Auf den Schultischen in der Klasse 2 c der Rupprechtschule in Bamberg liegen aufgeschlagen die Schreibhefte. Ein gutes halbes Jahr haben die Kinder jetzt die Schreibschrift - in diesem Fall die vereinfachte Ausgangsschrift - eingeübt. Und ein Blick in die Hefte zeigt: Das Ergebnis kann sich durchaus sehen lassen.

Wir wollen von den Achtjährigen wissen, wie sie mit den geschwungenen Buchstaben klar kommen. Ob Druckschrift nicht besser ist. Oder vielleicht das Schreiben auf dem Computer. Ein Junge meldet sich. Computer wäre schon gut, sagt er. Weil die Buchstaben dann halt immer gleich ausschauen. Bei der Schreibschrift, naja, da gebe es schon mal Fehler.

Ein Mädchen sieht's anders. Schreibschrift sei einfach schöner, ein optisches Argument also. Es geht aber auch um Praktisches. Meint eine andere Schülerin. Sie verweist darauf, dass sie mit der Schreibschrift deutlich schneller schreiben kann als mit den Druckbuchstaben. Da müsse man immer wieder absetzen.

Schreibschrift macht den meisten Spaß

Glaubt man den Kindern, dann macht die Schreibschrift den meisten sehr viel Spaß. Auch wenn sich einige schwerer tun als andere. Zur Begründung wird angeführt, man höre und staune, man könne da seinen eigenen Schreibstil entwickeln. Ein Junge ergänzt, die Schreibschrift sei auch noch gut für die Hände. Kaum Argumente gegen die Schreibschrift also. Nicht ganz.

Natürlich gibt es auch die Computerfreunde, die lieber mit der Tastatur arbeiten. Weil die Buchstaben halt immer gleich gut gelingen. Nur die Buchstabensucherei auf der Tastatur halte ein wenig auf. Alles eine Frage der Übung, genauso wie bei der Schreibschrift, wende ich kurz ein. Um letztlich überrascht festzustellen, dass die Kinder die ganze politisch-wissenschaftliche Auseinandersetzung um Für und Wider einer Schreibschrift für sich längst verinnerlicht haben.

Für Ulrike Weiß, Lehrerin in der 2 c, kein Wunder. Die Kinder seien hoch motiviert und wollten mit dem Erlernen der Schreibschrift - ähnlich wie die Erwachsenen - ihr eigenes Schriftbild ausprägen. Aber sie macht auch Einschränkungen. Seit 21 Jahren im Grundschulunterricht, macht die Pädagogin bei der Feinmotorik der Kinder zunehmend Defizite aus. Gründe: Bewegungsarmut, zunehmende Digitalisierung. Das alles ist für allerdings kein Grund, auf die Schreibschrift zu verzichten. Eine Grundschule ohne Schreibschrift? Das kann und will sie sich nicht vorstellen.



Stimmen & Meinungen zur Schreibschrift

Pro Schreibschrift

Ludwig Spaenle, Kultusminister in Bayern
Im Lehrplan plus für die Grundschulen in Bayern geht es natürlich auch um die Schreibfertigkeiten. Erwartet wird, dass die Schülerinnen und Schüler mit ihrer dominanten Schreibhand eine verbundene Schrift schreiben. Spaenle wörtlich:"Schreibschrift ist eine gute Möglichkeit, dass Kinder eine individuelle Handschrift ausprägen, mit der sie schnell und gut lesbar schreiben können."

Barbara Pflaum, Schulamtsdirektorin
Generell ist die Wertschätzung der persönlichen Handschrift zurückgegangen. Anders als früher wird auch der Lebenslauf bei Bewerbungen nicht mehr handschriftlich angefertigt. Aber: Die verbundene Schrift lässt ein flüssigeres Schreiben zu und bildet nach wie vor die Grundlage für eine persönliche Handschrift. Motorische Defizite der Kinder könne man ausgleichen.

Karin James ,Psychologin
Ihre Untersuchungen ergaben. dass Kinder, die Buchstaben frei nachzeichneten, messbare Hirnaktivitäten in drei Bereichen zeigten. Kinder, die nur Punkte verbanden oder Buchstaben nur tippten, zeigten diesen Lerneffekt nicht. Amerikanische Psychologen stellten zudem fest, dass Studenten besser lernen, wenn sie Notizen mit der Hand machten statt mit Computer zu arbeiten.

Stephanie Müller, Medienpädagogin
Etwa 70 Prozent der Schüler bringen nach dem Kindergarten nicht mehr die nötigen motorischen Voraussetzungen für die Schreibschrift mit. Die Gründe: Zu wenig Bewegung, fehlende Fingerfertigkeit, keine Eltern als Vorbilder, moderne Geräte wie Smartphones. Ihr Vorschlag: Zwischen Kita und Grundschule ein Jahr die Grundfähigkeiten und Voraussetzungen für das Schreiben lernen



Contra Schreibschrift

Irmeli Halinen, Finnische Lehrplanverantwortliche
Ab Herbst 2016 müssen finnische Kinder keine Schreibschrift mehr erlernen. Lehrer hatten beklagt, dass das Lernen der Schreibschrift zu viel Zeit beanspruche. Deshalb will man künftig mehr Wert auf IT-Fertigkeiten und die Fähigkeit, auf iPad und Computer zu schreiben, legen. Das Schreiben mit dem Stift erfolgt dann nur noch in Druckbuchstaben.

Beat Zemp, Schweizer Lehrerverband
Die "Schnürlischrift", eine spezielle Schreibschrift in der Schweiz, soll ebenfalls abgeschafft werden. Künftig soll eine Basisschrift mit nicht verbundenen Buchstaben zum Einsatz kommen. Eine Luzerner Arbeitsgruppe war überzeugt, dass die Schreibschrift mit ihren komplexen Formen überholt sei. Kinder würden mit Druckbuchstaben leserlicher und schneller schreiben.