Jetzt geht's zum ersten Mal richtig mit Blaulicht ab. Joel Legall und sein Kollege werden von der Einsatzzentrale zu einem Alarm in Ebern gerufen. Sie sollen dort ihre unterfränkischen Kollegen unterstützen: "Man weiß nie, was einen erwartet", sagt Polizeihauptmeister Legall. Es ist kurz nach 20 Uhr. Gerade eben hat die Streife mit Legall noch einen Affen hinter dem Steuer eines Autos bei Zapfendorf kontrolliert. Einen Affen? Es ist Pizza-Ausfahrer Christopher Kegel, der im Affen-Kostüm steckt. An diesem Samstagabend stehen einige Faschingsveranstaltungen an. Franken steht Kopf. Diese Tatsache wird die Dienstgruppe D der Polizei Bamberg-Land in dieser Nacht noch beschäftigen.

Seit 18 Uhr hat die Schicht wieder begonnen. Es steckt bereits ein Frühdienst von 6 bis 12 Uhr in den Knochen - und der Freitag. Heute Nachmittag hat sich Joel Legall noch einmal hingelegt. Ein paar Stunden, "sonst übersteht man die Nacht nicht". Und die wird lang: Der Dienst endet erst gegen 6 Uhr am Sonntagmorgen. Am Ende werden es in dieser Nacht allein 21 Einsätze werden, unzählige Alkoholkontrollen hinzukommen, auch die Asylbewerberheime werden sie regelmäßig auf Vorkommnisse überwachen.



Todesnachrichten überbringen
Der BMW beschleunigt. Das Martinshorn ist kaum zu überhören. Das Blaulicht leuchtet in die Nacht. Legall funkt die Zentrale in Bayreuth an. Eine Stimme meldet sich. "Wir sind laut Navi in elf Minuten am Einsatzort." Gefühlt geht es schneller. Ein Lidl-Markt hat Alarm ausgelöst. Ein solches Objekt ist in der Priorität weit oben. Ein Einbruch? Es kann alles sein. Autos verlangsamen, weichen aus. Das Polizeiauto schießt vorbei. Bis es in Ebern eintrifft. Zwei Personen vor dem Markt. Schnell wird klar: Fehlalarm. Legall und sein Kollege ziehen wieder ab.
Es geht zurück in den Heimatkreis. Jetzt wieder mit angepasster Geschwindigkeit. Wenn kein Einsatz ist, müssen sie sich wieder an die Verkehrsregeln halten. Rasen darf die Polizei nur in Ausnahmefällen, bei Gefahrensituationen etwa. Da seien die Regeln streng, sagt Legall.

Er ist jetzt seit zehn Jahren bei der Polizei, vier davon bei der Dienststelle Bamberg-Land. Das Härteste, was der 30-Jährige bisher mitmachen musste, war, Todesnachrichten zu überbringen. Ein schwerer Verkehrsunfall. "Es ist etwas, an das man sich nie gewöhnen kann." Denn es gebe keinen Ablauf, an den man sich halten könne.
Funkspruch von Net-Dispatcher Jürgen Röhdig, der auf der Wache in Bamberg die Einsätze neben der Bayreuther Zentrale disponiert: "In Hirschaid sollen Jugendliche randalieren, könnt ihr mal hinfahren?" "Geht klar." Nächster Auftrag. Blaulicht an und los. Sie werden unterstützt vom stellvertretenden Dienstgruppenleiter Wilhelm Siegemund. Der Polizeioberkommissar ist sozusagen Abteilungsleiter. Er übernimmt Verantwortung. Und fährt nun mit Polizeimeister Ulf Hülsz raus nach Hirschaid. Verstärkt auch von Hundeführer Rudolf Hinke, der im VW-Bus Diensthund Carlo dabei hat. Wie sich herausstellen wird, ist vor Ort keine Spur von randalierenden Jugendlichen. Wilhelm Siegemund bleibt noch und überwacht, die anderen ziehen ab.

Es geht nun wieder Richtung Bamberg: Meldung von "Tristan" - Schlangenlinienfahrer auf der B505. Die Verkehrspolizei ist hier zuständig. Bittet aber um Verstärkung. Doch der Fahrer wird nicht gefunden.

Die Polizei bekommt meist nur eine kurze Information. Was wirklich los ist, wird oft erst vor Ort klar. Deshalb muss Joel Legall mit seinem Kollegen gegen 22.30 Uhr auch wieder zum nächsten Einsatzort als Verstärkung anrücken. Funkspruch: Eine Frau ist in Viereth in ein Messer gefallen. Stichverletzung. "Das könnte alles sein." Suizidversuch oder häusliche Gewalt? Vor Ort ist bereits Gruppenleiter Siegemund. Es sei weniger schlimm als zunächst gedacht. Der Rettungsdienst ist da. Die junge Frau kann laufen und kommt ins Krankenhaus. Ihr Freund hatte die Polizei verständigt. Es war wohl tatsächlich ein Unfall. Der Mann wirkt geschockt. Die Beamten beruhigen ihn, machen Bilder und protokollieren den Vorfall. "Brauchen Sie einen Arzt?" "Nein, nein", sagt der Mann.


Lieber das Auto stehen lassen
Weiter geht es durch die Nacht. So langsam wird es hart. "Meinen Tiefpunkt habe ich meist um ein Uhr", sagt Polizeihauptmeister Legall. Die Zeit ist fast erreicht. Die Streife kontrolliert immer wieder Autofahrer. Ist einer auffällig unterwegs, hat vielleicht jemand etwas getrunken? In Memmelsdorf in der Seehofhalle geht es hoch her - Fasching. Ein Kleintransporter. Polizei. Anhalten.

Die Frau zeigt sich wenig begeistert. Sie habe nun die ganze Nacht bedient, wolle nach Hause. Doch Joel Legall lässt durchblicken: "Ich rieche Alkohol." Ein Test ergibt, dass sie knapp unter der 0,5-Promille-Grenze liegt. Ein halbes Bier hatte die Dame angegeben. "Das berühmte halbe Bier", sagt der Polizist und schickt die Frau nach Hause. Sie solle den Wagen jetzt stehen lassen. Sie wird verwarnt. Vor der Seehofhalle ist viel los. Ein junger Kerl macht Stress. Die Security ist überfordert. "Wir reden schon seit einer dreiviertel Stunde." Der Mann ist rausgeflogen, weil er einem anderen Schläge angedroht haben soll. Er streitet das ab. Joel Legall macht dem Betrunkenen klar, dass er besser nach Hause geht. Ein Platzverweis - Glück für den jungen Kerl: In den Akten wird nichts vermerkt.

Dann wird es etwas ruhiger in der Nacht. Die Streife kontrolliert in verschiedenen Gemeinden. Unter anderem in Strullendorf, wo ebenfalls eine Faschingsveranstaltung stattfindet. Ein Fahrer mit Forchheimer Kennzeichen wird angehalten. In seinem Kleinwagen liegt ein Sarg. "The Undertaker" steht darauf. Der Mann ist nüchtern und auf dem Weg nach Hause. Er hat zu Fasching einen Leichenbestatter gespielt. "Schauen Sie halt, dass Sie hinten noch was sehen", sagen die Polizisten zu ihm. Rundumsicht sei wichtig. Es ist zwar Fasching, aber Regeln müssen sein.

Dass Fasching ist, macht sich dann gegen drei Uhr bemerkbar. Joel Legall und sein Kollege wollen eben zur Wache, um sich aufzuwärmen. Die Nacht ist kalt. Minus sieben Grad. Die Scheiben der parkenden Autos sind vereist, die Polizisten langsam durchgefroren. Doch kurz vor dem Ziel der Funkspruch: ein Verletzter in Gunzendorf. Und als ob das nicht genügt: In Rattelsdorf gibt es ebenfalls einen Verletzten, auch in Ebing passiert etwas: eine Schlägerei. "Klar, es geschieht dann meist alles auf einmal", sagt Polizist Legall. Die Kollegen Markus Stöckl und Ulf Hülsz fahren nach Rattelsdorf, Kollegen aus einer anderen Dienstgruppe nach Ebing.

Legalls Streife wird nach Gunzendorf zur Disco beordert. Der Rettungsdienst ist schon vor Ort. Der Hundeführer und eine weitere Streife kommen hinzu. Die Menschenmassen strömen, denn die Band in der Diskothek hat eben aufgehört zu spielen. Aus dem Inneren wanken lustige Gestalten: amerikanische Polizisten, ein Paar, das sich als die "Turtles" verkleidet hat... Es ist recht viel Alkohol im Spiel.

Wenig erfreulich: Ein 21-Jähriger hat schwere Gesichtsverletzungen. Seine Nase ist gebrochen, ebenso sein Jochbein, er hat ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten. Die Lippe ist aufgeplatzt. Laut Zeugenaussagen soll ihn ein Unbekannter zu Boden geschlagen und getreten haben.

Hier zu ermitteln ist nicht leicht. Der Türsteher hatte die Polizei alarmiert. Auch er hat den Täter nicht gesehen. Die Polizisten haben nur eine vage Beschreibung. Alle Zeugen, die sie befragen, sind ziemlich gut dabei und scherzen mit den Beamten. Doch manch einer markiert den Harten und will eine Schlägerei vor der Diskothek anfangen. Legall und seine Kollegen müssen dazwischengehen. Sie schicken die Streithähne weg.
"Da wird heute wohl nicht mehr viel herauskommen", sagt der Polizist in die kalte Nacht hinein. Mit der Einschätzung wird er richtig liegen. Zu chaotisch ist es an dem Abend in Gunzendorf. Zu dürftig die Beschreibung des Tatablaufs.


Die Nacht geht normal zu Ende
Solche Fälle machen Legall und seinen Kollegen kaum Freude. Als die Streife wieder fahren will, reißt ein Betrunkener den Kofferraumdeckel auf. Legall springt aus dem Auto. Der Scherzkeks sprintet davon. Legall blickt ihm kopfschüttelnd hinterher, geht langsam ans Ende des Autos und verriegelt den Kofferraum. "Manchmal verliert man den Blick, dass es noch normale Leute gibt", sagt sein Kollege, der aus dem Grund seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will.

Sie fahren Richtung Wache. Auf dem Weg gibt es noch einen Auffahrunfall in Roßdorf am Forst. Die fröstelnde Nacht zieht in die Glieder. Trotzdem: "Der Beruf macht Spaß", sagt Joel Legall. Auch in einer anstrengenden Samstagnacht-Schicht, die für Fasching ganz normal war.


Drei Tage im Einsatz - der Ablauf im Schichtdienst
Freitag 12 Uhr bis 18 Uhr
Die 3-Tages-Schicht beginnt für die Dienstgruppe D der Polizei Bamberg-Land. Es werden die Streifen eingeteilt und besprochen, was alles in den vergangenen zwei Tagen passiert ist, als die D-Schicht frei hatte. Gibt es außerdem Fahndungen nach Personen? Das alles wird abgestimmt. Anschließend geht es auf Streife. Es müssen regelmäßig die Asylbewerberheime im Kreis abgefahren werden. Außerdem hält die Polizei Wache im Bereich Reckendorf, dort gab es nach einer Serie von möglichen Brandstiftungen ein Feuer in einer Schreinerei. Die Polizei schaut seitdem genauer in Reckendorf hin. An diesem Freitag kamen unter anderem noch ein Auffahrunfall in Scheßlitz und ein schwerer Unfall bei Naisa hinzu, dort wurden zwei Personen mittelschwer verletzt.

Samstag 6 Uhr bis 12 Uhr
Bereits früh am Tag geht es weiter. Wieder Besprechung. Was ist in der Nacht passiert? Ein Betrunkener wurde unter anderem in Zapfendorf angefahren. Nach der Besprechung und Einteilung geht es wieder auf Streife. In Stückbrunn bei Trunstadt hat ein Anwohner am Samstagmorgen bemerkt, dass sein Zaun beschädigt ist. Ein Stück weiter entfernt, steht ein kaputtes Auto im Graben. Möglicherweise ein Alkoholfahrt. Der Halter ist schnell ermittelt. Die mutmaßliche Fahrerin wird zu Hause mit einer ordentlichen Alkoholfahne angetroffen, doch können die Polizisten ihr nicht nachweisen, dass sie gefahren ist. Der Zaun werde aber bezahlt. Ein erneuter Auffahrunfall bei Scheßlitz wird von den Kollegen Ulf Hülsz und Markus Stöckl aufgenommen.

Samstag 18 Uhr bis Sonntag 6 Uhr
Das ist der härteste Teil der Drei-Tage-Schicht. Zwölf Stunden am Stück sind die Polizisten im Einsatz. Samstagabends ist meist am meisten los. An einem Faschingswochenende wie dem vergangenen sowieso. Verstärkt werden dann Alkoholkontrollen durchgeführt. Verkehrssicherheit ist schließlich eine Hauptaufgabe der Polizei. Daneben müssen die Streifenbeamten ihre Berichte schreiben. Doch dazu wird meist die Zeit knapp. Nach Schichtende hat die Dienstgruppe zwei Tage frei, bis die Drei-Tage-Schicht dann wieder von vorne beginnt.