Es war einmal ein junger Mann, der musste zum Berufsberater. Wie das so üblich ist in der zwölften Klasse. Was er werden wollte, wusste er eigentlich nicht. Nur, was er gerne tat, Gitarre spielen nämlich, in "diversen Krachbands". Vor Ort fiel dem jungen Mann eine Broschüre in die Hand, darin las er, dass man Geigenbauer werden kann. "Gibt es so etwas auch für Gitarren?", fragte er den Beamten. "Naja, zumindest den Zupfinstrumentebauer gibt es", sagte der.
Das war 1992. Der junge Mann - Thomas Ochs - entschied sich nach Abitur und Zivildienst, nach Berlin zu gehen, um dort Biologie und Physik zu studieren. "Nach vier Semestern war die Luft raus", sagt er heute und lacht: "Eigentlich schon nach zwei." Thomas sitzt in der Wohnküche seines Hauses in Kemmern. Draußen überm Tor hängt ein Schild, ein orangefarbener Ochsenschädel auf schwarzem Grund. "Thomas Ochs. Gitarrenbau."

Hier, das heißt in der Werkstatt nebenan, entstehen die wahrscheinlich hochwertigsten Gitarren im Umkreis. 150 bis 200 Arbeitsstunden stecken in einem Modell, acht bis zehn Stück baut er pro Jahr. Heute weiß Thomas schon, was er nächsten Sommer bauen wird, so lange ist die Warteliste. Seit 2004 ist er selbstständig.


Meister und Diplomdesigner

Thomas hatte den Termin beim Berufsberater nicht vergessen. Er erfuhr, dass er als Bamberger aus einer Gegend unweit eines Zentrums für Instrumentenbau stammt. Also bewarb er sich bei Hanika in Baiersdorf und ließ sich ausbilden - zum Zupfinstrumentenbauer. Mittlerweile hat er auch den Meister und ist Diplomdesigner. Und vielleicht war die Zeit als Naturwissenschaftler in Berlin doch nicht vergebens: Seine Diplomarbeit handelte von einem Physiker, Michael Kasha, beziehungsweise dessen Forschungen zum Thema Akustik.

Das Schallloch der von Thomas Ochs entwickelten Kasha-Gitarre befindet sich dem Spieler zugewandt, die Innenkonstruktion ist asymmetrisch. Sie sieht also schon ein bisschen anders aus. "Es ist eine Konzertgitarre", erklärt Thomas, "die aber komplett anders funktioniert als eine klassische Konzertgitarre." Das meistverkaufte Modell aus seiner Werkstatt bleibt aber das "Modell Konzert". Denn: "Musiker sind konservative Menschen. Der gemeine E-Gitarrist kauft sich eine Fender oder Gibson. Das aufzubrechen, ist schwierig."

E-Gitarren macht er nämlich auch. Oder Bassgitarren. Oder einen E-Bass in Form eines Spitznamens, "Pico". Ein Auftrag, den Thomas dann leider doch nicht bekommen hat: "Machbar wäre es gewesen. Aber dann war wohl ein Kollege günstiger oder näher dran." Grundsätzlich ist genau das aber der Wettbewerbsvorteil, den der Kleinhandwerker im Einmann-Betrieb gegen die großen Namen ins Feld führt.


Spieler muss sich wohlfühlen

Im Vorgespräch ermittelt Thomas über Handgröße und persönliche Vorlieben, wie die Gitarre gebaut sein muss, damit sich der Spieler darauf wohlfühlt. Da die Kunden aus aller Welt kommen, kann er nicht jeden persönlich treffen. Manche schicken auch nur ihr Instrument nach Kemmern: "Anhand der Gitarre, die sie spielen und was sie darüber erzählen, kann ich mir schon ein Bild machen." Zwischen 5000 und 6000 Euro kostet eine echte Ochs. "Ausrutscher kann ich mir nicht erlauben."

In der Werkstatt stapeln sich dünne Bretter. Thomas spannt den Hals eines aktuellen Projekts in den Schraubstock. Ein Sonderfall: Der Kunde möchte einen besonders dicken Hals und eine spezielle Halsform, dicke Saiten. "Mir würde da die Hand wehtun. Aber er möchte das so haben und dann bekommt er auch so." Auch bezüglich des Materials hat dieser Gitarrist ganz besondere Vorstellungen: Adirondack-Fichte soll es sein. Wie bei den klassischen Westerngitarren der Firma Martin. Ein Importholz von der Ostküste der USA, bei einem anderen Modell kommt Cocobolo aus Mexiko zum Einsatz. Thomas nimmt aber auch gern einen Ahorn: "Man kann mit heimischen Hölzern alles machen", sagt er. "Es haben sich aber bestimmte Holzarten etabliert, die von den Kunden als besonders hochwertig angesehen werden."

Am Anfang hielt sich Thomas Ochs mit Reparaturen über Wasser. Mit der Zeit verbreiteten sich seine eigenen Modelle. Er macht sich einen Namen in der Szene. "Es gab schon Phasen, wo es knapp war", sagt er, "aber so richtig mies war es nie." Zusammen mit seiner Frau und den zwei kleinen Töchtern, die jetzt aus der Schule kommen und durch das Zimmer fetzen, lebt er im Haus, das früher, den Schwiegereltern gehörte. Thomas ist eben nicht nur Gitarrenbauer, sondern auch Daddy, seine Frau arbeitet Vollzeit. Wenn er dann, weil es Wichtigeres gibt, mal nur drei Stunden zum Gitarrenbauen kommt - sei's drum. "Mittlerweile schaffe ich ab und zu wieder acht Stunden. Aber nicht jeden Tag."

Thomas, stämmiger Typ, lückenlos tätowierte Arme, ist 43 Jahre alt, wirkt aber jünger. Es mag an diesem Lebensmodell liegen. Krach macht er immer noch, aber solchen, für den man sich nicht mehr schämen müsse. "Gloom Fire" heißt die Band. Und natürlich steht er mit einem eigenen Modell auf der Bühne, "Modell One". Er selbst möchte natürlich auch nichts anderes mehr spielen.