Michael Maultiegel (73) hat über 40 Jahre als Dachdecker gearbeitet und bezieht trotzdem nur eine kleine Rente von 750 bis 760 Euro. Um zu sparen, hat er inzwischen sogar das Telefon abgeschafft. Umso wichtiger ist für den Rentner die Wärmestube von "Menschen in Not", wo er nicht nur Ansprache findet - wenn er sie sucht.
Auch die 72-jährige Lieselotte Bauer (Name von der Redaktion geändert) ist häufiger Gast. Die Bambergerin muss mit ähnlich wenig Geld auskommen: Ihr stehen rund 740 Euro zur Verfügung.

In Zeiten steigender Energiekosten macht die Wärmestube ihrem Namen alle Ehre. "Hier ist es schön warm. Da kann ich mir daheim die Heizung sparen", erklärt die lebhafte 72-Jährige, während ihr eher schweigsamer Tisch-Nachbar nickend zustimmt. Die Rechnungen für Strom und Gas sind nach den Erfahrungen von Peter Klein, dem hauptamtlichen Leiter des Treffpunkts von "Menschen in Not", inzwischen eines der größten Probleme für die Stammgäste.

Ein anderes ist die Einsamkeit. "Armut bedeutet Ausgrenzung", bringt es der Diplom-Sozialpädagoge auf den Punkt. Wer wie die beiden Bamberger Rentner jeden Euro eher drei als zwei Mal umdrehen muss, hat kein Geld zum Ausgehen und zur Teilnahme am gesellschaftlichen Leben in der Welterbestadt. Seit es die "Bamberger Kulturtafel" gibt, kommt zumindest Lieselotte Bauer gelegentlich wieder zu einem Theaterbesuch.

Michael Maultiegel ist schon so lange regelmäßiger Besucher der Wärmestube, dass er noch die alten Räume in der Königstraße kennt. Der ehemalige Handwerker lebt seit dem Tod seiner Lebensgefährtin allein und wäre wohl recht einsam, wenn es den Treffpunkt nicht gäbe. Einer der wenigen Sätze, die der freundliche, aber wortkarge Mann im FT-Gespräch sagt, lässt das erahnen: "Bloß Fernseh schauen kannst auch net."

So gesehen hat es Lieselotte Bauer noch gut. Sie hat zwei Kinder und zwei Enkel. (Ihretwegen möchte sie auch nicht mit dem richtigen Namen in Erscheinung treten.) Vor allem zur alleinerziehenden Tochter pflegt sie engen Kontakt: "Sie hilft mir und ich helf' ihr; da geht es schon." Kein bisschen verbittert wirkt die Frau, obwohl ihr Leben kein Zuckerschlecken war, wie sie erzählt: Mit neun Geschwistern aufgewachsen habe sie von jung auf immer gearbeitet und schließlich auch noch ihren schwer kranken Ehemann bis zu dessen Tod gepflegt. Trotzdem verströmt sie so viel Optimismus und Lebensmut, dass Klein sie "unseren Sonnenschein" nennt. Die bescheidene Rentnerin bleibt die Antwort nicht schuldig: "Da hinna bin ich auf der Sonnenseite!"

Zorn und Frust ob seiner schwierigen finanziellen Lage nach einem arbeitsreichen Leben scheinen auch Maultiegel fremd zu sein. Er hadert nicht damit, dass seine Gesundheit und Finanzen keine großen Sprünge mehr zulassen. Sie schimpfen auch nicht etwa auf die Politiker. Dass diese die Altersarmut endlich als Problem erkannt zu haben scheinen, heißen beide aber gut. Sie glauben nur nicht, dass sich für "die Kleinen" wie sie etwas zum Besseren ändern wird.

Lieselotte Bauer geht mit ihren 72 Jahren gelegentlich noch putzen, um sich einen Notgroschen auf die Seite legen zu können. Die "Gnadeneuros", die Arme in einem Bamberger Kloster erhalten, sammelt sie in einem Glas, um sich doch 'mal etwas außer der Reihe gönnen zu können. Am schwersten scheint es ihr anzukommen, dass sie die Enkel nicht so beschenken kann, wie sie es gerne würde. Wenn die Kinder bescheiden abwinken, weil sie wissen, wie knapp die Oma bei Kasse ist, tut ihr das offenbar weh: "Es ist traurig, wenn Du Deinen Enkeln nichts kaufen kannst!"

Lieselotte Bauer und Michael Maultiegel sind repräsentativ für die Hälfte aller Stammbesucher in der Bamberger Wärmestube. Nach der internen Statistik leben 50 Prozent in prekären Verhältnissen. Sie haben zwar ein Dach über dem Kopf, aber wenig mehr. Der größte Teil von ihnen (48 Prozent) lebt von einer kleinen Rente oder Grundsicherung. Für Klein und das große Team der Ehrenamtlichen, die den Betrieb am Laufen halten, ist es daher keine Frage, dass sie auch die Aufgabe haben, solchen Leute dabei zu helfen, ihr Geld zu "strecken".

Die warme Stube ist nur ein Hilfsangebot von vielen in der Siechenstraße 11. Besucher erhalten an fünf Tagen in der Woche eine kostenlose Mahlzeit zu Mittag, kleine Speisen und Getränke sowieso. Lieselotte Bauer lobt nicht nur das Essen. Alle, sagt sie, die sich dort engagieren, "geben ihr Bestes". Die Rentnerin nützt auch die Kleiderkammer und findet für ihre zierliche Figur offenbar immer etwas Passendes. Sie ist modisch angezogen und scheint Wert darauf zu legen, dass ihr niemand ansieht, mit wie wenig Geld sie auskommen muss. Wenn sie die Miete abzieht, bleiben ihr keine 430 Euro zum Leben.