 2700 Anwesen betreuen sie, rund 20 am Tag. Mit mir im Schlepptau schaffen sie gerade mal die Hälfte. Doch ich werde gleich integriert, bei den Jungs, bei den Kunden. "Is des die neue Praktikantin?", fragen sie.

Die lernt gerade, dass sie im Wohnhaus beim Öffnen des Kamintürchens keine Sauerei machen darf, weil sonst die Leut' schimpfen. Und, dass man im Grunde schon nach dem ersten Kamin schwarz im Gesicht ist und nach Lagerfeuer riecht.

Egal, ob Wohnhaus, Schreinerei, Fabrik, Bauernhof - überall werden wir nett empfangen. Manchmal kriegen wir was zugesteckt. Frisch gebackenes Brot, Trinkgeld, Rotweinkuchen. "Früher haben Kaminkehrer in ihrem Zylinder manchmal Würscht versteckt, wenn welche im Kamin zum Räuchern gehangen waren", erzählt Dominik.
Wir sitzen im "Schloti"-Auto auf den schwarzen Sitzbezug-Schonern und fahren zum nächsten Einsatzort. Ich futtere Rotweinkuchen, Dominik und Patrick rauchen. "Der Schlot muss immer qualmen", sagt Dominik und lacht. Damit er das tut, kehre ich heute noch viele Kamine, und dabei auch ungeplant manchen Dachboden. Da ist es manchmal so eng, dass wir mit unserer Ausrüstung über den Boden bis zum Kamin robben müssen.

Mittlerweile bin ich durch große und kleine Dachluken geklettert, habe etwas über Schornsteinbauweisen gelernt, die strickende Helga aus der Tankstelle kennen gelernt und weiß, dass Schornsteinfeger in Bayern Kaminkehrer heißen. Um sieben Uhr habe ich angefangen, nun ist es halb vier.

Messungen an der Heizungsanlage

Als letzte Aufgabe muss ich heute Messungen an einer Heizungsanlage durchführen. Passen die Werte für Kohlenstoffmonoxid, Abgasverlust und Rußbild? Irgendwie kommt mir das merkwürdig unspektakulär vor nach dem ganzen Geklettere auf Dächern, mit Wind im Haar und Rußpartikeln in den Augen.

Zurück im Auto werde ich endlich den Nieser los, der mich schon den ganzen Tag in der Nase juckt. Fast erwarte ich eine schwarze Rußwolke und muss wegen dieser Vorstellung lachen. Auf Bayern 1 läuft jetzt "Danger Zone". Die Jungs wollen wissen, aus welchem Film das Lied ist. Ich überlege kurz - Top Gun! "Jawoll, endlich mal a Fraa, die des weiß", freuen sich Dominik und Patrick. Ich grinse.

Apropos Wissen: Warum glauben die Leute eigentlich, das Schlotfeger Glück bringen? "Wenn der Schlotfecha da war, brennt des Haus net", erklärt Domink. "Ruß ist noch mal brennbar. Deswegen putzen wir die Kamine aus." Und da ist sie auf einmal sehr einleuchtend, die Sache mit dem Gück-Bringen.